Marcel Seniw
20. Mai 2017

Fußball, Du geiles Miststück!

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Saison-Finale beim SV Sandhausen

Der Inbegriff der (Zweitliga-)Fußball-Provinz: das BTW-Stadion am Hardtwald in Sandhausen

Fußball, Du wunderbares Spiel! Mal bist Du filigran, mal tölpelhaft. Hin und wieder an Spektakel nicht zu übertreffen, langweilst Du uns manchmal fast in den sonntäglichen Mittagsschlaf. Mal bist Du hart und bissig, mal müde – doch auch ohne Tore kannst Du uns durchaus begeistern. Du weckst Sehnsüchte, schürst Träume und bringst dann Leid und Tränen, und auch wenn Du Dich mal wieder von deiner hässlichsten Seite zeigst, so verehren wir Dich trotzdem. Am letzten Sonntag hast Du dafür gesorgt, dass weder in Hannover noch in Braunschweig Langeweile aufkam. Den einen verzücktest Du, den anderen hast Du brutalst vermöbeln lassen. Wir werden Dich wohl nie in Gänze verstehen, doch um eine Sache möchten wir Hannoveraner Dich bitten: Dreh am Sonntag bitte nicht wieder am Schicksalsrad, denn wenn Du uns jetzt noch den Aufstieg vermiesen willst, dann bist Du noch sadistischer als damals, als ich Dich als kleiner Steppke von zwölf Jahren kennenlernte und Du Manchester United in so einem gewissen Finale in Barcelona in der Nachspielzeit noch zweimal butzen ließest, Du Miststück. Ich stehe zwar auf Plot-Twists in Filmen, aber dieses Aufstiegsfinale braucht keine weitere sarkastische Pointe von Dir – das 6:0 unseres neuen Lieblingsfreundes Arminia Bielefeld gegen den BTSV am vergangenen Sonntag reicht für eine Saison völlig aus.

Noch ist alles möglich

Genug davon, schließlich wissen wir alle was Sache ist: Hannover 96 steht mit drei Punkten und einer um sechs Tore besseren Tordifferenz vor Rivale Eintracht Braunschweig auf Platz zwei der zweiten Bundesliga – punktgleich mit dem VfB Stuttgart. Hannover 96 muss in Sandhausen “nur” ein Unentschieden erreichen und das große Ziel des direkten Wiederaufstieges ist geschafft. Der Gipfel war dann doch um einige Punkte höher als gedacht, doch genau diese Enge im Aufstiegskampf brachte den Pfiff in diese Zweitliga-Saison. Doch der Fußball schreibt gerne bitterböse Kapitel, weshalb von Platz eins bis drei rein rechnerisch noch alles offen ist. Doch das Team von Trainer André Breitenreiter zeigte sich im letzten Drittel der Saison glücklicherweise als zu stabil, um sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Daher müsste es schon mit der hässlichsten Seite des Fußballs zugehen, wenn die Roten am Sonntag nach Abpfiff noch zwei weitere Spiele in der Relegation dieser Saison austragen müssten. Rechenspiele erspare ich unseren Lesern heute, denn wer konnte schon mit einem 6:0 der Bielefelder Arminia gegen Braunschweig rechnen? In dieser Liga ist alles möglich – und somit theoretisch auch, dass 96 diesen komfortablen Vorsprung noch vergeigt.

Hannovers Macher sind sich der Lage bewusst

Dass Hannover 96 noch nicht durch ist, vermittelten Sportdirektor Horst Heldt und Trainer Breitenreiter auf der Pressekonferenz zum letzten Saisonspiel beim SV Sandhausen auf sehr eindringliche Art und Weise. Breitenreiter war total auf den Gegner fokussiert, welchem er eine tolle Entwicklung trotz bescheidener Möglichkeiten attestierte: Sandhausen steht vor der sechsten Zweitligasaison in Serie, was für diesen Verein keine Selbstverständlichkeit ist. Horst Heldt hingegen gab den Mahner, dem die Aufstiegseuphorie der hannoverschen Medien ein Dorn im Auge ist. Denn noch haben die Roten den Aufstieg nicht in der Tasche, und genau aus diesem Grund will der Sportdirektor noch nichts von Festivitäten wissen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – eine gute Einstellung, die gegen den SV Sandhausen auch benötigt wird.

