Susanne Viktoria Haupt
21. November 2017

Ein sicherer Ort

Für Toleranz, Vielfalt und Gleichberechtigung: langeleine.de zu Besuch beim “Andersraum” in der Nordstadt

“Gleichberechtigung gibt es nicht in Abstufungen”: Der “Andersraum” ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für die LGBTIQ-Community Hannovers

Seit dem 1. Oktober 2017 dürfen gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Ein wichtiger Meilenstein hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Aber was auf den ersten Eindruck wie ein großer Gewinn erscheint, ist in manchen europäischen Ländern längst gang und gäbe – und Deutschland erwies sich in dieser Hinsicht als Nachzügler. Nun könnte man meinen, dass die Gleichstellung von Homosexuellen und Heterosexuellen damit auch rechtlich erfolgt wäre, aber bisher ist beispielsweise die Diskriminierung auf Grund der sexuellen Orientierung noch nicht ins Grundgesetz eingeflossen. Außerdem bewegen Gesetze eine Gesellschaft nicht zwangsweise zum Umdenken. Das soll heißen, dass nicht nur Diskriminierung, sondern auch Straftaten gegenüber Menschen aus der LGBTIQ-Community immer noch ein massives Problem darstellen.

“Nur wenn wir sichtbar werden, können wir auch sicherer werden”

Laut einer Umfrage der Antidiskrimierungsstelle des Bundes gaben 40,1% der Befragten an, dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland immer noch spürbar diskriminiert werden. 40,5% stimmten der Aussage zwar nicht voll und ganz zu, gaben aber an, dass dies eher zutreffe. Vor allem Jungen und Männer haben es laut der Umfrage schwerer. Während es nur 5,3% sehr unangenehm sei, wenn zwei Frauen sich in der Öffentlichkeit küssen, ist es 9,3% sehr unangenehm, wenn zwei Männer sich ihre Zuneigung in der Öffentlichkeit zeigen. Als Vergleich: Gerade einmal 1,9% empfinden es als sehr unangenehm, wenn eine Frau und ein Mann sich öffentlich küssen. Auch erfolgen immer noch erzwungene geschlechtsangleichende Operationen und Sexual-Hormonbehandlungen bei intersexuellen Kindern und Jugendlichen. Für Kritik von intersexuellen Menschen sind die betreffenden Kliniken nicht offen. Risiken und Folgen von solch erzwungenen Eingriffen und Behandlungen sind kaum auszumalen.

Im Herzen der hannoverschen Nordstadt befindet sich der “Andersraum” und ein Besuch von langeleine.de war längst überfällig. Der “Andersraum” gilt nämlich als eine der wichtigsten Institutionen und Anlaufstellen für die LGBTIQ-Community Hannovers und hat sich selbst über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Seit bereits fünf Jahren gibt es den “Andersraum”, verrät mir Projektkoordinatorin Corinna Weiler. Dabei geht es nicht nur darum, ein Zentrum für die Community zu sein, sondern auch Sichtbarkeit nach außen zu zeigen. “Nur wenn wir sichtbar werden, können wir auch sicherer werden”, bringt Weiler es auf den Punkt.

Nahm sich für langeleine.de Zeit: “Andersraum”-Projektkoordinatorin Corinna Weiler

Party ja, aber mit Protest

Die Hauptaufgaben des “Andersraums” sind Empowerment der Community sowie Toleranz- und Aufklärungsarbeit für geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Aufklärung. Knapp 30 Gruppen mit unterschiedlichen Ausrichtungen treffen sich regelmäßig in der Asternstraße und werden dabei von ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen geleitet. Denn auch, wenn der Andersraum einen Teil seiner Arbeit durch öffentliche Gelder abdecken kann, ist das Team dennoch auf starkes ehrenamtliche Engagement angewiesen. Seit 2016 kümmert sich das Team beispielsweise auch um die Ausrichtung des Christopher Street Days (CSD) in Hannover. Schwerpunkt dabei ist, dass der CSD wieder auf seine politischen Ursprünge zurückgeführt wird. Party ja, aber mit Protest.

