Susanne Viktoria Haupt
29. Januar 2018

Sharing is caring!

Seitenansicht Spezial: Bücherschränke

Erfreut sich stets großer Beliebtheit: der Bücherschrank am Pfarrlandplatz in Hannover Linden-Nord

Ich war immer der Meinung, dass ich niemals in meinem Leben eines meiner Bücher freiwillig weggeben würde. Außer vielleicht an meinen eigenen Nachwuchs und natürlich leihweise an Freunde. Aber so richtig weggeben? Keinesfalls. Dieser Überzeugung war ich allerdings nur so lange, bis mein Zimmer noch nicht drohte, angesichts der vielen Bücherregale aus allen Nähten zu platzen, und mein Mitbewohner noch nicht schnaufte, weil ich Stück für Stück versuchte, aufgrund des Platzmangels meine Bücher in seine Regale zu schmuggeln. Und einige meiner Bücher würde ich immer noch mit lodernden Fackeln verteidigen. Beispielsweise meine vom jeweiligen Autor signierten Exemplare. Oder meine dicken, schmuckvollen Ausgaben von Barnes & Nobles. Oder eben jene Bücher, die einen anderen sentimentalen Wert haben oder zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehören. Aber nach all den Jahren, in denen ich mich durch zahlreiche Bücher-Berge gelesen habe, hat sich dann doch irgendwann eine beachtliche Menge angesammelt, die ich zwar größtenteils genossen habe, die aber gerne Platz machen könnten für neue Werke.

Wohin mit gelesenen Büchern?

Was macht man dann mit Büchern, die man nicht mehr haben möchte? In den Müll werfen kommt natürlich nicht in Frage. Es gibt schließlich trotz allem noch klare Grenzen. Verkaufen ist zwar eine Option, aber die Antiquariate dieser Welt wollen auch nicht jedes Buch haben. Einen Teil hatte ich bereits letztes Jahr an “Die Weihnachtsfeier” gespendet. Rund 100 Bücher verließen stolz und geliebt meine Wohnung in Richtung einer neuen Zukunft. Und dennoch versteckten sich hier und da Romane und Erzählbände, die durchgelesen waren und bereit waren sich zu neuen Ufern aufzumachen. Bücher, die ganz klar nur zur Zwischenmiete hier waren. Ich musste gar nicht lange überlegen, was in Zukunft mit solchen Büchern geschehen sollte. Der Bücherschrank ist die Lösung, das war mir sofort klar. Nahe dran, völlig unkompliziert und die ehemaligen Zwischenmieter würden auf alle Fälle eine neue begeisterte Leserschaft finden können. Ich stopfte mir also meine Taschen voll mit Bündeln aus geschriebenen Seiten und lief zur Pfarrlandstraße in Linden-Nord. Manchmal hat man Glück und es ist noch ausreichend Platz im Schrank vorhanden, und manchmal ist er selbst zum Bersten voll. Bereits drei Tage später standen nur noch drei von etwa fünfzehn abgegebenen Bücher im Schrank. Ich freute mich. Sie hatten also fast alle schon ein neues Zuhause gefunden.

Der solidarische Bücher-Austausch funktioniert

Aber was ist eigentlich ein Bücherschrank? Die meisten von Euch werden sie schon im Stadtbild Hannovers entdeckt haben, denn wir haben davon so einige. Bücherschränke sind einfache Schränke mit Klapptüren, in die man Bücher, die man nicht mehr haben möchte, hineinstellen und damit sozusagen spenden kann. Andere wiederum können in diesen Bücherschränken stöbern und sich ein paar Bücher entweder ausleihen und nach dem Lesen wiederbringen oder ein Buch auch vollständig zu sich nehmen. Man könnte jetzt davon ausgehen, dass sicherlich viele Menschen die Gunst der Stunde nutzen, regelmäßig den Bücherschrank leerräumen und die Bücher einfach verkaufen, um sich etwas dazu zu verdienen. Und dass es im Gegenzug viel zu wenig Menschen geben würde, die völlig ohne Gewinn ihre Bücher einfach so abgeben. Aber das ist falsch, denn die Erfahrung zeigt, dass das Prinzip funktioniert. Bei den Bücherschränken zeigt sich auf eine schöne Art und Weise, dass das Glas des gesellschaftlichen Anstands größtenteils eben doch halb voll ist und nicht halb leer. Denn selbst in den härtesten Zeiten ist der Bücherschrank an der Pfarrlandstraße zumindest halbvoll. Trotz manchmal angebrachtem Pessimismus funktioniert ein stillschweigendes Abkommen innerhalb der Gesellschaft. Ganz ohne Droh-Gebärden und Kontrolle. Ist das nicht schön?

