Matthias Rohl
2. Juni 2009

Filmgeschichte(n): „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“

Sex, Symbol und Schwindel oder „Was Sie schon immer über Hitchcock wissen wollten, aber Lacan nie zu fragen wagten“

Das Kamera-Auge fährt in extremer Großaufnahme direkt auf das maskenhafte Gesicht einer ätherisch schönen Frau zu. Wir sehen ihre lasziv geschminkten Lippen, dann tastet sich die voyeuristische Kamera weiter zu ihren Augen, verharrt schließlich in der rechten Pupille, in der eine rotierende Spirale eingezeichnet ist, die sich in den primären Farben des Films vergrößert. Saul Bass, der diesen Vorspann für Alfred Hitchcocks „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958) entwarf, revolutionierte mit einer einzigen graphischen Darstellung die Kunst des Titeldesigns, indem er für Hitchcocks Schlüsselmetapher des wiederkehrenden Spiralmotivs ein kongeniales Symbol für den psychologischen Strudel erfand, in den die Hauptfiguren und Zuschauer geraten sollten. Bereits in dieser Eröffnungssequenz, die als kleines Experimentalfilm-Meisterstück zu einem unauslöschlichen Teil unseres cineastischen Zeichenvorrates avancierte, zeigt sich in Vollendung jene schwindelerregende Bewegung, in welche der Film seine Zuschauer nach und nach unweigerlich versetzt. Und bis heute streiten Cineasten und Filmkritiker weltweit darüber, welchem Meisterstück die Ehre des ersten Platzes auf der ewigen Bestenliste gebührt: „Citizen Kane“ oder „Vertigo“?

“Vertigo - Aus dem Reich der Toten”, Filmplakat

Fast ein spätes Erbe des Surrealismus: „Vertigo“, Filmplakat

Morbider Jenseits-Appetit

Hitchcock stellt der eigentlichen Handlung einen Prolog voran: John „Scottie“ Ferguson (James Stewart) hat seinen Dienst als Police Detective quittiert, weil er bei einer Verfolgungsjagd hoch über den Dächern von San Francisco, an einer Dachrinne hängend, mitansehen musste, wie sein Kollege beim Versuch, ihn zu retten, in eine Häuserschlucht stürzte und starb. Seither leidet Ferguson an Akrophobie („Höhenangst“) und Schuldgefühl – eine psychologische Grundsituation, in der die Angst vor den Untiefen der eigenen Obsessionen eine toxische Verbindung eingeht mit der unbewussten, morbiden Sucht, in den finalen Abgrund zu fallen. Ein Jenseits-Appetit bricht sich Bahn, von dem der Held (noch) nichts weiß. Als er von seinem einstigen Studienkollegen und erfolgreichen Reeder Gavin Elster (Tom Helmore) den Auftrag erhält, dessen Frau Madeleine (Kim Novak) zu beschatten, scheint wieder Sinn in sein tagtraumverlorenes Leben Einzug zu halten.

“Vertigo”, Filmszene

Scottie (James Stewart) rettet Madeleine (Kim Novak) aus den Fluten der San Francisco Bay

Zwar lehnt Scottie den Auftrag zunächst ab, da ihn der Ehemann mit einer bizarren Geschichte über die angebliche psychische Verwirrung seiner todessehnsüchtigen Frau konfrontiert. Doch schließlich lenkt er ein und beschattet die blonde Schönheit, folgt ihr zu einem spanischen Missionsfriedhof, in ein Museum und in ein altes Hotel – bis er ihr schließlich das Leben rettet, als Madeleine am Ufer der Golden Gate Bridge mit einem Sturz ins Wasser Selbstmord begehen will. Inmitten der 2000 Jahre alten Bäume des Yosemite-Parks kommt es schließlich zu einer ersten Annäherung, am Meer zum ersten Kuss und zum beiderseitigen Eingeständnis der Liebe. Doch als Scottie Madeleine zur Mission von San Juan Baptista begleitet, nimmt die Geschichte eine unheilvolle Wendung, und der unter Höhenangst leidende Scottie kann nicht verhindern, dass Madeleine vom Glockenturm stürzt…

