Susanne Viktoria Haupt
28. August 2017

Mitten aus dem Leben

Seitenansicht Spezial: John Green

Betont lässig: der Schriftsteller John Green

Die sogenannte “Young Adult Literature”, also Literatur für junge Erwachsene erfreut sich seit einigen Jahren an besonderer Aufmerksamkeit. Mit der Roman-Reihe “Die Tribute von Panem” von Suzanne Collins wurden beispielsweise nicht nur weltweit mehrere hunderttausend Exemplare verkauft, sondern die epischen Verfilmungen lockten außerdem zahlreiche jugendliche Besucherinnen und Besucher ins Kino. Was aber auffällig ist, ist, dass sich scheinbar immer mehr Autorinnen und Autoren dazu verpflichtet fühlen, sowohl dem Wunsch nach “diversity” nachzugehen als auch gleichzeitig möglichst Geschichten mitten aus dem Leben aufs Papier zu bringen. Diese dürfen gerne tragisch sein, sich mit physischen und psychischen Erkrankungen, Verlust, starkem Liebeskummer und Existenz-Ängsten auseinandersetzen, denn damit sprechen sie vielen jungen Leserinnen und Lesern direkt aus dem Herzen. Underdogs in jeglicher Form betreten die literarische Bühne und zeigen, dass man gar nicht unbedingt “cool” sein muss, um Freunde zu finden. Jungs weinen, Mädchen trinken und sind frech, und Zärtlichkeiten werden schon lange nicht mehr nur zwischen diesen beiden Geschlechtern ausgetauscht. Das alles zusammen ist eine dankenswerte Entwicklung und dürfte die Leserschaft solcher Romane zu mehr Weitblick verhelfen, als den, von dem so mancher Erwachsener nur träumen kann.

Vor allem ein Name ist mittlerweile zum Inbegriff dieser Entwicklung der YA-Literatur geworden: John Green. Der Amerikaner hat zwar erst vier Romane veröffentlicht, aber seine Fan-Gemeinde ist schon riesig und die Kritikerinnen und Kritiker haben sich bisher bei jeder neuen Veröffentlichung vor Begeisterung glatt überschlagen. John Green erfüllt genau das, was die Jugend von heute offensichtlich haben möchte: Verständnis für das Leben als Teenager und eine ganze Palette neuer Heldinnen und Helden, die gerade durch ihre Ecken und Kanten auch liebenswert werden.

Starkes Debüt

Das Internat als Kosmos: “Eine wie Alaska”, Buchcover

In “Eine wie Alaska”, John Greens erstem Roman, wird die Geschichte des Jugendlichen Miles Halter erzählt, der ins Internat flüchtet. Daheim hat er ohnehin keine Freunde, und so passt ein richtiger Ortswechsel dem Jungen mit der Vorliebe für letzte Sätze ganz gut. Angekommen im Internat, freundet er sich gleich mit seinem Zimmergenossen Chip an, der von allen nur “The Colonel” genannt wird. Zu den “coolen Kids” gehört er nicht, aber “cool” liegt schließlich genau wie “schön” immer im Auge der Betrachter. Gemeinsam mit Chips Freunden Alaska, Lara und Takumi durchlebt Miles den Internats-Alltag und genießt die Freiheit, fernab von Zuhause zu sein. Vor allem Alaska hat es Miles angetan, die ihn durch ihre verwegene Art und eigenwillige Schönheit tief beeindruckt und schlussendlich auch sein Herz erobert. Aber nicht nur, dass Alaska vergeben ist, sie wird auch noch von einem traumatischen Erlebnis geplagt. Von Beginn des Buches an werden die geneigten Leser durch das Herunterzählen der Tage darauf hingewiesen, dass Miles und seinen Freunden etwas Grauenhaftes bevorsteht…

Das Katherine-Theorem

Neunzehnfacher Liebeskummer: “Die erste Liebe” von John Green, Buchcover

John Greens zweiter Roman trägt den Titel “Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)” und handelt vom Wunderkind Colin Singleton. Colin ist hochbegabt und alle Türen scheinen ihm offen zu stehen. Nur eine nicht, nämlich die zu seiner Ex-Freundin Katherine. Katherine ist auch gar nicht mal die erste ihrer Art, die Colin einen Laufpass oder Korb erteilt, sondern bereits die neunzehnte. Das Wunderkind hat nämlich die Eigenart, sich prinzipiell nur in Mädchen mit dem Namen Katherine zu verlieben. Gebeutelt vom Liebeskummer, fröhnt Colin nach dem Schulabschluss nun ein eher tristes Dasein. Wäre da nicht sein bester Freund Hassan, der bereits ein Jahr vor Colin seinen Schulabschluss gemacht hat und sich seitdem eine “Pause” gönnt. Um seinen besten Freund vom Liebeskummer mit den Katherines abzulenken, beschließt Hassan, mit Colin einen Road-Trip zu unternehmen. In bester Genre-Manier wird aus “Die erste Liebe” nicht nur ein Roman über jugendliche Verliebtheit, sondern auch über Freundschaft und Heureka-Momente. Genau wie in seinem Debüt sind bei Green auch hier die Figuren von einem liebevollen Blick seitens ihres Schöpfers geprägt und verfangen sich nur zu gerne in kleinen Verrücktheiten.