In Kooperation mit dem QNN e.V. (Queeres Netzwerk Niedersachsen) und der VNB e.V. (Landeseinrichtung der Erwachsenenbildung) nahm 2016 die niedersächsische Vernetzungsstelle “QueerRefugees” ihre Arbeit auf. Mit Fördermitteln vom Land Niedersachsen kümmert sich die Vernetzungsstelle um die Ausbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich für queere Geflüchtete engagieren möchten, und arbeitet eng mit der Verwaltung zusammen. Vor allem geht es darum, queeren Geflüchteten Empowerment und einen sicheren Raum zu bieten, beispielsweise für Gruppentreffen und Deutschkurse und durch Beratung.

Ein ebenfalls wichtiger Bereich ist der eigene Trans*-Zweig des Andersraums. Sowohl für Jugendliche, als auch für erwachsene Trans*-Menschen gibt es eine regelmäßige Gruppe. Dabei steht zum einen das Gefühl von Gemeinschaft im Vordergrund, zum anderen aber auch konkrete Hilfestellung hinsichtlich von Anträgen, die gestellt werden sollen – beispielsweise der Auswahl einer passenden medizinischen Praxis. Für Eltern von Trans*-Kindern gibt es separat nochmal einen Stammtisch, um sich auch hier gegenseitig den Rücken zu stärken. Innerhalb der Gesellschaft mangelt es vor allem noch viel an Verständnis und Respekt gegenüber Trans*-Menschen und der Prozess der Transition stellt alleine hinsichtlich der Bürokratie einen äußerst steinigen Weg dar.

“Gleichberechtigung gibt es nicht in Abstufungen”

Um die Jugend-Angebote sichtbar zu machen, arbeitet der “Andersraum” unter anderem auch mit den Schüler*innen-Vertretungen der Schulen zusammen und versorgt diese mit ausreichend Info-Material. Die Jugendgruppen sind Peer-to-Peer-Projekte, sie werden daher von Jugendlichen selbstständig geleitet. Dort wird Gemeinschaft erlebt. Vor allem können die Jugendlichen in einem geschützten Raum über Dinge sprechen, über die sie mit anderen außerhalb der Community nicht oder nicht so einfach reden können. “Viel wird von der Gruppe aufgefangen” sagt Weiler, die eine der Jugendgruppen im Aufbau betreut hat und sich regelmäßig mit den Gruppenleiter*innen zusammensetzt.

Dass das Team vom “Andersraum” Gleichberechtigung anstrebt, dürfte selbstverständlich sein. “Gleichberechtigung gibt es nicht in Abstufungen”, sagt Corinna Weiler und hebt damit hervor, dass es eben nicht ausreicht, die gleichgeschlechtliche Ehe einzuführen. Da muss noch viel mehr passieren. Das ist jedoch leider noch ein langer Weg und selbst für die engagierten Mitarbeiter*innen ein langfristig gesetztes Ziel. Man arbeite als Anti-Diskriminierungsstelle natürlich an der eigenen Abschaffung. Bis dieser Wandel allerdings vollzogen ist, bleiben noch genügend weitere Baustellen übrig. Vor allem sollen auch Rassismen innerhalb der queeren Community stärker bekämpft werden. Denn auch als Teil der queeren Community sei man schließlich nicht frei von Vorurteilen. “Wir schaffen es leider viel zu wenig, nicht-weiße Menschen zu erreichen”, fügt Weiler hinzu. langeleine.de wünscht dem Team vom “Andersraum” für die Zukunft weiterhin viel Kraft alles Gute.

Andersraum
Asternstr. 2, 30167 Hannover
Bürozeiten: Mo und Di 14–18 Uhr, Mi und Do 9–14 Uhr
Kontakt: 0511 / 34 00 13 46
Mail: info@andersraum.de

weitere Informationen:
www.andersraum.de
Andersraum @ Facebook
www.hannovercsd.de
CSD Hannover @ Facebook

(Foto: Susanne Viktoria Haupt)

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Kategorien: Lokalitäten, Politik

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