Susanne Viktoria Haupt
26. Juni 2017

Sommer, Sonne, Seiten-Blättern!

Seitenansichten Spezial: Lektüre für die warmen Monate

Zwei Bäume, eine Hängematte und ein gutes Buch: Der Sommer macht einem das Lese-Vergnügen einfach!

Der Sommer ist da! Sommer bedeutet Wetter zum Rausgehen – und die warmen Monate sind auch immer noch die Haupt-Reisezeit. Und auch, wenn ich bedingt durch sehr sonnenempfindliche Haut eher notgedrungen zu den Schattengewächsen gehöre, kann auch ich mich diesem Jahreszeiten-Hype nicht entziehen. Sommer bedeutet für mich nämlich auch Reisezeit und Reisen ist stark verknüpft mit Lesen. Irgendwie geht das auf Reisen einfach besser und gerade während der Sommerferien bin ich gerne mal rund drei Wochen unterwegs. Immer mit dabei: eine vollbepackte Büchertasche. Mittlerweile rollt auch keiner mehr mit den Augen, wenn ich meine gefühlt 100 Kilo in Büchern ins Auto hieve und strahlend verkünde, dass wir nun losfahren können. Vorab muss ich allerdings immer erstmal ordentlich stöbern gehen. Klar, auf meinen Reisen mache ich auch gerne bei Buchhandlungen Halt und sammle hier und da noch eine Lektüre ein, aber nichts macht mich unruhiger als der fehlende Bücherstapel für den Urlaub.

Man muss schließlich auf so viele Dinge achten. Beispielsweise muss der Einband auch hohen Temperaturen Stand halten können. 2013 ist mir beispielsweise Stendhals “Von der Liebe” am Strand einfach auseinandergefallen. Grund war, dass die Gummierung gescholzen war. Ähnlich ging es leider auch meiner großen Penguin-Ausgabe mit sämtlichen Sherlock Holmes-Stories. Auch ist es nicht ratsam, allzu schwere Büchjer mitzunehmen, oder aber Bücher, die einfach einen hohen persönlichen Wert haben. Neil Gaimans Band “The View from the Cheap Seats” hat leider auf dem Einband einen Wasserfleck. Verursacht durch meine vom Meerwasser durchnässten Haare. Hinzu kommt noch, dass es sich immer lohnt, eine ordentliche Bandbreite einzupacken. 2014 saß ich mit “The Portable Dorothy Parker” in der Hängematte und merkte schnell, dass das einfach gerade nicht die passende Lektüre war. Manchmal besorgt man sich auch vorher noch schnell ein Buch und muss dann unterwegs feststellen, dass es den Erwartungen einfach nicht entspricht. Daher ist der Gang zur Buchhandlung meines Vertrauens genauso ein Muss, wie die Zusammenstellung einer Reise-Apotheke, und gerne lasse ich mich auch von meinen engsten Freunden noch beraten.

Damit auch die geneigte Leserschaft der Seitenansichten ein paar Lektüren-Tipps für den Sommer bekommt, habe ich hier eine kleine Auswahl erstellt. Dabei sind wie gewohnt Buch-Tipps für Jung-Leser, aber natürlich auch für die Erwachsenen.

Für Jung-Leserinnen und -Leser

Ein kleiner Bär ganz groß: “Liebe Grüße von Paddington” von Michael Bond, Buchcover

Sprechende Tiere sind für Kinder meist ein echtes Highlight. Und dank der Verfilmung kennt fast auch jedes Kind den niedlichen Bären Paddington, der in London bei der Familie Brown nicht nur Zuflucht, sondern auch ein echtes Zuhause findet. Paddington stammt aus Peru und obwohl er ein Bär ist, ist er sehr gut erzogen und kann sprechen. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass der kleine Bär nicht nur ein unverbesserlicher Tollpatsch ist, sondern auch das Chaos magisch anzieht. In Michael Bonds Buch “Liebe Grüße von Paddington” kommt der Bär erstmalig selbst zu Wort, in dem er eifrig Briefe an seine in Peru gebliebene Tante Lucy schreibt. Darin berichtet er nicht nur von der Wärme und Herzlichkeit, die ihm die Familie Brown entgegenbringt, sondern auch von all den Missgeschicken, die ihm tagtäglich dort wiederfahren sind. Geeignet für Kinder ab etwa acht Jahren zum Selberlesen, das Buch ist aber auch ohne Altersbeschränkung hervorragend zum Vorlesen geeignet.

