Marcel Seniw
8. September 2017

Michael Ballack gefällt das!

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärts-Derby beim VfL Wolfsburg

Hat wohl zu lang mit Franz Beckenbauer gechillt: Michael Ballack kann sich 96 als Meister vorstellen

Zwei Spieltage, sechs Punkte – es läuft bei Hannover 96. Während André Breitenreiters Mannschaft gegen den 1. FSV Mainz 05 noch spielerische Magerkost anbot, bekamen die 96-Fans beim ersten Heimspiel der Saison gegen den FC Schalke 04 eine Leistung geboten, die so niemand erahnen konnte. Hohes Pressing, hohe Laufbereitschaft, eine gute Struktur in der Defensive und der Kniff mit Waldemar Anton, der je nach Spielsituation zwischen Innenverteidigung und defensivem Mittelfeld wechselte, waren ausschlaggebend dafür, dass den Schalkern am Sonntag vor zwei Wochen nicht viel auf dem Platz gelang. Und zur Freude aller Roten kam dann ein Fehlpass, den 96s “Aggressive Leader” Marvin Bakalorz mustergültig abfing und Rekord-Neuzugang Jonathas Jesus perfekt zu seinem Debüt-Treffer auflegte. Nach sechs Minuten im Trikot von Hannover 96 der erste Treffer: Es soll schon Stürmer gegeben haben, die nach einem solchen Traum-Einstand die halbe Liga zerschossen haben. Es darf also gerne so weitergehen, Jonathas!

Ballack gibt den Kaiser

Dass ein derart guter Saisonstart eines Aufsteigers den Medien nicht unbemerkt bleibt, steht außer Frage. So kam es dieser Tage dazu, dass unser aller Ex-Capitano, Michael Ballack, während eines Pressetermins eines Wett-Anbieters seine Einschätzungen zum kleinen Höhenflug von Hannover 96 zum Besten gab. Ballack traut den Roten nämlich eine ähnliche Sensation zu, wie Leicester City bei seinem britischen Meisterschaftscoup 2016. “Seit der Meisterschaft 2016 von Leicester City würde ich sagen: Alles ist möglich!”, so Ballack, der ausführte, dass er das selbst schon einmal mit Kaiserslautern erlebt habe. Denn Kaiserslautern wurde 1998 als Aufsteiger Deutscher Meister. “Wenn alles passt, warum sollte auch in der Bundesliga nicht mal wieder eine Mannschaft oben reinstoßen? Die Aufsteiger sind in ihrem ersten Jahr oft besonders motiviert und haben dann nichts mit dem Abstieg zu tun.”

Die unüberwindbare Kluft zwischen Groß und Klein

Klar, wenn man so etwas selbst schon einmal erlebt hat, kann man sich so etwas natürlich durchaus auch noch einmal vorstellen. Das Ganze ist jedoch schon fast zwanzig Jahre her – eine Zeit, in der die Kluft zwischen Groß und Klein aber immer unüberbrückbarer wurde. Und ausgerechnet einen englischen Klub als Beispiel heranzuziehen, spricht nicht unbedingt für Ballack. Über Hannovers Rekord-Ausgaben von 20 Millionen Euro für neue Spieler kann Leicester City wohl auch nur lachen. Geld ist im englischen Fußball reichlich vorhanden – da kann sogar das Umgehen der 50+1-Regelung nicht dafür sorgen, dass 96 mit Leicester finanziell verglichen werden kann. Somit muss man sich wohl berechtigte Sorgen um unseren Ex-Capitano machen, denn derartige Aussagen lassen schon den Verdacht auf kaiserliche Demenz zu. Aber wer weiß, vielleicht wollte ja Ballack ja auch nur dem Wett-Anbieter ein paar Euros extra durch Schwachsinns-Meisterwetten generieren.

