Roman Kansy
24. April 2018

Instrumentale Post-Rock-Wuchtigkeit

Das Verhör: “Nephele” von Soonago

Verträumte Landschaften und ein hartes Riffing, das Akzente setzt: Soonagos “Nephele”, Albumcover

Wenn man sich ein bisschen innerhalb der Musik-Szene umguckt, dann könnte man meinen, dass Post-Rock und Konsorten momentan ihre Blütezeit erleben. Seit ein paar Jahren lässt sich am Horizont instrumentaler Rock-Musik viel Dynamik beobachten. Da wären die mittlerweile zu Szene-Größen herangewachsenen Pioniere des Genres: God Is An Astronaut, Explosions In The Sky, If These Trees Could Talk, et cetera. Zwischen all den etablierten Gebilden tummeln sich aber auch viele junge Bands, die die Hörerschaft mit Neuem, Experimentellem versorgen – und davon lebt eine dynamische Szene ja bekanntermaßen. Dennoch ist es trotz des fruchtbaren Bodens erstaunlich ruhig, wenn man seinen Blick in die deutsche Post-Rock-Landschaft wirft. Kokomo und A Long Distance Calling fallen sofort ein und dann wird es auch schon eigenartig still für ein Land, das eigentlich über eine sehr produktive Szene kleiner Bands verfügt und von dem man irgendwie mehr erwartet hätte.

Umso erfreulicher ist es daher, dass sich im beschaulichen Bielefeld ein so motiviertes, wie talentiertes Quartett zusammengefunden hat, um für anständigen Auftrieb zu sorgen. Soonago wurden erst im Jahr 2014 gegründet und sind offensichtlich noch ziemlich jung. Erstaunlich und bemerkenswert daran ist allerdings, dass man es ihnen einfach überhaupt nicht anhört. Mit “Nephele” haben Soonago für ein Debüt eine beeindruckende Leistung abgelegt: Die Krabbel-Phase wurde konsequent ignoriert und die Band hat gleich mit dem Laufen begonnen.

Beim ersten Durchlauf des Albums fallen zwei Dinge besonders auf: die saubere, nicht zu cleane und dafür aber wuchtige Produktion und die Riff-Lastigkeit der Kompositionen, die der Band innerhalb des Post-Rocks schon jetzt einen eigenständigen Sound und damit Wiedererkennungswert beschert. Da weiß jemand, was er tut. Nach Durchlauf des ersten Songs mit dem Titel “Chronos” ist die skeptische Neugierde verflogen, die so manches erstes Hören begleitet und dem Durst nach mehr gewichen, der auch alsbald gestillt wird. Verträumte Sphären, die jederzeit von brachial anmutenden Riffs erschüttert werden können und einfach clevere, unvorhersehbare Songstrukturen machen aus dem Erstlingswerk ein Fest für die Ohren. Dank der gekonnten Produktion wird auch feineren Arrangements und subtilen Details genug Raum gegeben, so dass sie nicht zwischen den treibenden Riffs zu ersticken drohen. Klasse!

Nachdem man sich durch alle vier Songs der Veröffentlichung hat tragen lassen, ist es umso beeindruckender, dass es sich bei einer solch professionellen und im Alleingang kreierten Produktion um die erste Veröffentlichung handeln soll. Wer sich auf das Album einlässt, sollte Zeit und Bereitschaft mitbringen, sich von der Band abholen zu lassen, Fastfood-Musik wird hier Gott sei Dank nicht serviert.

Soonago haben mit “Nephele” ein kohärentes und vor allem authentisches Album geschaffen, das ohne künstlichen Schnick-Schnack und kitschigen Überfluss auskommt und sich schon jetzt nicht vor den Pionieren verstecken muss. Klar, hier und da kann noch ein bisschen gefeilt werden, aber wer sich so souverän und professionell das erste Mal ins Licht der Öffentlichkeit stellt, wird das mit links machen. Ich bin mir sicher, dass die Zukunft noch viel Spannendes bringen wird und vielleicht darf man Soonago auch bald Mal als Hauptact auf einer der vielen Bühnen Hannovers bewundern. Wem das zu viel Warterei ist, der kann das Album digital und frei von DRM-Limitierungen für günstige 4 Euro auf Bandcamp kaufen – es lohnt!

Soonago: “Nephele”, 4 Songs, 30 min.

Tipp: Am Mittwoch, dem 30. Mai 2018, sind Soonago als Support von The Aqualung und Nihiling im Lindener Keller-Club Béi Chéz Heinz zu sehen!

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Kategorien: Musik

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