Susanne Haupt
1. Mai 2017

Frankreich jenseits der Metropolen

Seitenansicht: “Das Ende von Eddy” von Édouard Louis

Ein Protagonist, der einfach nicht in das Bild passt: “Das Ende von Eddy” von Édouard Louis, Buchcover

Frankreich steht kurz vor der Wahl eines neuen Präsidenten. Oder aber einer neuen Präsidentin. Wir Deutschen schauen gespannt und angespannt auf unsere Nachbarn im Westen. Marine Le Pen, die Kandidatin des Front National ruft meist nur bei den ganz Rechten Begeisterung hervor. Sie will raus aus der EU, und ihre islamophoben Hasstiraden lassen einem die Galle hochkommen. Emmanuel Macron hat den Ruf eines neoliberalen Jungspundes inne, der wenig ändern wird und zudem allerhöchstens eine Marionette Rothschilds sei. Würde er gewählt werden, so sind sich einige Journalisten einig, würde er mit seiner Politik in den kommenden fünf Jahren nur den Weg für Marine Le Pen ebnen. Für viele Deutsche ist die Abkehr von den traditionellen Parteien in Frankreich ein Produkt der fürchterlichen Terroranschläge, die die dortige Bevölkerung erlitten hat. Doch auch, wenn diese grauenhaften Taten ihren Teil zur Stärkung des Front National beigetragen haben könnten, darf man nicht die Augen davor verschließen, dass es genau wie in jeder Gesellschaft auch in Frankreich einen Teil der Bevölkerung gibt, der alles andere als weltoffen agiert. Und auch in einem der liebsten Urlaubsländer der Deutschen existieren Armut und Kriminalität. Nicht nur unter Migranten.

Bereits 2014 erschien Édouard Louis’ autobiographischer Roman “Das Ende von Eddy”. Ein Buch, das gerade während des derzeitigen Wahlkampfes auch den Nicht-Franzosen einen Einblick in einen Teil der französischen Gesellschaft bietet, den man so wahrscheinlich nicht für möglich gehalten hatte. Édouard, eigentlich Eddy, wurde 1992 im nordfranzösischen Hallencourt geboren. Hallencourt liegt etwas westlich von Calais und hat keine 1500 Einwohner. In seinem schmalen Roman beschreibt Louis sich selbst als “anders” als die anderen Jungen. Er fuchtelt gerne beim Reden mit den Händen, seine Stimme ist deutlich höher als die der anderen und für den “typischen” Jungen-Kram interessiert er sich nicht. Vor allem interessiert er sich nicht für Mädchen. Zumindest nicht auf romantischer Ebene. Das klingt für einen aufgeschlossenen Menschen erst einmal überhaupt nicht schlimm, denn schließlich wissen wir, dass jeder Mensch nun mal ein echt wertvolles Unikat ist, und Homosexualität so normal wie das Atmen.

Aber Eddy wurde in eine Gesellschaft hineingeboren, die seine Persönlichkeit nicht akzeptieren konnte. In dem kleinen Dorf Hallencourt herrschte noch um die Jahrtausendwende herum ein Männer- und Frauenbild, dass vielen als sehr antiquiert und rückständig vorkommen dürfte. Männer hatten zu arbeiten und das Geld für die Familie zu verdienen. Chef war das unerschütterliche Familien-Oberhaupt, dass sich auch gerne mal mit einem Porno zurückziehen durfte. Die Frauen hingegen gingen entweder gar nicht arbeiten, oder aber suchten gezielt nach Jobs, die ihrem Geschlecht entsprachen. Verkäuferinnen und Altenpflegerinnen eben. Dabei wurde jedoch auch penibel darauf geachtet, dass die Frau nicht mehr verdiente als ihr Mann. Zur Not gab die Frau eben ihren Job wieder auf. So, wie es bei Eddys Mutter der Fall war. Auch die Bildung wurde nicht sonderlich ernst genommen. Die Jungen gingen häufig ohne Abschluss von der Mittelschule ab und fanden in der Fabrik eine Anstellung. Die Mädchen wurden oft früh schwanger, sowieso stand Schwangerschaft ganz oben auf ihrer Agenda. Denn ohne Schwangerschaft war man eben keine “richtige Frau”. Und während die Männer abends ihren Pastis tranken, kümmerten sich die Frauen mehr oder weniger um den Nachwuchs. Sollte aber doch mal jemand auf die Idee kommen, große Ambitionen zu hegen, so hält er sich wohl “für etwas Besseres” und wird zur Zielscheibe des dörflichen Unmuts.

Und dazwischen lebt eben Eddy, der irgendwie “feminin” ist, sich nicht raufen möchte, nicht Fußball spielen will und sowieso viel zu oft anfängt zu weinen. Seinem Umfeld bleibt seine Art keineswegs verborgen. Nicht nur, dass er von seinen Eltern oft zu hören bekommt, dass doch mit ihm etwas nicht stimmen würde, wird er auch in der Schule regelmäßig beschimpft und geschlagen. Irgendwann schlägt dieses Verhalten sogar auf die gesamte Dorfgemeinschaft um. Eddy steckt ein. Mit seinen rund zehn Jahren, hat er immer nur einen Wunsch: einfach “normal” sein. Und dafür tut er im Laufe der Geschichte auch eine ganze Menge. Bis er irgendwann glaubt, einen Ausweg aus seiner Misere gefunden zu haben…

Èdouard Louis erzählt in klarer Sprache von einem Leben, dass befremdlich wirkt. Neben den tradierten Rollenbildern berichtet er von schrecklichen Lebensumständen. Von kaputten Fenstern, nicht vorhandenen Türen, feuchten Wänden und großer finanzieller Not, die seine Familie immer wieder versucht, zu verstecken. Auch wird deutlich, dass der Alltag von offenem Rassimus und tiefsitzender Homophobie geprägt ist. Da sind beispielsweise die “Kaffer”, die nichts können und nur kriminell sind, und die Araber, die ohnehin zu den schlimmsten Gestalten gehören. Selbstverständlich sind da auch immer wieder “die da oben”, die Bürgerlichen, die Studierten, auf die man mit Hohn und Unverständnis herabschaut. Und die “Schwulis”, die als Nachwuchs nun mal nichts taugen und der Familie nur Schande bringen. Schlussendlich erscheint es einem so, als ob nur der Hass und die Respektlosigkeit gegenüber allen anderen einen das eigene Leben ertragen lassen. All die Armut, die Ausweglosigkeit, das ungelebte Leben und all der daraus resultierende Groll auf einen selbst, der sich auch nicht in zwei Liter Pastis auflösen lässt.

“Das Ende von Eddy” ist ein gesellschaftliches Panorama der ländlichen Bevölkerung Frankreichs und Èdouard Louis war mutig genug auch seine eigenen seelischen Verletzungen ein Stück weit in den Fokus zu rücken. Dabei ist sein Roman weder eine “Abrechnung”, noch ein “Friedenspakt” mit der Vergangenheit des Schriftstellers, sondern ganz in der Manier eines Studenten der Soziologie eine Reflektion der Geschehnisse unter Einbeziehung gesellschaftlicher Dynamik. Und so gab Louis nicht nur sich selbst, sondern auch jenen eine starke Stimme, die sich vom “Rest der Gesellschaft” ausgeschlossen fühlen. Ein Roman, der viel mehr zum Dialog anregen kann.

Édouard Louis: “Das Ende von Eddy”, 208 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3100022776, 18,99 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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