Kathrin Tegtmeier
2. Juni 2006

Erfunden und Erlogen

Rezension: “Still trying to write love songs” – das Hörbuch-Debüt von Marcus Freise

„Die eine Hälfte ist erfunden und die andere erlogen“ – sagt Markus Freise mit einem Augenzwinkern über seine Texte. Der Grafik-Designer und Web-Entwickler schreibt bereits seit Anfang der 90er Jahre. Doch bis sich der Bielefelder auf eine Slam-Bühne stellte, um dem Publikum seine Geschichten zu präsentieren, fielen noch einige Jahre die Äpfel von den Bäumen. Dann kam der Februar 2003 und Freise stand im Bielefelder „Bunker Ulmenwall“ auf der Bühne. Nachdem er den Kick genossen hatte und weil er noch immer jede Menge Spaß am Schreiben hat, machte er eifrig weiter. Die besten seiner Texte hat er jetzt als Hörbuch veröffentlicht.

Das Hörbuch von Markus Freise

Liebeslieder sind nicht kitschig

„Still trying to write love songs“ – der Titel von Freises CD lässt erahnen, in welche Richtung sich die Stories bewegen: Es geht ums Suchen und Finden, Behalten und Verlieren der Liebe, verbunden mit dem Alltäglichen. „Um zerborstene Herzen, nachdenkliche Väter, verflossene Freundinnen, Superman und die unstillbare Sucht nach der Antwort auf die Frage, was dieser ganze Scheiß mit dem Verlieben und Entlieben und Rumgeheule denn nun eigentlich bezwecken soll.“ Der 35-Jährige schreibt seine Geschichten lebendig und mit Wortwitz. Die Protagonisten leben in ihren Welten zwischen Komik und Tragik. Nicht immer ist der Ausgang absehbar und manchmal kommt das Ende wie ein Überraschungsei zur Faschingszeit daher. Die meisten Geschichten gehen gut aus. Aber nie so billig wie in den Soap-Operas und Telenovelas im TV.

Wieder auf den Teppich gekommen

In der Story „Die Teppichtasche“ verknüpft der mehrfache Poetry-Slam-Sieger mit einer gesunden Portion Humor und Spannung Probleme, die vielleicht nicht jeder hat, die aber (fast) jeder kennt: Kein Job, erfolglos einer Frau hinterher rennen, ein neuer Job. Den Strudel der Arbeitslosigkeit, in der sich der Protagonist seit zwei Jahren befindet, beschreibt Freise genau so, wie man sich die Arbeitslosigkeit des potentiellen in den Mittags-Talkshows auf dem Stuhl sitzenden, grölenden Mannes vorstellt: Spät ins Bett, bis mittags schlafen, eine Studentin nach der anderen flachlegen, und brav, aber lustlos, die Weiterbildungen und Umschulungen besuchen, die das Arbeitsamt organisiert.

Hier trifft er Ingrid und verliebt sich in sie. Plötzlich tut er idiotische Dinge und geht zu einem Treffen des Antiglobalisierungs-Forums, in dem die Angebetete aktiv ist. Doch leider kann Ingrid sich noch nicht mal an seinen Namen erinnern. Die Situation eskaliert und endet mit einem Rauswurf. Sie als „depressive Teppichtasche“ beschimpfend verlässt er den Raum. Auf dem Rückweg sieht er in einem Fenster eine Stellenanzeige. Er geht rein und bekommt den Job – bei Mc Donalds. Der Startschuss für ein neues, ungemein befriedigendes Leben.

Markus Freise aus Bielefeld

Der König der Herzen – Markus Freise

In bester Slam-Manier

Durch seinen Erzählstil in bester Slam-Manier, gewohnt witzig und mit der Stimme spielend, gelingt es Freise während der gesamten CD, den Hörer in die Leben seiner Protagonisten mitzunehmen. Einzelne Texte wurden mit ergänzenden Unterlegern bestückt. Vor dem Text „Vaterland“ ertönt beispielsweise ein Auszug aus der deutschen Nationalhymne. Überhaupt startet die Geschichte voller Ironie und Anspielungen auf Sarah Connors Singpatzer, bevor sie ernster wird:

Mein Mädchen schläft heute Nacht in ihrem winzigen Bett. Einmal werde ich sie an die Hand nehmen, und wir gehen raus und wir finden die Worte, die uns die heiße Mittagssonne auf den Marktplatz gemalt hat. Sie wird sie aufheben und in die Tasche stecken. Gut aufbewahren, für später. Ich finde und gebe ihr das Herz zurück, dass ich irgendwann im Rinnstein habe liegen lassen. Setze ihr die Krone des Poeten auf und lehre sie die Stacheldraht-Küsse. Ich werde ihr davon erzählen, wie sich Peter Pan und Alice im Wunderland vergnügen, und dass es ihnen scheißegal ist, „oh, wie schön Panama“ ist. Und sage ihr, dass schon niemand merkt, dass das alles nur geklaut ist.

Aus: “Vaterland”, Markus Freise, “Still trying to write love songs”, conrad verlag 2006

In der Endlosschleife

„Still trying to write love songs“ erfreut nicht nur Gänseblümchen. Das Cover der CD erinnert an Sommer. Auf der Wiese liegen, das Hörbuch im Ohr, während das Gras an den Füßen kitzelt und sich die Gänseblümchen über den neuesten Wiesenklatsch unterhalten. Rund 70 Minuten eintauchen in die Welt von Protagonisten, deren Leben doch bekannt vorkommt. Man lacht, leidet und fiebert mit ihnen oder denkt über den einen oder anderen Satz nach. Das Hörbuch spiegelt sehr schön Freises gesamte Erzählpalette von witzig bis ernst. Und dann wünscht man sich eine Endlosschleife. Funktioniert aber nicht. Es sei denn, Repeat ist gedrückt. Das ist aber auch immer das Gleiche. Spätestens dann ist man dem Autoren für seine Bonusgeschichten dankbar – drei weitere Texte als mp3. Außerdem gibt’s Fotos und wem das alles nicht langt, der kann sich die Geschichten ausdrucken und gleich noch einmal nachlesen.

    Markus Freise,
    „Still trying to write love songs“

  • Audio-CD, 7 Tracks, 70 Minuten (plus 3 Bonus-Tracks)
  • ISBN-10: 3-00-018532-1
  • www.conradverlag.de
  • 12,90 Euro

Der Autor:

Markus Freise wurde am 19. Mai 1971 geboren, ist verheiratet und hat eine Tochter. Er ist seit Februar 2003 bundesweit regelmäßig auf offenen Bühnen, Lesungen und Poetry Slams vertreten und moderiert zusammen mit seinem Freund und Kollegen Mischaël-Sarim Vérollet die Slams in Detmold und Paderborn. Mit Vérollet hat er auch das Literatenforum Grand Slam Audio gegründet. Als eingefleischter Fan von Arminia Bielefeld feuert er seine Mannschaft regelmäßig von Block 5 aus an.

Markus Freise live in Hannover:

15. Juni 2006: Poetry Slam „Macht Worte!“ in der Faust-Warenannahme
1. September 2006: Café Monopol, Langenhagen

(Foto: Sarah Rawna Schuchard, CD-Cover: conradverlag)

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Kategorien: Literatur

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