Susanne Viktoria Haupt
19. Juni 2017

Der blinde Fleck

Seitenansicht: “Denunziation. Erzählungen aus Nordkorea” von Bandi

Alles in Reih und Glied, und wer dem nicht uneingeschränkt nachkommt, hat schlechte Karten: “Denunziation”, Buchcover

Wenn ich an Nordkorea denke, dann ist da irgendwie nur ein blinder Fleck. Wirklich viel weiß ich über dieses Land nicht. Ich weiß, dass sich Nordkorea Demokratische Volksrepublik nennt, aber eigentlich eine Militär-Diktatur ist. Manchmal schwirrt irgendwo eine Aufnahme des Diktators Kim Jong-un über den Bildschirm. Nordkorea hat häufig einen bedrohlichen Beigeschmack. Das kommt maßgeblich daher, dass es Journalisten nahezu unmöglich ist, wirklich über die Zustände innerhalb des Landes zu berichten und auch von innen keine oder nur spärliche Berichte nach außen geraten. Ein blinder Fleck eben. Man weiß, dass da ein Land ist, aber greifbar ist es nicht.

Und es ist auch alles andere als einfach, einen Einblick in dieses Land zu gewähren. Vor allem, wenn es ein halbwegs objektiver oder gar kritischer Blick sein soll. Journalisten werden gezielt nur an Orte gelassen, die für den Besuch vorbereitet wurden, und selbst dann finden diese Besuche nur in Begleitung von Staatspersonal statt. Kritische Stimmen sind innerhalb Nordkoreas strikt verboten, und man mag sich gar nicht ausmalen, was mit denen passiert, die sich ungeachtet aller Gefahren dennoch der herrschenden Regierung entgegenstellen. Berichte von oder über Menschen in Nordkorea sind daher eine Seltenheit. Einen noch höheren Seltenheitsgrad hat allerdings der Erzählband “Denunziation” von Bandi.

Bandi ist das Pseudonym eines Dissidenten, und warum dieser nicht unter seinem Klarnamen veröffentlich, lässt sich leicht nachvollziehen. Der Schriftsteller lebt nämlich noch in Nordkorea und wüsste man, wer diese Erzählungen verfasst hat, würde ihm sicherlich die Todesstrafe drohen. Bandi hat es aber irgendwie geschafft, sein Manuskript aus dem Land zu schmuggeln. “Denunziation. Erzählungen aus Nordkorea” wurde bereits in etliche Sprachen übersetzt und konnte einen großen Erfolg feiern. Zum einen, weil die Erzählungen einen Einblick in die prekären Lebensverhältnisse des Landes gewähren, zum anderen aber auch, weil sie zudem gut geschrieben sind. Alle Erzählungen sollen auf wahren Begebenheiten beruhen, wobei natürlich alle Namen und Orte so weit verändert wurden, dass man keinesfalls den Weg zum Verfasser rekonstruieren kann. Ein schwieriger Umstand, zumal sich die Echtheit keinesfalls überprüfen lässt, aber man den Worten von Bandi gerne Glauben schenkt, da sie eine Rarität darstellen.

Bandi entführt seine Leserinnen und Leser in ein deutlich kühles Nordkorea, wo Nahrungsmittel so knapp sind, dass es oftmals nur Mais zum Essen gibt. Und da auch Kohle sehr knapp ist, wird selbst im tiefsten Winter häufig mit nassen Sägespänen geheizt. Das brennt nicht gut und heizen tut es dadurch noch weniger. In Bandis Erzählungen steht vor allem eines im Vordergrund: Was passiert mit denen, die als “Feinde der Partei” gelten? Denn laut Bandi bedarf es gar nicht viel, um als “Feind der Partei” zu gelten. Zum Beispiel kann man schnell zum Feind werden, wenn einem unverschuldet eine staatliche Reis-Ernte eingegangen ist. Dann wird einem nicht nur der Beitritt zur Partei verwehrt, sondern auch der soziale und wirtschaftliche Aufstieg. Kinder von Feinden dürfen keine Klassensprecher werden und müssen Mobbing und körperliche Gewalt von Mitschülern über sich ergehen lassen. Vor allem, wenn der Peiniger Sohn oder Tochter eines hohen Parteimitgliedes ist. Frauen lassen Vergewaltigungen durch Parteimitglieder zu, damit ihrem Mann endlich der Beitritt gewährt wird. Alte Männer, die über viele Jahrzehnte hinweg treu gedient haben und sich dann ein einziges Mal dagegen wehren, dass die geliebte Ulme im Vorgarten beschnitten werden sollen, werden direkt als Verräter bezeichnet.

Häufig läuft in Bandis Erzählungen der Überwachungsapparat so schnell, dass einem beim Lesen fast schwindelig werden kann. Ein kleiner Aussetzer, eine winzige Revolte von Seiten eines alten Freundes – und sofort klingelt das heimische Telefon. Informationen müssen her über den neuen “Feind der Partei”, ganz gleich, ob er oder sie ansonsten stets treu war. Manch einem bleibt dann nur der Flucht-Gedanke. Zum Schutze der eigenen Familie wird ein kleines Boot an der Küste versteckt, welches man in einer Nacht und Nebel-Aktion mit Sack und Pack besteigt. Die Gefahren, vielleicht durch die Polizei, vielleicht aber auch durch ein Unwetter ums Leben zu kommen, werden in Kauf genommen. “Überall ist es besser als hier”, scheint die Devise zu sein und nach der Beendigung von “Denunziation” erscheint einem dies völlig logisch.

“Denunziation” zeigt ein Bild von einem Land, dass menschlich nie funktionieren kann. Ein Land, in dem keinerlei Freiheit geboten wird und eine Regierung existiert, die mit aller Macht versucht, ihren Bürgern immer wieder durch Propaganda zu vermitteln, dass dies ungeachtet aller Nöte doch die einzig richtige Regierungsform sei. Eine Regierung, die mit viel Spott auf andere Länder hinabblickt und ihren “Führer” wie einen Gott feiern lässt. Ein bedrückender Erzählband, bei dem man sicht wünscht, dass Fiktion die Wahrheit überwiegen möge – und vor allem, dass niemals jemand herausfindet, wer Bandi wirklich ist.

Bandi: “Denunziation”, Erzählungen, 224 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492058223, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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