Susanne Viktoria Haupt
18. September 2017

Es ist, was es ist

Seitenansicht: “Es ist Liebe” von Stephan Porombka

Immer noch groß und rot – die Liebe im 21. Jahrhundert: Stephan Porombkas “Es ist Liebe”, Buchcover

Es gibt dieses sehr bekannte Gedicht von Erich Fried, in dem es immer wieder heißt: “Es ist, was es ist, sagt die Liebe”. Es geht darum, dass Liebe eben auch als Unsinn, als lächerlich, als Schmerz oder gar als Unglück bezeichnet werden kann. Das ändert aber nichts daran, dass es Liebe ist. Im Zeitalter von Social Media-Plattformen und natürlich auch den zahlreichen Dating-Apps scheinen wir dies irgendwie vergessen zu haben. Nämlich, dass sie nun mal ist, was sie ist. Einfach Liebe.

Stephan Porombkas Buch “Es ist Liebe” geht sogar noch ein Stückchen weiter und nimmt sich jene Menschen zur Brust, die auf Grund dieser “neumodischen Kommunikationsformen” gar das Ende der Romantik proklamieren. Tinder ist doch nicht romantisch. Dieses ewige Wischen. Das hat doch nicht mehr viel mit dem zu tun, was wir vor zehn oder zwanzig Jahren kannten. Und überhaupt ist eine ganz wichtige Sache, sozusagen ein Basis-Gerüst jeder Liebesbeziehung dadurch verloren gegangen. Die Rede ist natürlich vom Liebesbrief. Keine von Tränen durchtränkten Seiten mehr, die fein säuberlich mit einem Füllfederhalter beschrieben wurden. Seiten, auf denen sich die geballte Sehnsucht nach dem anderen entlud und in die man natürlich vor allem zwei Dinge investiert hatte: Zeit und Energie. Jeder, der einmal mehr als zwei Seiten per Hand geschrieben hat, weiß genau, wovon ich rede. Das ist sozusagen “weg”, eliminiert durch die E-Mail, durch den Facebook-Messenger, durch Kurznachrichten über Whatsapp. Ein trostloses Bild, das einem präsentiert wird.

Gäbe es da eben nicht Stephan Porombka, der ganz groß und in Rot “Halt!” brüllt. Oder besser gesagt schreibt. Bekannt ist Porombka zum einen durch seine Tätigkeit als Professor. Früher an der Universität Hildesheim, nun an der Universität der Künste in Berlin. In beiden Fällen aber vor allem geliebt und gefeiert von der Studentenschaft. Porombka ist der Rockstar unter den Professoren. Erreichen tut man ihn gerne mal über Facebook, Instagram oder Twitter. Dort tobt er sich aus, probiert aus, experimentiert herum. Mit Bildern oder auf 140 Zeichen. Mittlerweile gibt er sogar in der Wochenzeitung “Die Zeit” stets einen kurzen Einblick in seine “Professoren-Praxis”. Was ihn auszeichnet, ist vor allem eines: Stephan Porombka ist ein unverbesserlicher Kultur-Optimist. Neue Errungenschaften hinsichtlich der Kommunikation werden als Chance, als Herausforderung angesehen. Also ist es nur logisch, dass für ihn die Romantik alles andere als tot ist. Sie ist nur eben irgendwie anders, als wir sie vielleicht als gewohnt zu sein glauben.

Denn Dinge, die uns erst einmal fremd sind, wirken bedrohlich und werden vorerst degradiert. Eine liebevolle Whatsapp-Nachricht ist nicht so viel wert wie ein Liebesbrief. Sich über Tinder kennenzulernen, ist nicht so romantisch, wie die zufällige Begegnung im Supermarkt. Aber nicht, weil es tatsächlich weniger romantisch ist, sondern weil es uns einfach fremd ist. Um dieses Gefühl der Fremdheit abzuschütteln, und diese neue Form der Romantik kennenzulernen, müssen wir uns aber mitten in dieses neue Gewebe hineinbegeben und selbst austesten.

Und sowieso waren es doch die Romantiker im 18. Jahrhundert, die sich nicht mehr in diese Schubladen haben stecken lassen wollen. Schließlich wählten sie den Roman zu ihrer Leitgattung, da dieser ihnen neue Möglichkeiten und auch Mischgattungen ermöglichte. Romantiker haben experimentiert, sich in ihren Techniken neu herausgefordert, und sie pfiffen schließlich auf die Klassik, die sich nur an vermeintlich zeitlose Regel-Poetiken halten wollte. Romantik ist also nicht nur Kitsch, sondern eben auch die Aufregung, die Erregung, die hinter dem Neuen steckt. Mehr Romantik als momentan geht also fast gar nicht. Und seien wir mal ehrlich: Es ist doch absolut herzerwärmend, wenn wir von Menschen lesen, die sich auf Tinder kennen und lieben lernten, obwohl sie tausende Kilometer voneinander entfernt wohnten. Und dass schlussendlich der eine zum anderen zog. Und sie heirateten. Und Kinder bekamen. Und vielleicht sitzen sie dann später mit ihren Kindern zusammen auf dem Sofa und zeigen Screenshots von ihren allerersten Tinder-Nachrichten. Denn im Grunde hat es doch schon Fried gesagt: “Es ist, was es ist, sagt die Liebe”.

Es ist also alles nicht einmal halb so schlimm, wie viele Pessimisten vorgeben. Alles, was wir tun müssen, ist also selbst austesten. Uns selbst auf die Suche begeben und uns auf die neue Form der romantischen Kommunikation einlassen. Stephan Porombka gibt mit “Es ist Liebe” auf jeden Fall einen Leitfaden mit, um sich den neuen Kulturtechniken einfach mal leidenschaftlich hinzugeben und zugleich unsere Welt wieder etwas mehr zu romantisieren. Man muss es eben einfach nur wollen. Ein Buch, das vor allem durch seine klare und zugleich poetische Sprache besticht – und seiner Leserschaft die rosarote Brille aufsetzt.

Stephan Porombka: “Es ist Liebe”, 176 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446256705, 16 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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