Ein Faible für Road-Trips

In 19 Stunden quer durch Amerika: “Margos Spuren”, Buchcover

Nachdem Green offenkundig sein Faible für Road-Trips entdeckt hatte, lässt er diesen auch in seinem dritten Werk “Margos Spuren” einfließen, der 2015 in einer Verfilmung unter anderem mit Model Cara Delevingne in die Kinos kam. In “Margos Spuren” geht es um Quentin, der von allen nur Q genannt wird. Die größte Aufmerksamkeit des Teenagers gilt seit jeher seiner Nachbarin Margo, mit der er seit seiner Kindheit eine interessante Freundschaft pflegt. Margo ist von eher wilder Persönlichkeit und handelt auch gerne impulsiv. Gemeinsam mit Q spielt sie regelmäßig ihren verflossenen Liebhabern Streiche, und gemeinsam beobachten die beiden anschließend freudig die Reaktionen auf ihre nächtlichen Taten. Eines Tages jedoch verschwindet Margo spurlos. Für Q ist das nichts Neues, denn Margo verschwindet häufiger, hinterlässt ihm aber immer kleine Spuren in Form von Hinweisen auf ihren Aufenthaltsort. Dieses eine Mal sieht Q sich aber dazu angehalten, Margo nachzureisen und sogleich begibt er sich gemeinsam mit seinen Freunden Ben und Radar und Margos bester Freundin Lacey auf einen abenteuerlichen Roadtrip in Richtung New York.

Herzzerreißendes Jugenddrama

Hazel und Gus bringen die Leser zum Weinen: John Greens “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”, Buchcover

Der wohl bekannteste und gefeierteste Roman von John Green ist aber “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”. Hazel ist 16 Jahre alt und hat metastasierenden Schilddrüsen-Krebs. Um einen einigermaßen guten Umgang mit ihrer schweren Erkrankung zu erlernen, besucht sie eine Selbsthilfegruppe für Krebs-Patienten. Dort trifft sie auf den siebzehnjährigen Augustus, der von allen nur Gus genannt wird und durch die Erkrankung an einem Knochen-Tumor ein Bein verloren hat und fortan eine Prothese trägt. Schnell entwickelt Hazel Gefühle für Gus, wehrt sich allerdings dagegen, da sie Angst hat, noch mehr Menschen zu verletzen. Für sich selbst ist sie eine “tickende Zeitbombe” und ihr mögliches Ableben durch die Krankheit wird aus ihrer Sicht auch ohne Gus schon genug Menschen verletzen. Aber Gus lässt nicht locker und erweicht mit viel Charme das Herz von Hazel. Während Gus als vorerst geheilt gilt, kämpft Hazel mit einer schweren Lungenentzündung, die sie zunehmend zu schwächen scheint. Für Gus ist es an der Zeit, sich einem Herzenswunsch von Hazel zu widmen, nämlich ihr großes Idol, den niederländischen Schriftsteller Peter van Houten kennenzulernen. Das Schicksal hat für die junge Liebe allerdings alles andere als rosige Zeiten vorgesehen und als Leserin fällt es von Kapitel zu Kapitel immer schwerer, nicht zu den Taschentüchern zu greifen. “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” ist der wohl dramatischste und traurigste Roman von John Grenn, der es 2014 sehr erfolgreich auf die Kino-Leinwand schaffte.

Doppelte Kreativität

Gemeinschafswerk mit David Levithan: “Will & Will”, Buchcover

Kein Einzelwerk, sondern eine Zusammenarbeit mit dem ebenso erfolgreichen amerikanischen Autor David Levithan ist der Roman “Will & Will”. Levithan ist vornehmlich dafür bekannt, homosexuelle Beziehungen in Jugend-Romanen präsent zu machen und dieses Thema mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen zu behandeln. In “Will & Will” geht es um zwei Jungen, die beide den Namen Will Grayson tragen. Während der eine Will seinem Leben einzig und allein Freude durch eine Internet-Bekanntschaft namens Isaac abgewinnen kann, würde der andere Will gerne möglichst unsichtbar durchs Leben gehen. Das allerdings erweist sich als deutlich schwierig, da sein bester Freund nicht nur extrem groß ist, sondern auch noch “extrem schwul”. Während der eine Will also mit der ungewollten Aufmerksamkeit kämpft, die sein bester Freund stets auf die beiden zieht, muss der andere Will schmerzlich erkennen, dass sein Isaac eigentlich nichts weiter ist als das Fantasie-Gebilde eines Mädchens namens Maura. Was aber weder Will noch Will wissen, ist, dass sich ihre Wege auf eigenartige Weise nicht nur kreuzen werden, sondern diese Kreuzung auch noch ihr ganzes Leben verändern wird…

John Green beweist in jedem einzelnen seiner Romane ein sicheres Händchen für Drama, Freundschaft, Liebe und das Seelenleben von Heranwachsenden und punktet mit seinen liebenswerten und nahbaren Protagonisten deutlich nicht nur mein Publikum im Teenager-Alter, sondern auch weit darüber hinaus. Ein Muss für jedes Bücher-Regal.

John Green: “Eine wie Alaska”, Roman, 304 Seiten, dtv, ISBN-13: 978-3423624039, 9,95 Euro

John Green: “Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)”, Roman, 320 Seiten, dtv, ISBN-13: 978-3423624497, 9,95 Euro

John Green: “Margos Spuren”, Roman, 336 Seiten, dtv, ISBN-13: 978-3423624992, 9,95 Euro

John Green: “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”, Roman, 336 Seiten, dtv, ISBN-13: 978-3423625838, 9,95 Euro

John Green und David Levithan: “Will & Will”, Roman, 384 Seiten, cbt, ISBN-13: 978-3570308851, 8,99 Euro

(Foto John Green: Gage Skidmore from Peoria, AZ, United States/Copyright: CC BY-SA 2.0)

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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