Der Inhalt solcher Bücherschränke zeigt sich stets unglaublich vielseitig. Man findet teilweise skurrile, manchmal brauchbare Fachbücher, Kinder- und Jugendbücher, Gedichtbände und Romane. Klassiker, Werke der Moderne, oder ungelesene Krimis. Bücher mit persönlichen Widmungen, weil sie beispielsweise 1994 zu Weihnachten verschenkt wurden. Auf solche Funde stößt man ansonsten nur in Antiquariaten oder auf Flohmärkten. Hin und wieder gehe ich selbst gucken und leihe mir das ein oder andere Buch aus. Aber in erster Linie ist es für mich ein schöner Gedanke, dass meine Zwischenmieter so vielleicht wieder ein dauerhaftes Zuhause finden können.

Etwas versteckt, aber dennoch präsent: Der Bücherschrank an der Marktkirche in Hannover

Bücherschränke können auch hervorragend zum Dialog einladen. Schon häufiger habe ich mich mit Menschen am Schrank über vorhandene Bücher unterhalten, ihnen einzelne Werke empfohlen oder mir selbst welche empfehlen lassen. Anders als während des schlichten Akt des Konsums in einer Buchhandlung, gestaltet sich das arbiträre Treffen an einem Bücherschrank frei von jeglichen Zwängen. Es ist ein Stöbern ohne Beobachter, ohne Verkäufer, ohne den Gang zur Kasse. Auch ist der räumliche Aktionskreis natürlich geringer als in einer Buchhandlung. Gefördert wird der Dialog zusätzlich durch den Moment des Zufalls. Man geht schließlich nicht wirklich mit Vorsatz zum Bücherschrank. Außer natürlich, wenn man gerade Bücher abgeben möchte. Ansonsten ist der Vorgang eingebunden in den Akt der Zufälligkeit. Man kommt ungeplant vorbei, stöbert ungeplant in der Auswahl, und durch diese mangelnde Planung passt ein netter Plausch auch meistens noch mit hinein.

Bücherschränke bringen uns dazu, Flaneure sein zu können

Stöbern im Bücherschrank ist nichts, was in Eile geschieht. Natürlich besucht man auch Buchhandlungen gerne, wenn man viel Zeit hat, allerdings muss man ehrlich zugeben, dass in über die Hälfte der Besuche klar zielgerichtet ist. Wir wollen ein Buch, ein bestimmtes Buch, und jedes weitere Buch, dass in unsere Türe rutscht, mag zwar ungeplant gewesen sein, aber das Buch, das uns zum Besuch motiviert hat, war eben geplant. Bei einem Bücherschrank funktioniert das natürlich absolut nicht. Wir wissen nicht, was für Bücher momentan vorhanden sind. Wir sind also mehr oder weniger dazu “gezwungen”, uns zumindest kurz Zeit zu nehmen. Innezuhalten, stehen zu bleiben und in der größtmöglichen Ruhe das Angebot durchzugehen. Es hat etwas von der Tätigkeit eines Flaneurs.

Oasen inmitten des Alltags

Ein Bücherschrank kann also ein Treffpunkt sein, eine Oase inmitten des Alltags, der uns magisch, aber eben zufällig in seinen Bann zieht und uns zudem ein Angebot offeriert, mit dem wir weder gerechnet haben, noch rechnen konnten. Aber neben diesen poetisch anmutenden Gesichtspunkten ist es vor allem eins: ein offener und kostenfreier Zugang zur Literatur für alle. Eine Bibliothek, die auf Vertrauen und dem Gedanken “Sharing is caring” basiert. Denn ohne Menschen, die ihre Schätze teilen möchten, würde das gesamte Projekt keinesfalls funktionieren. Aber das tut es. Egal ob in Linden, in der Nordstadt oder an der Marktkirche.

mehr Infos und die genauen Standorte:
hier

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Fotos: Susanne Viktoria Haupt)

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Kategorien: Literatur, Lokalitäten

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