Matthias Rohl
1. Juli 2009

Filmgeschichte(n): „Boulevard der Dämmerung“

Ein Schimpanse im Sarg, Ratten im Pool, Buster Keaton am Spieltisch: Billy Wilder inszeniert den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm als bösen Psycho-Noir-Trip in die Dunkelkammern des Wahnsinns der Illusionsmaschine Hollywood

Der Mann ist tot – und spricht zu uns. Seine Leiche treibt in einem Swimmingpool mit dem Bauch nach unten, die Kamera blickt vom Grund des Beckens zur Wasseroberfläche in die Sonne. Am Beckenrand versuchen Polizisten, den toten Körper herauszufischen. Aus dem Off erklingt die Stimme des toten Joe Gillis (William Holden), der sich in mitleidlosem Zynismus als kleinen Drehbuchautor beschreibt, welcher Skripte zu unbedeutenden B-Filmen geschrieben hat. Stets habe er von einem Pool geträumt, nun aber einen zu hohen Preis bezahlt. Ein schönes Sterben ehrt das Leben – doch was geschah zuvor?

“Sunset Boulevard”, Originalplakat von 1950

Großartige Reflexion über die Filmindustrie: „Boulevard der Dämmerung“, Filmplakat

Auf der Flucht vor seinen Gläubigern versteckt Joe Gillis sein Auto in der Garage einer prunkvollen Villa am Sunset Boulevard, die aus einer versunkenen Welt zu stammen scheint. Hier leben die einst umjubelte Stummfilm-Diva Norma Desmond (Gloria Swanson) und ihr Butler Max von Mayerling (Erich von Stroheim). Gillis soll ihr Salomé-Manuskript zu einem Drehbuch umschreiben, mit dem sie endlich wieder auf die Leinwand zurückzukehren hofft – während er seine Chance auf Reichtum wittert. Als sich Norma schließlich in ihn verliebt, weist er sie zurück. Sie schneidet sich die Pulsadern auf. Aus Mitleid bleibt er zunächst bei ihr, trifft sich jedoch nachts heimlich mit der Paramount-Drehbuch-Dramaturgin Betty Schaefer (Nancy Olson), um an einem seiner alten Skripte zu arbeiten. Als Norma Desmond von dieser heimlichen Liebe erfährt, nimmt ihr Wahn immer bedrohlichere Züge an…

Morbides Mausoleum

Regie-Legende Billy Wilder (1906-2002) hatte zu seinem meisterhaften „Boulevard der Dämmerung“ (1950) ursprünglich eine Eröffnungssequenz gedreht, in der die Hauptfigur Joe Gillis tot im Leichenschauhaus liegt und mit den anderen aufgebarrten Toten spricht. Bei Testvorführungen brachen die Zuschauer jedoch in lautes Gelächter aus – und Wilder musste improvisieren, denn er wollte keine schwarze Komödie drehen, sondern ein Film-Noir-Drama. Indes erwies sich die neue Exposition des Films in ihrer ingeniösen Verquickung mit der Flashback-Stimme aus dem Totenreich als eine der besten Auftakt-Sequenzen in der Geschichte des Kinos. Es überrascht nicht, dass David Lynch „Sunset Boulevard“, so der Originaltitel, zu seinen fünf Lieblingsfilmen erkoren hat.

“Sunset Boulevard”, Szenenfoto

Irrer Trip auf dem Sunset Boulevard: Joe Gillis, noch lebend, mit der Stummfilm-Diva und ihrem Chauffeur

Man kann sich leicht vorstellen, wie sich Lynch, der letzte Surrealist des Kinos, vom morbiden Mausoleum der Norma Desmond in Gestalt ihrer verstaubten Villa faszinieren ließ – einem Symbol einer versunkenen Epoche, in der die Stummfilm-Stars als Leinwand-Götter Verehrung fanden. Und Lynch resümierte: „Der Film ist wie eine Straße in diese andere Welt, eine wunderschöne Straße. Ich unterhielt mich mit Billy Wilder, die Villa lag nicht mal am Sunset Boulevard. Ich wünschte, ich hätte das nie erfahren. Natürlich stand sie am Sunset Boulevard. Da steht sie doch! Und sie steht noch immer da.“ Es gehört zum insgeheimen Wesen der filmischen Illusion, dass sie sich dem Zuschauer als plausibles Projekt mitzuteilen weiß: Ein Wahn, der nicht ansteckend wirkt, versteht sich selbst nicht gut genug.

Auge und Ohr

Im Licht des historischen Horizonts wird die explosive Wirkung verständlich, die Billy Wilders böser, düsterer Psycho-Noir-Trip in die Dunkelkammern des Wahnsinns der Illusionsmaschine Hollywood entfalten konnte. In den frühen 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts kursierte in Hollywood die Angst, „das Fernsehen könnte der Filmindustrie ähnlich an die Gurgel fahren, wie es der Tonfilm mit dem Stummfilm tat“ (Hellmuth Karasek). Zieht man diesen Paradigmenwechsel ins Kalkül, wird sofort klar, warum „Sunset Boulevard“ auf David Lynch, selbst ein Meister der gespenstischen Tonspur, diese phantasmagorische Faszination ausübt. Denn der Ton ist ja nicht nur eine weitere Information zum bewegten Bild, sondern erzeugt „Verinnerlichung und Verräumlichung“ (Thomas Elsaesser). Und die Figur der alternden Stummfilm-Diva, gefangen im oszillativen Schattenspiel zwischen Wahn und Realität, verleiht dem Film jene dunkel welkende Aura, die im grandios übersteigerten „Stummfilm-Spiel“ Gloria Swansons vollendet zum Ausdruck kommt.

“Sunset Boulevard”, Szenenfoto

Wachsfiguren der Stummfilm-Ära: Nancy Olson, William Holden, Gloria Swanson und Erich von Stroheim posieren für Billy Wilder

Wir verdanken Wilders cineastischer Zeugungskraft einige der unvergesslichsten Szenen der Kinogeschichte: etwa jene groteske Schimpansen-Bestattung im Garten der Villa – von Norma Desmond und ihrem stoischen Butler Mayerling, der einst ihr Ehemann war, mit feierlichem Ernst inszeniert. Oder die wimmelnden Ratten im Pool, die bei Joe Gillis eine unleugbare Todesahnung aufkeimen lassen. Man denke auch an jene bizarre, geisterhafte Silvester-Party, auf der Desmond und Gillis die einzigen Gäste sind. Nicht zuletzt sei jene symbolische Bridge-Runde genannt, bei der jeder Spieler ein Gefangener seiner eigenen, versunkenen Vergangenheit ist. Am Spieltisch, neben Norma, lauter „Wachsfiguren“ der Stummfilm-Epoche – H. B. Warner, Anna Q. Nilson und Buster Keaton mit einem einzigen Wort: „Pass!“ Ein Kommentar, der über das Kartenspiel weit hinausweist: Unsere Zeit ist „passiert“, verstrichen. Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“ ist eine große Reflexion über das Altern von Hollywood-Helden und ihrer Angst vor Veränderung, heute aktueller denn je. Nestbeschmutzer mochte man dort allerdings noch nie. Film-Mogul Louis B. Mayer soll Wilder beim Verlassen der Premiere beschimpft haben: „Man müsste Sie teeren und federn lassen! Sie haben die Hand gebissen, die Sie ernährt hat.“

nächste Folge:
„Basic Instinct“
Das Kino als Ritual der Verführung: Wie Regisseur Paul Verhoeven das Sub-Genre des erotischen Thrillers neu belebte

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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