Susanne Viktoria Haupt
2. Oktober 2017

Gleich und ungleich

Seitenansicht: “Swing Time” von Zadie Smith

Fragt nach dem “Woher?” und dem “Wohin?”: “”Swing Time” von Zadie Smith, Buchcover

Mit dem Film “Swing Time” setzten sich Ginger Rogers und Fred Astaire 1936 bereits ihr sechstes gemeinsames Denkmal. Der Song “The Way You Look Tonight” bekam gar den Oscar für den besten Song. Aber “Swing Time” heißt auch der fünfte Roman der englischen Schriftstellerin Zadie Smith und der Titel ist kein Zufall. In ihrem Roman dreht sich alles um zwei Freundinnen, die nicht nur ihre Leidenschaft für das Tanzen teilen, sondern zudem auch große Fans von Fred Astaire sind. Und nicht nur das haben die beiden gemeinsam. Sie haben beide jeweils einen schwarzen und einen weißen Elternteil und können sich nur schlecht in einer der beiden Welten verorten. Beide kommen nämlich aus demselben ärmlichen Viertel und beide haben sie Sommersprossen. Aber die namenlose Ich-Erzählerin erkennt auch die Unterschiede zwischen sich und Tracey. Während ihre eigene Mutter eine stolze, zum Teil unterkühlte schwarze Frau ist, die darauf besteht, dass ihre Tochter es mal zu etwas bringt, ist die Mutter von Tracey ungebildet und sieht ihre Tochter mehr als Prestige-Objekt an. Den Lesern kommt es fast so vor, als wäre Traceys Mutter ein Beispiel für den Stereotyp des White Trash. Und obwohl sich die Mütter der Mädchen nicht gerade sympathisch sind, wächst zwischen ihren Töchtern eine feste Freundschaft heran.

Die Freundschaft hat jedoch nicht lange Bestand, und als Erwachsene blicken die beiden Frauen mit einer Mischung aus Wut und Wehmut auf die gemeinsame Zeit zurück. Während Tracey es kurzfristig als Tänzerin geschafft hat, etwas zu erreichen, schaffte es die Erzählerin bis nach New York als Assistentin eines weltberühmten Pop-Stars. Die Fallhöhe wird beiden allerdings zum Verhängnis. So fällt Tracey nach kurzem Erfolg wieder zurück in ihr altes Viertel und wird Mutter von drei Kindern. Die Erzählerin selbst wird entlassen und steht mit einem Male nicht nur ohne Job da, sondern auch völlig ohne jeden Bezug. Ihre Herkunft und all ihre Wurzeln hatte sie abgelegt, um es in dieser Welt der “Schönen und Reichen” zu schaffen. Das ging allerdings auf Kosten der Realität – und als sie nach Jahren wieder in ihr altes Viertel zurückkehrt, muss sie sich mit weiteren drohenden Verlusten auseinandersetzen…

“Swing Time” von Zadie Smith ist ein Roman, der ganz konkret danach fragt, wo wir herkommen und was diese Herkunft mit uns macht. Wir begleiten zwei Mädchen, die sich nicht so wirklich verorten können und selbst als erwachsene Frauen irgendwie immer noch aus dem Leben herauszufallen drohen. Smith fragt dabei nicht nur nach der Hautfarbe, sondern auch nach dem Geschlecht als Grund. Und vor allem fragt sie danach, wie wir heute im 21. Jahrhundert mit Dingen wie Gender, Hautfarbe und sozialem Milieu umgehen. Welche Chancen bleiben, welche Türen stehen offen und welche sind auch heute noch verschlossen? Was hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren verändert, und was wird sich wohl auch in den kommenden zwanzig Jahren nicht verändern? Durchzogen von Highlights der Geschichte der Film-Musicals und des Tanzes, ist “Swing Time” ein angenehmer Roman, der jedoch sprachlich hinter seinen Vorgängern zurückbleibt. Vielleicht liegt es aber auch an dem Konzept der Ich-Erzählerin, die sich stets zwischen einem inneren Monolog und einem ungefilterten Bewusstseinsstrom bewegt und schlussendlich auch noch auf die überzeichneten, flachen New York-Figuren trifft. Alles nicht ganz schlecht, aber eben auch nicht wirklich so gut wie von Zadie Smith gewohnt.

Zadie Smith: “Swing Time”, 640 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462049473, 24 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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