Der Klassiker aus Nordamerika: “Anne auf Green Gables” von Lucy Maud Montgomery, Buchcover

Erst im Mai veröffentlichte Netflix die Serie “Anne with an E”, die auf dem Roman “Anne auf Green Gables” von Lucy Maud Montgomery basiert, und machte damit eine fast vergessene Kinderbuch-Heldin über Nacht wieder bekannt. Anne ist ein Waisenkind, schlaksig und hat nicht nur rote Haare, sondern auch zahlreiche Sommersprossen und einen ganz eigenen Kopf voller Fantasie und Flausen. Als sie endlich adoptiert wird, und fortan auf der Farm Green Gables leben darf, schäumt sie vor Begeisterung fast über. Aber mit ihrer ganz eigenen Art und vor allem mit ihrem ganz eigenen Aussehen, eckt Anne von Green Gables immer wieder bei ihren Mitmenschen und auch bei ihren Adoptiv-Eltern an. Kein Grund jedoch für die mutige Anne, den Kopf einfach in den Sand zu stecken. “Anne von Green Gables” ist ein echter Kinderbuch-Klassiker und glaubt man Gerüchten, soll sie sogar die literarische Vorlage zu Pippi Langstrumpf gewesen sein. Egal ob wahr oder nicht, Anne möchte gerne die Leserschaft ab zehn Jahren begeistern.

Ermittlungen in den Straßen von London: “Sherlock Holmes. Der Hund von Baskerville” von Sir Arthur Conan Doyle, Buchcover

Ein weiterer Klassiker, der sich sehen und lesen lassen kann ist “Sherlock Holmes. Der Hund von Baskerville” von Sir Arthur Conan Doyle. Der eigenwillige Detektiv ist auch nach all den Jahrzehnten noch ein Hit, und das nicht nur auf Grund der erstklassigen BBC-Serie. Detektiv-Geschichten begeistern nämlich bereits Kinder und auch, wenn die Geschichten vom berühmtesten Detektiv bisweilen etwas gruselig daherkommen, sind sie dennoch schon für junge Leserinnen und Leser ab zehn Jahren geeignet. Selbst die Übersetzung vom Arena Verlag kann sich sehen lassen. Und wer nach dieser Geschichte noch nicht genug hat, kann sich darüber freuen, dass er im selben Verlag mit “Die außergewöhnlichen Fälle des Sherlock Holmes” gleich erneut fündig wird und noch rund 300 Seiten länger mit Sherlock und Watson durch London streifen kann.

Für Erwachsene: Dystopien und andere literarische Leckerbissen

Wenn Dystopie, dann diese: “Der Report der Magd” von Margaret Atwood, Buchcover

Seit einigen Monaten ist ein Roman wieder in aller Munde: “Der Report der Magd” von Margaret Atwood. Auch hier liegt die Ursache in einer Verfilmung, nämlich der gleichnamigen Serie “The Handmaid’s Tale”, die seit Ende April im amerikanischen Fernsehen läuft. “Der Report der Magd” galt aber schon vorher, bei seiner Veröffentlichung im Jahre 1985, als einer der stärksten Romane der Kanadierin und eine der besten literarischen Dystopien. In diesem Roman dreht sich alles rund um die Gründung der Republik Gilead. Die USA wurden durch eine nukleare Katastrophe schwer getroffen und viele Menschen wurden dadurch unfreiwillig sterilisiert. Um die Bevölkerung vor dem Aussterben zu bewahren, reißt die christliche Gruppe “Die Söhne Jakobs” die Macht an sich und gründet Gilead. Alle Frauen werden fortan dem Mann unterstellt, dürfen keinen Besitz mehr haben und sollen sich einzig und allein auf das Gebähren von Nachwuchs konzentrieren. Allerdings haben die Regierenden die Rechnung ohne die Frauen gemacht…

