Susanne Viktoria Haupt
25. September 2017

“Die Welt in der wir leben, ist eine Welt voller Fiktion”

Seitenansicht Spezial: Der französische Autor Édouard Louis war mit seinem neuen Roman “Im Herzen der Gewalt” zu Gast im Literarischen Salon

Nahm das Publikum vollständig für sich ein: der Schriftsteller und Philosoph Édouard Louis

Am vergangenen Freitag fiel es einem an Literatur interessierten Menschen nicht sonderlich schwer, sich in Hannover für eine abendliche Aktivität zu entscheiden. Denn der französische Schriftsteller Édouard Louis hatte sich mit seinem neuen Roman “Im Herzen der Gewalt” im Literarischen Salon angekündigt. Bereits sein Debüt “Das Ende von Eddy” war nicht nur bei unseren Nachbarn in Frankreich, sondern auch hierzulande ein großer Erfolg. Und auch sein neuer Roman “Im Herzen der Gewalt” ist wie sein Vorgänger keine reine Fiktion, sondern vor allem autobiographisch geprägt.

Für den 24-jährigen Édouard Louis gibt es drei Gründe, warum beide Werke vor allem autobiographischer Natur sind. Zum einen sei für ihn die Welt, in der wir leben, grundsätzlich voller Fiktion. Und Literatur sei für ihn nun mal ein Mittel der Wahrheit und des Widerstands. Der zweite Grund sei jener, dass er an seinen eigenen Geschichten einfach zu nahe dran gewesen sei. Der dritte Grund sei, dass er ein Kind des Reality-TVs wäre. Er sei damit aufgewachsen, dass Menschen ihr Innerstes vor Unbekannten nach außen kehren. Er kenne wenig Scham. Und dabei brechen seine beiden Romane in diesem Kontext gesellschaftliche Tabus. In “Das Ende von Eddy” berichtet Louis über seine Kindheit im französischen Norden, die vor allem von einer patriarchalischen Gesellschaft, Homophobie und jeder Menge Gewalt geprägt war. In “Im Herzen der Gewalt” berichtet Louis einerseits über eine schreckliche Nacht in Paris, in der er vergewaltigt und fast ermordet wurde, aber andererseits auch über die Gewalt, die dieser Schrecken nach sich zog.

Vorweg sei gesagt, dass – auch wenn Louis Opfer einer fürchterlichen Tat wurde und darüber geschrieben hat – sein Roman keine simple Verarbeitung des Geschehen ist. Kein Roman, der im Strudel eines Traumas geschrieben wurde. Keine schlichte Wiedergabe des Erlebten. Sein Roman ist vielmehr eine Reflexion über Formen von Gewalt. Denn nur auf Grund eines Gefühls von Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber – denn schließlich muss der Täter aus dem Verkehr gezogen werden -, zeigt Louis die Tat bei der Polizei an. Aber auf einmal steht die Ethnie des Täters mehr zur Debatte als die Tat selbst. Und der junge Schriftsteller muss erkennen, dass nun der Apparat der Justiz vordiktiert, wie mit der Tat verfahren wird, was geschehen wird, wie Rache geübt wird, und vor allem wie, wann und wie lange Louis über diese Tat bei der Polizei berichten muss. Er selbst rückt als Opfer umgehend in den Hintergrund. Bei allem, was nun passiert, geht es nicht darum, dass er eine Wiedergutmachung erfährt, sondern dass der Täter von der Justiz zur Verantwortung gezogen wird und Gewalt in Form einer Gefägnisstrafe ausgeübt wird. Und auch, wenn dieser Vorgang zum Schutze der Mitmenschen durchaus als logische Konsequenz erscheint, macht sich in Louis das Gefühl breit, dass er, der Gewalt ablehnt, nun miterleben muss, wie in seinem Namen Gewalt ausgeübt wird.

Louis Geschichte entzieht sich damit seiner eigenen Kontrolle. Und Kontrolle ist, wenn man sich etwas mit dem breiten Feld des Traumas auskennt, ein sehr wichtiges Gefühl. Das merkt auch Louis in den Wochen nach der Tat, wenn er mit anderen darüber spricht. Er mag es nicht, wenn andere ihre Meinungen oder Vermutungen zu der Tat abgeben. Jene Meinungen und Vermutungen entziehen ihm das Wahrheitsmonopol an seiner Geschichte und damit auch die Kontrolle über das Erlebte. Schlimmer noch: Seine Geschichte macht sich selbstständig und wird gedanklich von anderen verwertet, gedeutet und auch verändert. In einer fiktiven Szene, die sich wiederkehrend durch den Roman zieht, berichtet Louis davon, wie er nach einiger Zeit erschöpft in sein altes Heimatdorf zurückkehrt und seine Schwester Clara besucht. Er berichtet Clara von dem Erlebten und muss einige Zeit später mitanhören, wie sie ihrem Mann davon berichtet. Seine Geschichte entgleitet ihm erneut, und nur schwerlich kann er es verdauen, dass Clara seine Worte und damit auch die Wahrheit verändert. Auch dieses Entreißen ist eine Form von Gewalt. Worte können gewaltig sein…

Édouard Louis wird in Frankreich längst zu den neuen Intellektuellen gezählt. Der Philosophie-Student ist ein enger Freund des Soziologen und Philosophen Didier Eribon und des Philosophen Geoffroy de Lagasnerie. Am letzten Freitag ging Bei Edouerd Louis Lesung im Literarischen Salon dementsprechend auch um weitaus mehr als nur um seinen zweiten Roman. Es ging um die widersprüchliche Politik von Emmanuel Macron, um die Stellung der Frau innerhalb der französischen Gesellschaft und darum, warum er kein Scharnier zwischen der Welt seiner den Front National wählenden Eltern und seiner eigenen Welt bilden könne. Mit seinen Worten und seinen Ausführungen, die hier und da mal Anspielungen auf Foucault, Derrida und auch de Beauvoir beinhalteten, hatte LOuis sein Publikum jedenfalls bestens im Griff. Ein charismatischer junger Mann, der dann für die Signier-Runde seinen Kapuzen-Pulli auszog und sich im schlichten weißen Hemd präsentierte. Wir können von ihm noch sehr viel erwarten.

Édouard Louis: “Im Herzen der Gewalt”, 224 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3103972429, 20 Euro

(Foto: Eike Kastner)

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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