Susanne Viktoria Haupt
3. Juli 2017

Lückenhaftes Gewebe

Seitenansicht: “Zwei Kontinente” von Jussi Valtonen

Ein wenig harmonisches Wiedersehen von Vater und Sohn: Jussi Valtonens “Zwei Kontinente”, Buchcover

Joe ist ein amerikanischer Neurowissenschaftler. In den 1990er-Jahren lernt er die junge Finnin Alina kennen und lieben. In rasender Geschwindigkeit entsteht aus den beiden nicht nur ein Liebespaar, sondern durch Alinas Schwangerschaft auch eine Ehe. Obgleich ihm Finnland gänzlich unbekannt ist, entscheidet Joe sich, mit Alina und Söhnchen Samuel nach Finnland zu ziehen und dort eine Stelle an einer Universität anzunehmen. Klingt vernünftig, aber für Joe passt einfach gar nichts. Er wird in Finnland nicht heimisch und auch die Liebe zu Alina brökelt schnell. Glücklich scheint keiner mehr zu sein, und so zieht Joe wieder zurück nach Amerika, während Alina und Samuel in Finnland zurückbleiben. Das Leben geht weiter und sowohl Alina als auch Joe lernen neue Partner kennen und gründen neue Familien. Es scheint fast so, als ob dieses kurze Ehe-Intermezzo keine Spuren hinterlassen und demnach auch keine Auswirkungen auf die Zukunft aller Beteiligten hätte.

Doch schon bald muss Joe erkennen, dass ihn seine erste Ehe auf einmal wieder einholt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten werden von einer Gruppe radikaler Tierschützer torpediert – und der Neurowissenschaftler kann sich das große Interesse daran zunächst gar nicht erklären. Bis er von Alina erfährt, dass sein Sohn Samuel mittlerweile in den Staaten lebt und als Tierschützer unterwegs ist. Für Joe eine einfache Sache, eins und eins zusammenzuzählen, aber es ist bereits zu spät, um den Einfluss von Samuels Kampf gegen seinen Vater von der Familie abzuwenden. Sowohl seine Arbeit als auch sein vorbildliches Familien-Leben leiden zunehmend unter dessen Angriffen. Dazu gesellen sich noch weitere Probleme, die zwar nichts mit Samuel zu tun haben, aber das Fass dennoch langsam aber sicher zum Überlaufen bringen…

Jussi Valtonen, geboren 1974, ist studierter Psychologe und “Zwei Kontinente” ist bereits sein vierter Roman. Doch erst mit ihm schaffte Valtonen den großen Durchbruch und erhielt schließlich Finnlands wichtigsten Literaturpreis “Finlandia”. So richtig warm wird man als Leserin mit der Geschichte rund um Joe und Samuel allerdings nicht. Denn der Roman wirkt geradezu überladen mit Problematiken und Themen, und Valtonen scheint als Schriftsteller deutlich überfordert. Nur mit viel Mühe und Not kann er die einzelnen Stränge seiner Geschichte zusammenhalten und das zwischenzeitliche Entgleiten der Story geht am Leser keinesfalls vorbei. Ermüdend und zum Teil oberflächlich gestaltet sich der Akt des Lesens. Man weiß, worauf Valtonen hinaus wollte und das sind auch alles gar keine schlechten Ansätze. Aber der Finne schafft mit “Zwei Kontinente” weder einen Familienroman noch einen soliden Gegenwartsroman, der ernsthafte kritische Beobachtungen enthält. Schade drum.

Jussi Valtonen: “Zwei Kontinente”, Roman, 576 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492057318, 24 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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