Jörg Smotlacha
4. September 2017

Luise will mehr!

Seitenansicht: “Blaupause” von Theresia Enzensberger

Ein Plädoyer für starke Frauen und ein kluger Gesellschaftsroman: Theresia Enzensbergers “Blaupause”

Weimar 1921. Luise Schilling erfüllt sich einen Traum und beginnt, am Bauhaus zu studieren. Dass dies möglich ist, verdankt sie einem kleinen Trick: Sie ließ ihren konservativen Vater in dem Glauben, dass sie nur dort sei, weil es am Bauhaus eine Webwerkstatt gäbe. “Er stand meiner Begeisterung für die Architektur schon immer skeptisch gegenüber und hätte den Teufel getan, mir von einer Hochschule zu erzählen, an der man etwas anderes lernen kann, als eine gute Hausfrau zu werden.” Doch nun ist Luise in Weimar angekommen und wird von Walter Gropius als Studentin angenommen.

Auf der Suche nach Freunden und Gleichgesinnten lernt sie Maria und Sidonie kennen und verliebt sich in den undurchsichtigen Jakob, außerdem gerät sie in den Kreis der der Natur verbundenen Mazdaznan-Anhänger um Johannes Itten und wird zur Vegetarierin. Doch ihr Studium kommt nur schleppend voran. Ausgerechnet der von ihr so verehrte Itten verspottet eine Skulptur, die Luise für einen Projekttag angefertigt hat, mit den Worten: “Keine Sorge, Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit Dir zu tun.”

Doch statt den ihr nun zugedachten Platz in der Textilwerkstatt einzunehmen, arbeitet Luise heimlich in der Tischlerei und beginnt zu zweifeln – an ihrem Studium, ihren Lehrmeistern und ihren Freundinnen und Freunden: “Ich verstehe nicht, warum Sidonie diese Werkstatt (die Textilwerkstatt) hier so bereitwillig besucht, ist sie doch der Inbegriff der Rationalisierung und Technisierung, gegen die sie sich so vehement ausspricht. Aber Sidonie macht eben, was Johannes ihr sagt. So viel zu seinem pädagogischen Genie.” Luise möchte mehr: Sie möchte neue Häuser bauen!

Fünf Jahre später in Dessau. Luise musste erleben, wie der vermeintlich so fortschrittliche Jakob sie betrug und dabei gleichzeitig nicht zu sich selber stehen konnte, und wie ihr strenger Vater sie zurück nach Berlin beorderte, weil das Studium sie nicht weiterbringe und sie in Berlin, in der Obhut ihrer Familie, besser aufgehoben wäre. Doch nun folgt sie einer neuerlichen Einladung ans Bauhaus und fährt zur feierlichen Eröffnung des neuen Institutes in Dessau…

Da Lusie wild entschlossen ist, ihrer Passion für die Architektur weiter nachzugehen, lässt sie nicht locker, nutzt die schwere Krankheit des Vaters und die Abwesenheit des nationalkonservativen Bruders, um ihre Mutter zu überzeugen, erneut aus der Enge der der behüteten Heimat in der Hauptstadt zu entfliehen und beginnt mit dem Einverständnis von Gropius ein zweites Mal ein Bauhaus-Studium. Diesmal lernt sie den Kommunisten Friedrich kennen und befreundet sich mit ihm, verliebt sich in den Reklamezeichner Hermann, trifft erneut auf ihre alten Freunde und wendet sich von ihnen ab und gerät schließlich zwischen alle Fronten – die der zunehmend politisierten Weimarer Republik der Endzwanziger und die der sich so modern gebenden, aber schließlich doch patriarchalisch organisierten Universität…

Mit ihrem Debüt-Roman “Blaupause” hat Theresia Enzensberger ein schillerndes Porträt der Weimarer Republik geschrieben, wobei es ihr gelungen ist, gleichzeitig eine Coming Out-Geschichte einer ungewöhnlich starken jungen Frau zu entwickeln, die spannend ist und außerdem stilistisch brillant die Errungenschaften der künstlerischen Moderne hinterfragt. Und “Blaupause” ist immer dann am Stärksten, wenn kleine Beobachtungen am Rande gelingen und Nebenfiguren präzise ausgeleuchtet werden oder die Zeitläufte durch die Eigenschaften und Macken der Charaktere scheinbar nebenbei dargestellt werden. Hierbei gelingt es Enzensberger, ihre Leserinnen und Leser nicht nur durch die Geschichte zu fesseln, sondern obendrein emotional durch bewegte Zeiten mitzunehmen.

Und so ist auch zu verzeihen, dass die Haupt-Protagonistin Luise manchmal ein bisschen zu ambivalent und mit Gesellschaftshistorie aufgeladen erscheint: Naiv in der Art, in der sie durch die Welt stolpert und sich über den ersten Sex genauso wundert wie über die Überheblichkeit der prominenten männlichen Künstler, aber gleichzeitig unglaublich belesen, immer über das Weltgeschehen informiert und irgendwie politisch unbeteiligt, obwohl sie immer Bescheid weiß. Luise steht hier sinnbildlich für ihre ganze Generation und man könnte das kritisieren, wenn der Roman nicht am Ende doch so gut wäre. Was bleibt, ist, dass “Blaupause” eine starke weibliche Hauptfigur und ein faszinierendes Gesellschaftspanaorama bietet und obendrein ein starkes Plädoyer für starke Frauen ist, gleichzeitig aber auch einfach ein schöner Campus-Roman, eine Liebesgeschichte, ein kluges Buch über die Vor-Nazi-Zeit und auch und vor allem eine immer noch aktuelle Utopie.

Theresia Enzensberger: “Blaupause”, Roman, 256 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446256439, 22 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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