Susanne Viktoria Haupt
19. Mai 2017

Heiß? Heiß!

Zur laufenden Ausstellung “Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900″ stellen sich heute im Landesmuseum fünf versierte Poetinnen und Poeten dem Feld der Erotik

Das Thema Nacktheit reizt auch die größten Literaten: Goethe und Schiller nach einem Ausstellungsbesuch

Heinrich Heine sagte einmal: “Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern”. Recht hatte er, der gute Heine. Natürlich empfindet jeder das Nacktsein anders. Manch einer fühlt sich in seiner eigenen Haut nun mal nicht so wohl und vermeidet das Nacktsein außerhalb des Schlafzimmers. Für andere wiederum ist es eine Form von Lebensstil. Zur laufenden Ausstellung “Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900″ lud das Landesmuseum daher Nudisten aus ganz Deutschland ein, um die Kunst-Schau wahlweise im Adams- oder Eva-Kostüm zu besuchen. Die Fotos, die es von der Aktion gab, wurden natürlich sofort vom Social Media-Riesen Facebook gelöscht. Denn obwohl wir “alle nackt in unseren Kleidern stecken” und der nackte Körper etwas ganz Natürliches ist, ist die Darstellung davon immer noch irgendwie verpöhnt. Das soll keineswegs heißen, dass ich hier zu mehr Pornografie im öffentlichen Raum aufrufen möchte, aber den Anblick eines unbekleideten Popos hat sicherlich schon jeder einmal erfahren, und wirft man einen Blick auf die Werbewelt, kommt man um spärlich bekleidete Menschen ja auch kaum herum.

Nacktsein kann, muss aber auch nicht immer zwangsweise etwas mit Erotik oder gar Pornografie zu tun haben. Auch nicht in der Kunst. Ein nackter oder leicht bekleideter Körper kann nicht nur ein Gefühl von Erregung, sondern vielmehr auch eines von Sinnlichkeit oder bloßer Ästhetik hervorrufen. Die David-Statue von Michelangelo, die in der Galleria dell’Accademia in Florenz steht, würden beispielsweise wahrscheinlich die wenigsten als erotisch bezeichnen. Selbst die Werke, in denen Henri de Toulouse-Lautrec das Rotlicht-Millieu von Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts dargestellt hat, würde man heute wohl kaum noch unter Pornografie oder eindeutig erotischer Kunst verbuchen. Gustave Couberts Gemälde “Der Ursprung der Welt” hingegen – eine sehr realistische Darstellung einer Vulva, die im Musée d’Orsay in Paris hängt -, bringt oft noch den härtesten Museumsbesucher ins Schwitzen. Und das ist eben das “Ding” mit dem Nacktsein, mit der Erotik und mit diesem schmalen Grad zwischen “geht noch” und Pornografie. Mit dem schmalen Grad zwischen dem, was im gesellschaftlichen Konsens noch als angemessen gilt, und dem, wo man dann doch lieber den Kindern die Augen zuhält. Vor allem die subjektive Ästhetik spielt dabei auch immer noch eine große Rolle.

Wir erkennen also schnell, dass die Empfindungen, die das Nacktsein bei uns auslöst, an eine Vielzahl von Faktoren gekoppelt sind. Eigenes ästhetisches Empfinden, persönliche Grenzen, kulturelle Prägung, zeitliche Verortung des Sujets und ja, vielleicht auch eine gewisse Neugierde, spielen hier mit hinein. Daher ist es auch von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich, was der- oder diejenige als erotisch oder sinnlich betrachtet. Mit diesem scheinbar einfachen, aber beim näheren Überdenken dann doch nicht mehr so einfachen Feld der Erotik setzen sich heute fünf Poetinnen und Poeten beim “Macht Worte!”-Poetry Slam “Nackt und los!” auseinander. Mit dabei sind Leonie Warnke aus Leipzig, Yannick Steinkellner aus Herne, Jessy James LaFleur aus Berlin, Sabrina Schauer aus Hamburg und Kersten Flenter aus Hannover-Linden. Das Schöne an diesem Poetry Slam im Landesmuseum Hannover ist, dass man bereits um 18 Uhr einfallen kann und noch genug Zeit hat, um sich die Ausstellung “Nackt und bloß” vorher in aller Ruhe anzuschauen.

Freitag, 15. Oktober 2016:
“Nackt und los!”, Poetry Slam zur Ausstellung “Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900″, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, Willy-Brandt-Allee 5, 30169 Hannover, Einlass: 18 Uhr, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 8 Euro

  • Die Ausstellung “Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900″ läuft noch bis zum 11. Juni 2017
  • Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-17 Uhr, Sa und So 10-18 Uhr, Mo geschlossen
  • Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 8 Euro

(Foto:

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Kunst, Literatur, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel