Tobias Kunze
6. Oktober 2017

Hommage an die Poesie des Moments

Bilder sagen mehr als tausend Worte – auch über die, die mehr als tausend Worte sagen: Die Faust lädt heute zur Doppel-Vernissage mit Slam-Fotos von Matthias Stehr und Marvin Ruppert

Volle Hütte in ganz groß: der Poetry Slam in der Oper Hannover, Fotografie von Matthias Stehr

Poetry Slam, das ist, wo das Wort lebendig wird. Die Verfasserinnen und Verfasser müssen die eigenen Worte auf der Bühne nicht nur zum Leben erwecken, sondern sprichwörtlich selbt leben. Als Teil der weltweit verbreiteten Poetry Slam-Szene steht Hannover ab dem 24. Oktober im Fokus, zumindest in dem der deutschsprachigen Slam-Welt, wenn die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam beginnen. Der Darbietung des geschriebenen und gesprochenen Wortes – auch in Hannover – widmet sich ab heute eine große Doppel-Ausstellung der beiden Szene-Fotografen Matthias Stehr und Marvin Ruppert, die von der Bühnen-Poesie erzählen.

Alt-(Slam-)Meister und ABC-Szene-Urgestein in Aktion: Jan Off, Fotografie von Matthias Stehr

Die Bilder des hannoverschen Fotografen und Comic-Künstlers Matthias Stehr zeigen in der Ausstellung “Talking about Poetry Slam” im Der Nachbarin Café auf dem Faust-Gelände die Live-Momente der Slam-Szene auf den mittlerweile zahlreichen hannoverschen Wort-Performance-Bühnen. Traumentschwebt, in leidenschaftlicher Poesie versunken oder in eindringlich direktem Blick-Kontakt unter starken Gesten, widmen sich die Poetinnen und Poeten ihren Werken. Stehrs Künstler-Portraits in ihren Vortrags-Höhepunkten zelebrieren die Begeisterung des Vortrags und halten fest, was so schnell wieder vorbeigeht, denn die Rezeption der meist auf fünf bis sieben Minuten beschränkten und daher meist schnell, wortreich und gefühlsintensiv dargebrachten Beiträge erfordert alle Sinne und verlangt dem Publikum alles an Auffassungsgabe ab. Wo Matthias Stehrs Linse einen Augenblick erhascht, sieht man alle Ausdruckskraft, Konzentration, die Sicherheit, aber auch die Unsicherheit in der Mimik gebannt. Freude, Wut, Trauer – die ganz großen Gefühle der Slammerinnen und Slammer werden durch Stehrs Bilder einmal mehr transportiert und lassen erahnen, welch Katharsis das Publikum im Minutentakt der Slam-Beiträge erfährt.

So geht’s auch: entspannte Vortragshaltung auf dem Bühnenboden, Fotografie von Marvin Ruppert

Marvin Rupperts Blickpunkt liegt hingegen nicht nur auf den Protagonisten während ihres Auftrittes, sondern auf sämtlichen Momenten um das Bühnengeschehen herum. Die Bilder seiner Fotoschau “SLAM – Die Foto-Ausstellung” nehmen in der Kunsthalle Faust die Betrachtenden auch mit in die Welt abseits der Bühne, hinter die Vorhänge und Backstage-Türen, führen zum Zauber, wie auch zur Nüchternheit. Manchmal sieht man feiernde, lachende Gesichter, sich umarmende Menschen, es fliegt Konfetti durch die Luft – und manchmal sind es graue Feuerschutz-Türen, durch die eine Hand ragt, oder Poeten, die in einer kahlen Ecke konzentriert ihre Stücke auswendig lernen. Manchmal linst die Kamera des Kölner Fotografen voyeuristisch durch den Vorhang auf die Bühne, allein, um dem Publikum eine andere Perspektive zu geben. Denn von hinten erkennt man das teilweise eingeübte, teilweise improvisierte, intuitive Interagieren der Vortrags-Künstler mit ihrem Publikum. Rupperts Kamera lichtet die Spannung der Sekunde ab. Es ist der Blick des Dichter-Kollegen, denn Ruppert ist selbst Slam-Poet und sozusagen “Embedded journalist” unter seinesgleichen. Oft aber ist auch er auf der Publikums-Seite – und hält wieder in bunte Bühnenlichter getauchte Gesichter fest, oder auch einen der ganz großen Säle, in denen Poetry Slams mittlerweile stattfinden.

Ein letztes Durchatmen: der Moment vor dem großen Auftritt, Fotografie von Marvin Ruppert

Die Magie der Poetry Slam-Augenblicke ist – pünktlich zu den deutschsprachigen Meisterschaften im Oktober – von Matthias Stehr und Marvin Ruppert kongenial nah und ergreifend in Bildern dokumentiert. Und in Hannover schreibt sich die Geschichte aus tausend Worten und tausend Bildern fort. Heute eindringlich nachzuspüren ab 18 Uhr in der Kunsthalle Faust bei einer großen Doppel-Vernissage beider Ausstellungen. Foto und Wort ab!

Freitag, 6. Oktober 2017:
Doppel-Vernissage: Matthias Stehr, “Talking about Poetry Slam – Hannovers Live-Literatur im Fokus” und Marvin Ruppert, “SLAM – Die Foto-Ausstellung”, Kunsthalle Faust, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover, Beginn: 18 Uhr, Eintritt frei

Ab 20 Uhr zeigt Hannovers Poetry Slam “Macht Worte!” Haltung und lädt im Anschluss der Vernissage zum Polit-Slam in die Faust-Warenannahme, Eintritt: 9 Euro, ermäßigt: 7 Euro

weitere Infos und Öffnungszeiten:
Matthias Stehr: “Talking about Poetry Slam – Hannovers Live-Literatur im Fokus”
Marvin Ruppert: “SLAM – Die Foto-Ausstellung”

(Fotos: Matthias Stehr (1,2), Marvin Ruppert (3,4))

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Kategorien: Kunst, Literatur, Tagestipps

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