Heimspiel-Atmosphäre in Baden-Württemberg

Sandhausens Trainer Kenan Kocak hat dem VfB Stuttgart und vor allem der Braunschweiger Eintracht geschworen, das Spiel gegen Hannover 96 nicht abzuschenken und mit vollem Elan anzugehen. Der SV Sandhausen möchte sich auf bestmögliche Art und Weise von seinem Publikum in die Sommerpause verabschieden und könnte mit einem Sieg sogar seine historisch beste Platzierung in der Zweitliga-Geschichte erreichen. Blöd nur, dass die Hannoveraner aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel machen werden: Bei einem Fassungsvermögen von rund 15.000 Zuschauern im Stadion am Hardtwald wird der hannoversche Fan-Tross mit mindestens 7.000 Supportern morgen wohl für mehr Stimmung sorgen als das Heimpublikum.

Alles in der eigenen Hand

Welche Ironie in diesem Spiel stecken könnte, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Vor einem Jahr war Sandhausen noch der Inbegriff der Fußball-Provinz für hannoversche Medien, und jetzt findet das allesentscheidende Spiel für Hannover 96 genau in jener Provinz statt. Und wie schwer Sandhausen zu bespielen ist, erfuhren die Hannoveraner schon im Hinspiel, als es trotz drückender Überlegenheit nur zu einem 0:0 reichte. Ich hab eingangs schon einen Teufel an die Wand gemalt und den Sadismus des Fußballs zur Sprache gebracht, aber dennoch: Wenn es am Sonntag um circa 17:20 Uhr nicht zum direkten Aufstieg von Hannover 96 kommt, dann müsste sehr viel schief laufen. Die Vorzeichen stehen jedenfalls gut und Hannover 96 hat alles in der eigenen Hand.

Hannover minus drei

Ein Problem hat Hannover allerdings, denn der Sieg gegen den VfB Stuttgart war letzte Woche teuer erkauft: 96 muss morgen auf drei seiner herausragenden Akteure verzichten. Salif Sané, Hannovers bester Zweikämpfer, bezahlte den Sieg über den VfB mit einer roten Karte kurz vor Schluss – Sané ist dadurch für zwei Spiele gesperrt worden, was im Falle einer immer noch möglichen Relegation auch bedeuten würde, dass er im Hinspiel gesperrt wäre. Zudem muss Hannover 96 ohne seinen besten Goalgetter Martin Harnik auskommen, da dieser seine fünfte gelbe Karte sah, welche, ganz nebenbei bemerkt, ein Witz des Schiedsrichters auf Kosten der 96er war. Und zu allem Überdruss fehlt 96 auch noch sein bester Vorlagengeber Edgar Prib, der wegen seiner zehnten gelben Karte das Spiel in Sandhausen von außen erleben muss. Pribs Ausfall könnte schwer wiegen, verstand er es doch ausgezeichnet, den Offensivdrang seines Hintermannes Miiko Albornoz durch gutes Wechselspiel auch in der Defensive abzufangen. Hannover hielt in den letzten zehn Spielen neun Mal die Null – ob diese Serie trotz der schwerwiegenden Ausfälle von Prib und Sané Bestand haben wird, wage ich zu bezweifeln. Meine Prognose: Die Roten werden an diesem Sonntag wieder einen Gegentreffer kassieren, was aber dank zweier eigener Treffer nicht ins Gewicht fällt. 96 siegt in Sandhausen mit 2:1 und Horst Heldt kann die Festivitäten am Rathausplatz in die Wege leiten! Auch wenn der Fußball manchmal ein Miststück ist: Endlich wieder anständige Anstoßzeiten in der Bundesliga!

Sonntag, 21. Mai 2017, 15.30 Uhr:
SV Sandhausen – Hannover 96

(Foto: KatB/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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