Sebastian Albrecht
9. September 2017

Stadtspaziergang als Widerstand

Vom Pavillon aus zieht das Theater-Kollektiv Fräulein Wunder AG durch Hannover, um dem Müßiggang zu frönen: “Wegefreiheit. Die laufende Maßnahme für Erholungszwecke”

Fräulein Wunder AG

Flaniert gerne in größerer Runde durch Hannover: die Fräulein Wunder AG

Früher war alles besser. Nicht ganz früher, aber immerhin ein bisschen früher. Der Lebensweg war vorgegeben, und wer sich für einen Beruf entschieden hatte, behielt ihn in der Regel sein Leben lang. Man war, wenn auch nicht völlig glücklich, doch zufrieden damit. Fünf Tage die Woche ging es dann von neun bis fünf zur Arbeit, das Wochenende war der Familie sowie dem Hobby – beides manchmal mit Unterbrechung durch den Fußball – vorbehalten, und einmal die Woche stand der Sonntagsbraten auf dem Tisch. In den Sommerferien fuhr man nach Italien oder in die Lüneburger Heide, in den Harz, an den Bodensee oder in die Alpen. Es wurde vor sich hingelebt, der Rasen gemäht, das Auto gewaschen, die Kinder wurden erwachsen und irgendwann stand das Ende des Arbeitsleben vor der Tür, der Ruhestand klopfte an und man genoss die freie Zeit, in der man sich der Rosenzucht widmete, den Enkeln beim Aufwachsen zusah und Bus-Reisen in fremde Länder machte. Es war nicht immer spannend, aber auch nicht richtig langweilig, eher beschaulich, und die Renten waren sicher.

Eine schöne Zeit, an die sich die wenigsten erinnern können, aber irgendwann wird es sie mal gegeben haben, schließlich wurde uns davon erzählt. Davon kann aber längst keine Rede mehr sein. Wer sich für seinen Lebensabend auf seine Rente verlässt, ist ebenso naiv, wie der, der nach der Schule in einen Job einsteigen und diesem bis zum Lebensabend nachgehen will. Abgesehen davon, dass dieser Abschnitt in immer weitere Ferne rückt, denn die Rente mit achtzig ist sicherlich bei dem einen oder anderen schon in der Schublade versteckt und wartet nur darauf, nach umgesetzter Rente ab siebzig in den Ring geworfen zu werden. Aber nicht nur das. Während Arbeit früher einmal Arbeit war und blieb, wird sie inzwischen mehr und mehr zum Lebensinhalt vieler und hört nicht auf, wenn beide Füße aus dem Büro gesetzt wurden. Abends auf der Couch, während nebenbei Netflix läuft, werden die Firmen-E-Mails gecheckt, und Arbeitskolleginnen und –kollegen ersetzen die Freunde, ja, werden sogar zur Ersatzfamilie, und eigentlich braucht man auch niemand anderes mehr kennenlernen. Nach der Arbeit wird zusammen getrunken, schnell noch ein Brainstorming zu einem anstehenden Projekt zwischen dem zweiten und dritten Bier, hin und wieder gehen zwei zusammen nach Hause. Arbeit wird nicht mehr erledigt, mit der Arbeit wird sich identifiziert, infiziert und obwohl wir alle langfristig kürzer arbeiten wollen, wird die Arbeit doch immer präsenenter und mit ihr der Optimierungswahn, der aus jeder einzelnen Sekunde des Lebens das Bestmöglichste rauspressen soll, damit keine von ihr verschwendet oder bloß nur halb ausgepresst weggeworfen werde.

Es bleibt keine Zeit mehr für Müßiggang. Doch dieser Absage an den Müßiggang erteilt die Fräulein Wunder AG zurzeit ihrerseits eine Absage, daher lädt das Theater-Kollektiv heute zu einem Theater der besonderen Art, in Form einer Wanderung. Statt alleine durch die Straßen zu flanieren, was bereits seinen Reiz besitzt, wird nun zusammen durch die Stadt gezuckelt und der Akt der Erholung und Freizeit als Widerstand zelebriert. “Wegefreiheit. Die laufende Maßnahme für Erholungszwecke” heißt das Stück, das in Kooperation mit dem Pavillon realisiert wurde. Es lädt jeden ein, mitzugehen, der Kondition für circa zwölf Kilometer Fußmarsch mitbringt. Für Speis und Trank ist in Form von Lunch-Paketen und Wasser gesorgt.

Samstag, 9. September 2017:
“Wegefreiheit. Die laufende Maßnahme für Erholungszwecke”, Theaterstück der Fräulein Wunder AG, Startpunkt: Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 15 Uhr, Eintritt/Kosten: 16 Euro, ermäßigt: 11 Euro

  • weiterer Termin:
  • Sonntag, 10. Septmber, 15 Uhr

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Pavillon)

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Kategorien: Bühne, Lokales, Tagestipps

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