Hitchcock als „Anti-Platon“

Nach dem vermeintlichen Todessturz trifft Scottie auf der Straße Judy Barton (ebenfalls Kim Novak), die der Toten auf unheimliche Weise gleicht – und doch ganz anders ist. War, wie Hellmuth Karasek schrieb, „Madeleine ätherisch, so ist Judy mit dick geschminkten Lippen und kräftig gezogenen Augenbrauen animalisch; hatte die eine die platinblonden Haare straff zurückgefasst und wie in einem Sog, in den
Ferguson geriet, geringelt, so hat die andere wildes, ungebändigtes rotes Haar.“ Zeigte sich Madeleine im grauen, schmucklosen und züchtigen Kostüm, trägt Judy nicht einmal einen BH. Ferguson ist fasziniert von Judy, doch er nötigt sie, sich in Kleidung und Frisur nach und nach in Madeleine zu verwandeln. „Es sind Szenen einer bewegenden Nekrophilie, die gleichzeitig das kriminalistische Rätsel der Aufklärung zutreiben – bis Judy bei der Rekonstruktion des Verbrechens wirklich in den Tod stürzt. Ferguson ist von seiner Akrophobie geheilt – aber mit der Krankheit hat er das Leben, die Vergangenheit, die Liebe verloren“ (Karasek).

“Vertigo”, Filmszene

Zwischen Original und Fälschung: Die doppelte Kim Novak umgarnt den hilflosen James Stewart auf einem Pressefoto zum Filmstart von „Vertigo“

Der slowenische Philosoph und Lacan-Spezialist Slavoj Žižek hat in seinem Buch „Körperlose Organe“ (2005) eine ebenso gewagte, wie anregende Deutung des Films formuliert: „Der mörderische Furor, der Scottie ergreift, als er schließlich herausfindet, daß Judy, die er in Madeleine zu verwandeln suchte, tatsächlich (die Frau, die er als) Madeleine (kannte) ist, ist der Furor des enttäuschten Platonikers, wenn er entdeckt, daß das Original, das er mit Hilfe einer vollkommenen Kopie rekonstruieren will, an sich schon eine Kopie ist. Der Schock besteht hier nicht darin, daß das Original sich lediglich als Kopie erweist – eine gängige Täuschung, vor der uns der Platonismus ständig warnt -, sondern dass die Kopie oder das, was wir für eine Kopie hielten, sich als das Original erweist.“

Von der Avantgarde zum Kanon

Es erscheint für den heutigen Betrachter dieses Meisterstücks höchst erstaunlich, dass „Vertigo“ seinerzeit ein großer kommerzieller Reinfall war. Kaum zu glauben: Die meisten Kritiker verrissen den Film. So schrieb etwa der „New Yorker“ von „weit hergeholtem Unsinn“, „The London Observer“ fragte sich gar: „Die letzte halbe Stunde ist zäh wie Leder, bar jeder Spannung und alles andere als geheimnisvoll. Das einzige Geheimnis ist, wen das Ganze interessieren soll“. Inzwischen hat sich jedoch die Kritiker-Gemeinde eines besseren besonnen, und tatsächlich rangiert der Film seit seiner Wiederaufführung 1984 permanent unter den zehn wichtigsten Werken der ewigen Bestenliste, die von internationalen Filmkritikern alljährlich neu erstellt wird. Und man mag es als einen posthumen Triumph werten, dass selbst die schärfsten Skeptiker inzwischen zu echten Euphorikern gereift sind.

“Vertigo”, Filmszene

Der Meister und seine Muse: Regisseur Alfred Hitchcock mit Hauptdarstellerin Novak

So geschieht es oft: Was als Avantgarde beginnt, mündet in Kanonisierung: „Die Bilder verwandeln sich in leuchtende Ornamente einer Besessenheit, wie eine Folge von Gemälden, von Sog, Sturz, Bewegung erfüllt, in ihrer Komposition fast ein spätes Erbe des Surrealismus“ (Frankfurter Rundschau). Und kein geringerer als Martin Scorsese bekannte 1997 im Angesicht der aufwändigen Restaurierung der Originalbänder, für die die Universal Studios mehr als eine Million Dollar investierten: „Über die Jahre fühle ich mich immer wieder zu dem Film hingezogen, als würde ich in einen Strudel der Besessenheit hineingezogen, eine wunderschöne, irgendwie passende, fast albtraumartige Besessenheit, und ich denke, dass mich Jahre später sehr fasziniert hat, als ich zurückschaute und begriff, dass ein so hochpersönlicher Film am Ende des Studiosystems aus eben diesem Studiosystem mit großen Stars herauskommen konnte. Vertigo ragt heraus, weil der Film ganz furchtlos persönlich war. Ich glaube, darin liegt die Wahrhaftigkeit in dem Film. Deshalb bleibt er über die Jahre weiterhin interessant.“ Marty, you’re right!

nächste Folge:
„Boulevard der Dämmerung“
Ein Schimpanse im Sarg, Ratten im Pool, Buster Keaton am Spieltisch: Billy Wilder inszeniert den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm als bösen Psycho-Noir-Trip in die Dunkelkammern des Wahnsinns der Illusionsmaschine Hollywood

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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