Susanne Viktoria Haupt
21. August 2017

Der Roman des Jahres

Seitenansicht: “The Underground Railroad” von Colson Whitehead

Bestechende Aktualität im Kleid des Magischen Realismus: “The Underground Railroad” von Colson Whitehead, Buchcover

Ich muss gestehen, dass ich bis vor ein paar Monaten noch nie etwas von Colson Whitehead gehört oder gar gelesen hatte. Vielleicht gerade deswegen ist mir der erste “Kontakt” noch sehr gut im Gedächtnis geblieben. Es war einer dieser magischen Momente, in denen man schnell begreift, dass etwas ganz Großes im Kommen ist. Es war ein völlig normaler Dienstagabend, an dem ich mich mal wieder meiner großen Leidenschaft hingab. Ich flanierte in bester Walter Benjamin-Manier durchs Internet und stieß ziemlich zügig auf einen Artikel über Whiteheads Roman, der zudem eine englischsprachige Leseprobe enthielt. Bereits nach einem kurzen Absatz stand für mich fest, dass dieser Roman etwas Außergewöhnliches sein muss. Außergewöhnlich gut. Ich forschte direkt nach einem möglichen Publikationsdatum für den deutschen Buchmarkt und ergatterte einige Wochen später sogar eine englischsprachige Ausgabe, die von Whitehead während einer Lesung signiert wurde. Aber sogar noch bevor ich diese Ausgabe in meinen Händen halten konnte, trug Whitehead den Pulitzer-Preis mit nach Hause. Neben dem National Book Award und dem Pulitzer-Preis, steht “The Underground Railroad” nun auch noch auf der Longlist für den begehrten Man Booker Prize. Nicht übel, würde man sagen. Eine gnadenlose Litotes ohne jeden Zweifel.

Die sogenannte “Underground Railroad” ist eine Metapher, die das helfende Flucht-Netzwerk bezeichnet, welches grob gesagt im 19. Jahrhundert bestand. Ziel war es, Sklaven aus den Südstaaten zur Flucht in den Norden zu verhelfen. In Whiteheads gleichnamigen Roman geht es um Cora und Caesar, zwei Sklaven, die in Georgia auf einer Plantage arbeiten. Cora kann ihr eigenes Alter nur schätzen. Geboren wurde sie bereits als Sklavin, ihre Mutter ist geflüchtet und hat Cora bereits im Kindesalter ihrem Schicksal selbst überlassen. Ihr Leben ist davon beherrscht, eine “Sache” zu sein. Ein Gegenstand, der sich nach Belieben verkaufen lassen kann und der selbst keinerlei Rechte besitzt. Zudem stehen Vergewaltigungen und Gewalt innerhalb der Sklavengemeinschaft an der Tagesordnung. Ein Ausweg ist für Cora unvorstellbar. Eine Flucht scheint undenkbar. Zu groß ist die Gefahr, dass man doch wieder aufgegriffen wird oder aber unterwegs an tödlichen Schlangenbissen stirbt. Als der erst kürzlich eingetroffene Sklave Caesar sie jedoch eines Tages anspricht und zur gemeinsamen Flucht ermutigt, lässt sie sich das Vorhaben doch noch einmal durch den Kopf gehen. Und willigt schlussendlich ein. In der aus völliger Hoffnungslosigkeit bestehender Dunkelheit blitzt ein kleines Licht der Hoffnung auf.

Colson Whiteheads Sprache ist stark und lässt einen das Buch gar nicht oder nur schwerlich aus der Hand legen. Und der Roman hätte auch weiterhin wunderbar funktioniert, wenn wir nun einfach Cora und Caesar auf dem beschwerlichen Weg in den Norden begleitet hätten. Aber ein wirklich brillantes Werk zeichnet sich nun mal dadurch aus, dass es die bereits nach wenigen Kapiteln bestehenden hohen Erwartungen einfach noch einmal übertrifft. Whitehead zerschlägt die Metapher und macht aus der “Underground Railroad” eine echte Eisenbahn, die unter der Erde verläuft und Sklavinnen und Sklaven in die Freiheit führen kann. So geheim und verborgen diese Eisenbahn ist, so geheim und verborgen sind auch ihre Bahnhöfe. Der Magische Realismus erhält Einzug in die Geschichte und Whitehead spielt dieses Spiel nicht nur konsequent weiter, sondern erweitert auch seine Welt, in dem er weitere Bausteine aus der Realität einbaut. Dadurch wird die Geschichte von Cora allerdings keinesfalls zum fantastischen oder gar traumhaften Abenteuer gen Freiheit, sondern bleibt in seinen Grundzügen an der knallharten und grausamen Wirklichkeit. Ein Roman, der nicht nur durch Vielschichtigkeit besticht, sondern auch die Frage aufwirft, wie wir Freiheit überhaupt definieren und ob das, was in den vergangenen Dekaden scheinbar erreicht wurde, die Definitionskriterien für diesen Begriff überhaupt erfüllt.

Floskeln wie “Ein wichtiger Roman” oder gar “Bereits schon jetzt ein Klassiker” werden schnell daher gesagt. Hinsichtlich “The Underground Railroad” sei jedoch gesagt, dass diese Floskeln den Nagel auf den Kopf treffen. Nicht nur, dass Whitehead mit seinem bereits sechsten Roman ein Meisterwerk sowohl auf sprachlicher wie auch auf erzählerischer Ebene vorgelegt hat, lädt diese Geschichte geradezu dazu ein, sich auf vielfältige Weise mit den aktuellen Geschehnissen auf der Welt auseinanderzusetzen. Und damit sind bei weitem nicht nur die jüngsten Schreckenstaten in Charlottesville gemeint.

Colson Whitehead: “The Underground Railroad”, Roman, 352 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446256552, 24 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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