Susanne Viktoria Haupt
16. Oktober 2017

Zeugnis einer Obsession

Seitenansicht: “Die nackte Frau” von Elena Stancanelli

Gilt als “großer literarischer Skandal-Roman”: Elena Stancanellis “Die nackte Frau”, Buchcover

Ich hatte mal eine Freundin, nennen wir sie einfach Katharina, die es trotz eigener hoher Ansprüche mit der Treue nicht so ganz ernst nahm. Einmal rief sie mich an einem Nachmittag an und bat mich, ihrem Freund zu erklären, dass sie keinesfalls fremdgegangen sei. Ursache des Ganzen war, dass er irgendwie einen Blick in ihren Facebook-Account warf und einen mehr oder weniger beunruhigenden Chat-Verlauf zwischen ihr und einem entfernten Bekannten gelesen hatte. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass mir die Rolle, in die ich mit einem Schlag gedrückt wurde, so ganz und gar nicht gefiel. Ein paar Jahre später verlies Katharina ihren Freund. Nicht für den entfernten Bekannten von damals, sondern für einen anderen, mit dem sie schon seit einigen Monaten eine Affäre hatte. Nun ja, jedem das seine. Doch damals stellte ich mir die Frage, wie man überhaupt auf die Idee kommt, in einem fremden Facebook-Account zu herumzustöbern. Und auch, wie eine Frau, die es selbst mit der Treue nicht so genau nahm, ihrem Freund sämtliche Freundschaften zu anderen Frauen untersagen könnte. Wohl einzig und allein aus Angst und Eifersucht.

“Die nackte Frau” von Elena Stancanelli berichtet genau von so einem Fall. Anna ist eigentlich in allen Lebensbereichen durchaus erfolgreich. Sie hat einen tollen Job, sieht gut aus und hat eine Langzeit-Beziehung mit Davide. Zwar ist aus der Beziehung irgendwie etwas die Luft raus, aber das kennen sicherlich viele. Dennoch hält sie an der Partnerschaft fest, denn selbst die Streitigkeiten sind mittlerweile zur liebgewonnenen Routine geworden. Durch einen dummen Zufall jedoch bekommt sie am Telefon ein Gespräch zwischen Davide und einem Freund mit, in dem ihr eigentlich fester und auf Monogamie festgenagelter Freund mit seinen Affären prahlt. Für Anna bricht eine Welt zusammen und zugleich stürzt sie sich in eine nicht unbedingt paranoide, aber durchaus krankhafte Spirale. Zwar war sie selbst Davide auch nicht immer treu gewesen, aber sie meint, wenigstens dafür gesorgt zu haben, dass ihre Affären nie zu ihm durchgedrungen sind. Es ist offensichtlich: Sie misst mit zweierlei Maß, offensichtlich ist das für sie in Ordnung.

In Folge der Aufdeckung des Betruges, beginnt sie Davides Leben immer mehr zu durchleuchten. Denn anfänglich bleiben sie trotz beidseitiger Untreue und schwindender Liebe noch zusammen. Nicht, um die Beziehung zu retten, sondern eher, um die Kräfte zu messen. Nun ist nichts mehr vor Anna sicher. Sie nimmt sich regelmäßig heimlich Davides Handy und liest die Nachrichten. Sie kontrolliert seine Aktivitäten auf Facebook und genauso auch seinen Email-Verkehr. Schnell hat das Ganze weder noch etwas mit Liebe, noch mit dem Gedanken zu tun, als Siegerin aus der Beziehung herauszugehen. Stattdessen existieren für Anna fortan nur noch Davide und seine zahlreichen Affären. Und trotz der folgenden Trennung können die beiden nicht wirklich von einander loslassen. Warum bleibt den Leserinnen und Lesern des Romans allerdings schleierhaft.

Chance vertan

Aus Geschichten, in denen ein Partner vom anderen betrogen wird, kann man mormalerweise einiges machen. Die britische Serie “Doctor Foster” hat es vorgemacht und liefert eine Kleinstadt-Tragödie, die nur noch aus Betrug und Lügen besteht. Spannung inklusive. Bei “Die nackte Frau” sucht man die Spannung allerdings vergeblich. Ein Problem ist, dass der gesamte Roman als Brief angelegt ist, den Anna an ihre Freundin Valentina verfasst. In diesem Brief will sie das ganze Ausmaß ihrer Obsession darlegen. Ich möchte keinesfalls bezweifeln, dass ein Mensch dazu in der Lage ist, sich in solch eine krankhafte Obsession hineinzusteigern, aber literarisch ist das Ganze höchstes mittelmäßig aufbereitet. Denn Stancanelli serviert der Leserschaft leider einen größtenteils langweiligen Gedanken-Monolog, der nur ab und zu durch echte Aktionen durchbrochen wird. Annas Gedanken über Liebe, Beziehung, Treue und Davide passen eher zu einer sehr unreifen Zwanzigjährigen und nicht zu einer Frau, die eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben stehen sollte. Dieser Roman macht einfach keinen Spaß und er funktioniert nicht einmal als literarische Daily Soap.

Was bleibt sind über 200 Seiten, die einen eher dazu verleiten, sich an den Kopf zu fassen, anstatt gespannt weiterzulesen. Angepriesen war “Die nackte Frau” als “großer literarischer Skandal-Erfolg”. Dieses Label kann Stancanelli aber leider nicht ausfüllen. Schade eigentlich, denn gerade Konstellationen wie der oben beschriebene Plot zwischen den Protagonisten Anna und Davide könnten eigentlich auch einen kritischen Blick auf Monogamie, Beziehungen und Doppelmoral werfen.

Elena Stancanelli: “Die nackte Frau”, 224 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827013477, 18 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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