Susanne Haupt
15. Mai 2017

Vom Weg in den Wahnsinn

Seitenansicht: “Die Vegetarierin” von Han Kang

Kurze Geschichte der Transformation eines Menschen: “Die Vegetarierin” von Han Kang, Buchcover

Sich fleischlos zu ernähren, ist heutzutage an sich nichts Ungewöhnliches mehr. Sogar Mediziner raten dazu, den Fleischkonsum zu Gunsten der Gesundheit einzuschränken, und innerhalb der Gesellschaft eckt man mit vegetarischer Ernährung auch deutlich seltener an als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Es gibt zwar immer noch Stimmen von Fleisch-Liebhabern, die herablassend auf Vegetarier oder Veganer blicken, und dieser Blick mischt sich auch nur zu gerne mit Spott und Hohn, aber irgendwie scheint die Co-Existenz von beiden Gruppen inzwischen einigermaßen zu funktionieren. Selbst viele Schulkantinen bieten zumindest vegetarische Menüs an, und auch in Firmen muss man sich als Fleischloser in den Kantinen oft nicht mehr nur von den Beilagen ernähren.

Ganz anders verhält es sich jedoch in dem Roman “Die Vegetarierin” von Han Kang. In ihrem mehrfach ausgezeichneten und viel gelobten Werk dreht sich alles um die junge Südkoreanerin Yong-Hye. Das Drama besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil wird Yong-Hyes Schicksal von ihrem Ehemann geschildert. Seine Frau hat er sich keineswegs aus Liebe, sondern aus Bequemlichkeit ausgesucht. Ihre Unscheinbarkeit und vor allem ihre Gewöhnlichkeit passen genau in sein Leben. Er, der sich selbst nie herausgefordert hatte, wollte auch eine Frau, bei der er sich nicht anstrengend musste und derer er sich sicher sein konnte. In den vergangenen Jahren hatte das auch alles zu seiner Zufriedenheit funktioniert. Sie schläft mit ihm, kocht ihm sein Essen, und ansonsten glänzt sie durch ihre schweigsame Art. Bis zu jener Nacht, in der er sie aufgeregt in der Küche vorfindet. Zu ihren Füßen ausgebreitet sind sämtliche tierische Produkte aus dem Kühlschrank. Yong-Hye wirft alles weg und sagt, sie sei nun Vegetarierin. Auf die Frage nach dem Grund gibt sie nur an, dass sie einen Traum gehabt habe. Nur das, mehr nicht.

Währenddessen wird den Leserinnen und Lesern ein Einblick in Yong-Hyes verstörende Traumwelt geboten. Und es bleibt nicht nur bei der vegetarischen Ernährung. Auch scheint sich ihr gesamtes Wesen zu verändern. Nachts bekommt Yong-Hye kaum noch ein Auge zu und wird von immer wiederkehrenden Alpträumen geplagt. Tagsüber wirkt sie fahrig, isst nur sehr wenig, nimmt immer weiter ab, provoziert mit ihrer neuen Ernährungsweise und versagt ihrem Mann gar den Beischlaf. Für ihren Ehemann ist das ein zunehmend untragbarer Zustand, so dass er sich gezwungen sieht, die Familie seiner Frau einzuschalten. Ihre Familie, und vor allem ihr Vater, begegnen dem Verhalten von Yong-Hye mit großem Unverständnis. Von ihrem Weg lässt sich “die Vegetarierin” dennoch nicht abbringen und so greift sie nicht nur zu drastischen Mitteln, um dem Druck der Familie zu entgehen, sondern flüchtet sich auch immer mehr in eine Welt, die sich in all ihren Bedürfnissen und Grundregeln stark von der unseren zu unterscheiden scheint.

“Die Vegetarierin” ist ein gerade mal 190 Seiten starkes Buch, das vor allem durch seine einnehmende Sprache besticht und es so leicht möglich macht, es in einem Rutsch durchzulesen. Trotz klarer Sprache und schmalen Umfanges bebt der Roman noch lange nach. Aus drei verschiedenen Blickwinkeln wird die Entwicklung von Yong-Hye beleuchtet und alle drei Stimmen haben nicht nur eine andere Perspektive, sondern ziehen auch ihre ganz eigenen Konsequenzen aus dem Miteinander mit Yong-Hye. Nicht nur der Geisteszustand der Protagonistin wird deutlich in Frage gestellt, sondern darüber hinaus beleuchten die drei verschiedenen Stimmen, was das alles mit ihrer eigenen mentalen Gesundheit anzustellen vermag und in welcher Beziehung sie zur Welt von Yong-Hye stehen. Und schlussendlich auch, wer sich ebenfalls in diese gefährliche Welt mit hineinziehen lässt…

Genau wie die Erzählstimmen auch, beschäftigt man sich beim Lesen des Buches von Han Kang nicht nur mit den Gründen für die Wesensveränderungen der Protagonistin, sondern legt auch ganz eigene Erklärungsversuche an den Tag, versucht gar nach Verständnis zu suchen, und kommt immer wieder an den Punkt, an dem man sich fragt, wann “Verrücktheit” einfach nicht mehr auszuhalten ist. Weder für die betroffene Person selbst, noch für ihr Umfeld. “Die Vegetarierin” ist nicht so kafkaesk, wie viele Feuilletonisten das Buch angepriesen haben, aber durchaus eine beeindruckende und angenehm irritierende Geschichte, die länger nachhallt, als man zunächst glaubt.

Han Kang: “Die Vegetarierin”, Roman, 190 Seiten, Aufbau Verlag, ISBN-13: 978-3351036539, 18,95 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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