Susanne Viktoria Haupt
5. Juni 2017

Ein aktueller Klassiker

Seitenansicht: “Die Taugenichtse” von Samuel Selvon

Endlich auch in deutscher Übersetzung: Samuel Selvons Roman “Die Taugenichtse”, Buchcover

Samuel Selvons Roman “Die Taugenichtse”, der im Orginal “The lonely Londoners” heißt, gilt als Klassiker der Migrations-Literatur. Bereits vor 61 Jahren erschien der Roman – nun ist er endlich auch in deutscher Sprache erhältlich. Und “Die Taugenichtse” ist anders, als man es vorab wahrscheinlich erwarten würde. Denn seine Stärke ist nicht nur, dass Selvon einen Querschnitt durch das damalige Migranten-Millieu abliefert, er hält sich auch mit Kritik an den eigenen Reihen nicht zurück.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Moses. Moses stammt ursprünglich aus Trinidad und wie viele andere fand er im Zuge des British Nationality Act von 1948 seinen Weg nach London. Aber schnell muss Moses erkennen, dass er trotz der Staatsbürgerschaft den weißen Staatsbürgern keinesfalls gleich gestellt ist. Und so arbeitet Moses Tag ein, Tag aus hart und ohne mit der Wimper zu zucken, um seinen spärlichen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Für ihn steht nämlich fest, dass er nur im äußersten Notfall Geld vom Staat beziehen würde. Für die anderen gilt Moses schnell als einer, der es “geschafft” hat, und einer, der “den Plan” hat. Deswegen tauchen auch immer wieder Neuankömmlinge aus Übersee auf seiner Bildfläche auf, die zu ihm geschickt werden, mit der Hoffnung, dass er ihnen Arbeit und ein Zimmer beschaffen könne. Woher dieser Irrglaube kommt, weiß allerdings selbst Moses nicht so richtig. So richtig angekommen fühlt er sich nach zehn Jahren nämlich auch noch nicht und das Heimweh liegt ihm von Tag zu Tag schwerer im Magen.

Für Moses ist es schwierig in London. Die guten Jobs werden natürlich nicht an Migranten verteilt. Viel mehr müssen sie sich alle mit niederen Arbeiten begnügen, die schwere körperliche Anstrengungen beinhalten und nur wenig Geld einbringen. Das einzige, was irgendwie unterstützend wirkt, ist die Gemeinschaft mit den anderen Migranten, die dasselbe erleben. Aber nicht jeder kann sich leicht auf die neue Umgebung einstellen oder sich gar mit dem Gedanken anfreunden, für diese Bedingungen arbeiten zu müssen. Moses bezeichnet diese Leute als diejenigen, die den Tüchtigen “in die Suppe spucken”. Wie beispielsweise Cap, der nicht nur dauernd die Zeche prellt, hohe Mietschulden anhäuft und sich immer wieder verdrückt, sondern auch den anderen Migranten gerne das Geld aus der Tasche zieht. An Arbeit mag er gar nicht denken. Viel lieber zieht er nachts durch London und versucht bei Frauen zu landen, die ihm dann ein warmes Essen ausgeben.

Manch anderer spart eifrig Geld, um die eigene Frau oder die kranke Mutter nachzuholen. Und nicht selten erleben sie dann die Überraschung, dass aus dem Zug nicht nur die eigene Mutter aussteigt, sondern diese auch noch gleich den Rest der Familie mitgebracht hat. Denn schließlich, so ließ man sich berichten, ist es in London zwar kalt, aber es gibt immerhin Arbeit, und wenn die schon genug abwirft, um die Mutter nachzuholen, dann doch auch bitte so viel, dass der Rest der Familie auch mit durchgebracht werden kann. So mancher kehrt sogar in London ein und glaubt, dass er keinerlei Hilfe braucht. Auch nicht die von Moses. Dass Job und Wohnung schon irgendwie aufzutreiben seien. Sie alle werden zwangsläufig eines Besseren belehrt. Und jene, die es wie Moses “geschafft” haben und einen einigermaßen respektablen Job vorweisen können, versuchen ihr Glück bei der weißen Damenwelt. Denn schließlich möchte man auch als Gentleman gelten, der eine Frau ins einladen kann…

Samuel Selvon stammte aus Trinidad und ging 1950 nach London, wo er eine Anstellung bei der indischen Botschaft fand. Seine Erzählungen, die stets einen kritischen Blick auf die gesellschaftliche Situation werfen, wurden in zahlreichen Magazinen abgedruckt. Hauptmerkmal seiner Werke war vor allem die Einführung von Kreol in die englischsprachige Literatur – eine Einwanderer-Sprache, die karibische Identität stiftete und den Weg für weitere wichtige Migrations-Literatur ebnete. Auch in “Die Taugenichtse” bediente er sich des Kreolischen und führt seine Leserschaft schon alleine über die Sprache in die Welt der Migranten ein, wie er sie kennengelernt hatte. Ein Roman, der differenziert und obgleich seiner eigentlich bedrückenden Thematik einen lässigen Schwung beinhaltet. Ein Klassiker der Migrationsliteratur, der im Original bereits 1956 erschien, aber gerade hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingsströme zum wichtigen Werk der Gegenwart avancieren könnte.

Samuel Selvon: “Die Taugenichtse”, Roman, 176 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423281171, 18 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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