Vier Romane in einem: “4 3 2 1″ von Paul Auster, Buchcover

Wer einen richtig umfangreichen Roman lesen möchte, der kommt an Paul Austers neuestem Streich “4 3 2 1″ nicht vorbei. Auf knapp 1.300 Seiten beleuchtet der amerikaniscvhe Autor mittels Butterfly-Effect die Macht des Schicksals. Im Zentrum steht dabei Archie Ferguson, von dem Auster gleich vier verschiedene Versionen der Biografie liefert. Sozusagen also vier Bücher in einem. In jeder Version sind es Kleinigkeiten, die sich völlig Archies Einfluss entziehen, die jedoch großen Einfluss auf sein Leben und das Leben der anderen haben. Mal führen diese Kleinigkeiten zu dem Verlust eines geliebten Menschen, mal zum Zerbrechen von Archie selbst. Monumental, psychologisch fein und prägnant und auf alle Fälle eine Lektüre, die einen einige Nächte lang wachhalten kann.

Zwischen Märchen und Thriller: “Elefant” von Martin Suter, Buchcover

Martin Suters neuester Roman “Elefant” klingt irgendwie erstmal ganz putzig. Der Obdachlose Schoch lebt in Zürich und macht auf einmal mit einem kleinen, rosafarbenen und dazu leuchtenden Elefanten Bekanntschaft. Das könnte durchaus Schochs Alkohol-Genuss geschuldet sein, aber der Elefant ist echt. Mit “Elefant” thematisiert Suter die Problematik der Gentechnologie, denn der kleine rosa Elefant ist das Produkt genau solcher Elemente. Was immer noch wie eine nette Alternative zum herkömmlichen Nachtlicht klingen mag, ist allerdings mehr eine Mischung aus Thriller und Märchen und zudem auch noch gelungen. Diese Buch darf auf alle Fälle mit in die Hängematte!

Von Scham, sozialer Herkunft und Sexualität: “Rückkehr nach Reims” von Didier Eribon, Buchcover

Wer “Das Ende von Eddy” von Édouard Louis nur schwer aus den Händen legen konnte, der sollte auf alle Fälle “Rückkehr nach Reims” von Didier Eribon lesen. In diesem autobiographischen Roman beschreibt Eribon den Moment, als er nach über zehn Jahren das erste Mal wieder in seine Heimatstadt Reims reisen konnte. Für Eribon kein leichter Schritt. Als Kind aus einer Arbeiterfamilie hatte er nicht den besten Start. Der Umstand, dass er homosexuell ist, machte alles wesentlich schlimmer. Mobbing und tätliche Übergriffe gehörten zur Tagesordnung. In “Rückkehr nach Reims” beschreibt Eribon, der zudem einer der führenden französischen Philosophen ist, wie seine soziale Herkunft Einfluss auf ihn genommen hat, was die Scham mit einem Menschen anstellen kann und auch, wie er den Weg aus dieser unheilvollen Situation gefunden hat.

Ich hoffe, dass nun für alle Sommer-Urlauberinnen und -Urlauber ein kluger Lese-Tipp dabei war, ansonsten findet Ihr immer noch Hilfe in der Buchhandlung Eures Vertrauens. Ich wünsche auf jeden Fall der langeleine-Leserschaft einen ganz wunderbaren literarischen Sommer. Und nicht die Sonnencreme vergessen!

Michael Bond: “Liebe Grüße von Paddington”, Briefroman, 144 Seiten, Knesebeck Verlag, ISBN-13: 978-3868738544, 12,95 Euro

Lucy Maud Montgomery: “Anne von Green Gables”, Roman, 384 Seiten, Anaconda Verlag, ISBN-13: 978-3730604021, 4,95 Euro

Sir Arthur Conan Doyle: “Sherlock Holmes. Der Hund von Baskerville”, Roman, 256 Seiten, Arena Verlag, ISBN-13: 978-3401069197, 8,99 Euro

Margaret Atwood: “Der Report der Magd”, Roman, 416 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492311168, 11 Euro

Paul Auster: “4 3 2 1″, Roman, 1264 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN-13: 978-3498000974, 29,95 Euro

Martin Suter: “Elefant”, Roman, 352 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN-13: 978-3257069709, 24 Euro

Didier Eribon: “Rückkehr nach Reims”, Roman, 240 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518072523, 18 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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Kategorien: Literatur

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