Zum Boykott

In meiner letzten Kolumne habe ich bereits darauf verwiesen, dass mal wieder Stunk zwischen Präsident Martin Kind und der aktiven Fan-Szene herrscht. Neuerliche Auslöser dafür sind: Abgelehnte Mitgliedschaftsanträge, ein Testspiel-Abbruch in Burnley und die Umgehung der 50+1-Regelung. Die Ultras kündigten also einen Stimmungsboykott an, doch die Mannschaft spielte gegen Schalke 04 einfach so gut, dass sich so gut wie jede und jeder im Stadion mitreißen ließ. Der Boykott einiger ging so mehr oder weniger im Freudenbad vieler unter. Und ganz ehrlich: Ich möchte mich auch gar nicht so ausführlich mehr mit der Thematik beschäftigen. Wer im heutigen Profi-Fußball überleben und im Konzert der Großen mitspielen will, der muss zusehen, woher er seine Mittel bezieht. Und die deutschen Regularien sind in dieser Hinsicht noch sehr human. Kind unterstützt den Verein seit langer Zeit, trifft zwar nicht immer die glücklichsten, aber häufig die richtigen Entscheidungen. Und auch wenn ich wirklich nicht immer hinter Martin Kind stehe: Ohne ihn stünde 96 nicht dort, wo der Verein jetzt steht. Schaut man sich beispielsweise Traditionsvereine wie 1860 München, den 1. FC Kaiserslautern oder den VfL Bochum an, dann scheint man in Hannover doch gar nicht so schlecht zu fahren, denn all diese Beispiele zeigen, was mit und ohne den falschen Investor passieren kann.

Neue Power in der Offensive

Ganz schön viel passiert in letzter Zeit, da kann der morgige Derby-Gegner VfL Wolfsburg schon einmal etwas zu kurz kommen. Und dabei habe ich noch gar nicht erwähnt, dass 96 auf dem Transfermarkt noch einmal aktiv wurde und Ihlas Bebou von Fortuna Düsseldorf losgeeist werden konnte. Der 23-jährige Flügelspieler besticht durch sein enormes Tempo, kostete 4,5 Millionen Euro und soll die Ausfälle der Dauer-Patienten Uffe Bech und Noah-Joel Sarenren-Bazee kompensieren. Individuelle Klasse hat sich aber auch der VfL Wolfsburg noch kurz vor Toreschluss auf dem Transfermarkt geangelt, indem die Wölfe Divock Origi vom FC Liverpool verpflichteten. Der Belgier soll wohl die Last ein wenig von den Schultern von Mario Gomez nehmen, der in der abgelaufenen Rückserie und Relegation die Lebensversicherung schlechthin für den VfL Wolfsburg darstellte.

Das kleine Derby

Die Vorzeichen vor dem kleinen Niedersachsenderby stehen jedenfalls gut für Hannover 96. Die Roten treffen auf einen VfL, der vor zwei Wochen seinen ersten Saisonsieg mit einer gehörigen Portion Glück erlangte. Eintracht Frankfurt war klar das bessere Team und die Wölfe duselten sich mit Alu-Glück zum Auswärts-Dreier. Doch auswärts hat auch Hannover in Mainz kein Feuerwerk abgebrannt. André Breitenreiter schiebt die Favoritenrolle vor dem Derby denn auch Wolfsburg zu. Der VfL habe ganz andere Möglichkeiten, “eine brutal hohe individuelle Qualität im Kader und wenn man die Transfermarkt-Wertetabelle vergleicht, haben sie, glaube ich, einen Wert, der drei- bis viermal so hoch ist wie unserer. Trotzdem funktionieren wir momentan als Einheit so gut, dass wir sechs Punkte erzielt haben”, so der Chefcoach der Roten auf der Pressekonferenz. Sein Team müsse sich nicht kleiner machen, als es ist für dieses Spiel, denn “wir fahren mit sehr viel Selbstvertrauen nach Wolfsburg und wir möchten den VfL natürlich ärgern, indem wir dort unangenehm sind, zielstrebig nach vorne spielen und sämtliche Abläufe, die wir uns vornehmen, mit Glaube und Selbstvertrauen angehen, um dort auch zu gewinnen.” Wenn die Hintermannschaft um Salif Sané und Felipe wieder die Null halten kann, dann sehe ich schon die nächsten drei Punkte auf dem Konto von Hannover 96. Hinten sicher stehen und vorne Jonathas bedienen, dann klappt es auch mit dem nächsten 1:0-Sieg. Michael Ballack gefällt das!

Samstag, 9. September 2017, 15.30 Uhr:
VfL Wolfsburg – Hannover 96

(Foto: Die Bildermacherei Cuxhaven/Kerstin Tietje/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 4.0)

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Kategorien: Sports

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