Marcel Seniw
29. April 2017

Cleverer sein in der Crunchtime

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf

Wird er zum Joker gegen seinen Ex-Klub? Nach langer Zeit steht Charlison Benshop erstmals wieder im Kader von Hannover 96

Es war zum Haareraufen, was da letzte Woche gegen den FC Erzgebirge Aue in der Nachspielzeit geschah. Hannover 96 fing sich beim 2:2 mit dem Abpfiff noch den Ausgleich ein, und auch wenn man die Verantwortung dieses Gegentreffers gern an den Unparteiischen abgeben würde, weil dieser noch ein paar Sekunden auf die eigentlich abgelaufene Nachspielzeit draufpackte, so waren es doch die Hannoveraner, die sich auf dumme Art und Weise um zwei extrem wichtige Punkte im Aufstiegskrimi brachten. Das Team von Trainer André Breitenreiter verstand es zunächst nicht, das vorentscheidende 3:1 zu erzielen und dann gelang es in der Nachspielzeit nicht, die knappe Führung nach Hause zu schaukeln. Weder Iver Fossum noch Manuel Schmiedebach waren im Zentrum in der Lage, den Ball kurz vor Ende in Richtung Eckfahne zu treiben, um anständig an der Uhr zu drehen. Stattdessen verschlief Fossum eine gute Kontergelegenheit und Schmiedebach prügelte die Kugel nicht weit in des Gegners Hälfte, sondern nur noch knapp hinter die Mittellinie. Der Druck ist groß, aber so kopflos sollte ein Aufstiegsfavorit nicht um einen Ausgleich betteln.

Das ewige Thema: 50 plus 1

Unter der Woche stand dann mal wieder die alljährliche Mitgliederversammlung bei Hannover 96 an. Business as usual – auch in punkto Anfeindungen gegen Martin Kind. Wie so oft ging es dabei um den Streitfall “50+1″ – jene Regelung, die es Investoren untersagt, die Mehrheit an einem Profifußballklub als Privatperson zu übertragen. Martin Kind hat jahrelang dafür gekämpft, dass diese Regelung abgeschafft wird, um die Marke 96 attraktiver für potenzielle Geldgeber zu machen. Seinem Engagement ist wohl zu verdanken, dass es Sponsoren nun möglich ist, nach 20 Jahren der Förderung eines Klubs, diesen auch mehr als fünfzigprozentig übernehmen zu dürfen – eine Sonderregelung, versteht sich. Und wie es sich dann in Hannover gehört, zeigten sich manche Leute von ihrer allerbesten Seite: Während der Mitgliederversammlung stimmten nach null Uhr einige der Versammelten ein Geburtstagsständchen für Martin Kind an, welches von Buh- und Pfui-Rufen begleitet wurde. Manager Horst Heldt zeigte sich erschreckt über den Umgangston, und Heldt kennt immerhin Mitgliederversammlungen vor 10.000 Mitgliedern von FC Schalke 04, was ihn in dieser Hinsicht als nicht gerade zimperlich gelten lassen dürfte. Fakt ist, Hannover 96 ist als Verein zerrissen. Die Mitglieder des Breitensports stimmten pro Kind, die eingetragenen Mitglieder aus der Nordkurve dagegen. Die nötige Zweidrittel-Mehrheit erlangten die Kind-Gegner nicht, 60 Prozent waren allerdings schon recht nah dran. Die Anträge zur Kindschen Übernahme werden wohl dennoch bald in Richtung DFL geschickt, und die Gegenklagen werden auch nicht lange auf sich warten lassen. Ein Glück, dass die Profikicker Hannovers ihr Derby gegen Braunschweig gewonnen haben, denn einen Riss, wie wir ihn zwischen den Fans und der Vereinsführung Woche für Woche erleben dürfen, braucht das Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans nicht auch noch – schon gar nicht auf der Zielgeraden der gerade ablaufenden Zweitliga-Saison.

“O Fortuna”

Würde man den engen Aufstiegs-Endspurt musikalisch untermalen wollen, so wäre Carl Orffs “O Fortuna” aus der Carmina Burana sicherlich in der engeren Auswahl. Und als Ausruf betrachtet, passt es perfekt zur Situation von Fortuna Düsseldorf. Die Düsseldorfer holten aus den letzten fünf Partien gerade einmal zwei Zähler. Diese mickrige Ausbeute sorgte dafür, dass die Fortunen nur noch zwei Zähler vor den Abstiegsplätzen auf Platz 12 stehen. Mit einem 2:2, wie im Hinrundenspiel in der Esprit arena, könnte die Mannschaft von Trainer Friedhelm Funkel dann auch sicherlich leben. Hannover 96 hingegen weniger. Die Roten holten von zuletzt fünfzehn möglichen Punkten zwar starke elf, doch der Beigeschmack der zwei verlorenen Zähler im Erzgebirge sticht heraus. Am Sonntag müssen es unbedingt wieder drei werden, denn Union Berlin steht nach den Freitagspartien schon wieder punktgleich mit den Roten mit 57 Zählern auf Platz vier.

Hannover muss klüger werden

Die letzten Spiele stehen an. Im Basketball nennt man die Schlussphase eines Matches Crunchtime – und in ihr heben sich häufig die ganz Großen von den Guten ab. Hannover 96 ging zurecht mit dem Anspruch und Selbstvertrauen eines ganz Großen in die Saison, doch musste der Verein über den Saisonverlauf mehrfach feststellen, dass in der Crunchtime die wichtigen Dinge passieren. Während Hannover 96 gegen Aue Punkte in der 95. Minute Punkte liegen ließ, holten die Braunschweiger in der Rückrunde ihre Punkte sehr gerne hinten heraus. Und auch die Stuttgarter haben schon wichtige Punkte in der Nachspielzeit eingefahren, gerade erst heute geschehen beim 3:2-Erfolg nach 0:2-Rückstand in Nürnberg. Hannover 96 hat Platz zwei zwar noch in den eigenen Händen, doch wenn das Team sich so naiv anstellt, wie es in Aue der Fall war, dann müssen die Roten sich damit anfreunden, dass es vielleicht nur für die Relegation reicht – wenn überhaupt. Ich bleibe aber optimistisch: Hannover 96 wird morgen einen Schritt in die richtige Richtung machen und Fortuna Düsseldorf mit 3:1 bezwingen.

Sonntag, 30. April 2017, 13.30 Uhr:
Hannover 96 – Fortuna Düsseldorf

(Foto: Pressefoto/Hannover 96)

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Kategorien: Sports

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