Susanne Viktoria Haupt
17. Juli 2017

Der Barde mit dem Bart

Seitenansicht: “Hexensaat” von Margaret Atwood

Shakespeares “Der Sturm”, neu interpretiert: “Hexensaat” von Margaret Atwood, Buchcover

William Shakespeare: Er war der Barde mit dem Bart. Ein Lyriker und Dramatiker, der bis heute die Geister scheidet. Die einen zweifeln stark daran, dass der Großmeister der englischen Lietratur selbst all diese Werke zu Papier gebracht hat, andere wiederum feiern ihn bis heute als den wichtigsten Dramatiker aller Zeiten. Schließlich hatten seine Sonette und Stücke einen wahrlich nicht unerheblichen Einfluss auf sämtliche Lyrik, Epik und Dramen, die nach ihm kamen. Man kann nicht einmal sagen, dass er der Goethe Großbritanniens sei, denn er ist noch so viel größer als Goethe. Mit seinem Stück “Hamlet” schenkte er der Welt die eindrucksvolle Phrase “To be or not to be” und dank seines Stücks “Romeo und Julia” pilgern immer noch etliche Romantiker jährlich ins schöne Verona nach Italien. Shakespeares Stücke wurden schon oft adaptiert. Sei es in neuer literarischer Form, auf der Bühne oder gar für Kino und TV. Nicht nur in seinem Herkunftsland England gilt es klar als Wegbereiter für eine Karriere als Schauspieler, wenn man irgendwann mal die Hauptrolle in einem Shakespeare-Stück übernommen hat. Und auch etablierte Schauspieler aus Großbritannien lassen es sich nicht nehmen, neben großen Fernseh-Produktionen für eine Spielzeit in eine von Shakespeare erschaffene Rolle zu schlüpfen. So hat der Literat es historisch geschafft, immer irgendwie aktuell zu bleiben und auch das jüngere Publikum anzusprechen.

Nun hat sich die kanadische Beststeller-Autorin Margaret Atwood Shakespeares Stück “Der Sturm” vorgenommen und mit ihrem Roman “Hexensaat” nicht nur eine Hommage an den berühmtem Dramatiker verfasst, sondern gleichermaßen den über 400 Jahre alten Stoff äußerst kunstvoll neu in Szene gesetzt. Ihr Prosperos (Shakespeares Hauptfigur) heißt Felix und muss eine Haftstrafe verbüßen. Mit den anderen Insassen will er Shakespeares Stück “Der Sturm” inszenieren. Ähnlich wie Prosperos fühlt sich auch Felix als ein Opfer von Verrat. Sein ehemaliger Assistent Tony, denn Felix war einst Regisseur, hatte ihn heimtückisch seines Postens beraubt. Während Tony draußen ein erfolgreiches Leben führt und sogar zum Minister ernannt wurde, schwört Felix Rache. Und Felix scheint seine Chance zu bekommen, denn Tony will als Minister genau jenes Gefängnis besuchen, in dem sein alter Chef sitzt.

Die Parallelen zwischen Prosperos und Felix sind deutlich zu erkennen, und genau wie Prosperos ist auch Atwoods Protagonist kein einfacher und einseitiger Charakter. Wo Licht fällt, fällt eben auch immer Schatten. Und auch bei Felix müssen erst zwölf lange Jahre vergehen, bis er eine Möglichkeit zur Rache bekommt. Und ebenso wie Prosperos von seinem eigenen Bruder vertrieben und verraten wurde, ergeht es Felix auch mit Tony. Trotz der vielgelobten Vorlage von Großmeister Shakespeare muss sich Atwood mit “Hexensaat” aber keinesfalls verstecken. Ihr erzählerisches Talent überzeugt auf nahezu jeder Seite und man merkt ihr nicht nur die schriftstellerische Erfahrung an, sondern vor allem die intensive und auf Leidenschaft basierende Beschäftigung mit “Der Sturm”. Ein unterhaltsamer Roman, für den man das Original vorher nicht zwingend gelesen haben muss, aber anschließend schon fast automatisch zur Lektüre greift. Dem Barden mit Bart hätte “Hexensaat” sicherlich gefallen.

Margaret Atwood: “Hexensaat”, Roman, 320 Seiten, Knaus Verlag, ISBN-13: 978-3813506754, 19,99 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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