Matthias Rohl
28. Juli 2009

Filmgeschichte(n): „Basic Instinct“

Das Kino als Ritual der Verführung: Wie Regisseur Paul Verhoeven das Sub-Genre des erotischen Thrillers neu belebte

San Francisco, 1992: Beim Bondage-Sex wird der einstige Rocksänger Johnny Boz von seiner Geliebten mit einem Eispickel auf bestialische Weise erstochen. Der ausgebrannte Inspektor Nick Curran (Michael Douglas) wird auf den Fall angesetzt. Tatverdächtig ist die Ex-Geliebte des Opfers: Thriller-Autorin Catherine Tramell (Sharon Stone). Ihr neuester Roman handelt von einem Mord, der exakt die gleiche Tat beschreibt. Mit lasziver sexueller Anziehungskraft und betörender Intelligenz versteht die Autorin es, den Cop für ihr durchtriebenes Spiel zu gewinnen. Zwischen beiden entwickelt sich eine heiße Affäre, von der nicht nur Nicks Geliebte, die Polizeipsychologin Dr. Elisabeth Gardner (Jeanne Tripplehorn) erfährt, sondern auch Roxy (Leilani Sarelle), die lesbische Freundin Tramells. Rasend vor Eifersucht, stirbt Roxy beim Versuch, Nick mit dem Auto zu überfahren. Doch auch Dr. Gardner, die einst gemeinsam mit Catherine Tramell Psychologie studierte, birgt ein dunkles Geheimnis…

“Basic Instinct”, Plakat

Hedonistischer Kreiseltanz ums eigene Ich: „Basic Instinct“, Filmplakat

Ein Holländer in Hollywood

Mit „Basic Instinct“ (1992), seiner nach „Robocop“ (1987) und „Total Recall“ (1990) dritten Produktion in Hollywood, schuf der niederländische Regisseur Paul Verhoeven eine elegante Hitchcock-Hommage – und den Prototyp des postmodernen Erotik-Thrillers. Schon 1984 hatte Verhoeven dem Meister des Suspense mit „Der vierte Mann“ seine Referenz erwiesen, doch in seiner ersten Zusammenarbeit mit Joe Eszterhas, der in den 90er-Jahren zu den höchstbezahlten amerikanischen Drehbuchautoren zählte, gelang ihm eine souverän kalkulierte Überzeichnung genrespezifischer Stereotypen und filmgeschichtlicher Zitate. Die Männer? Testosteron, Whisky, Kumpanei. Die Frauen? Nymphomanie, Bisexualität, Geilheit.

“Basic Instinct”, Szenenfoto

Wachsender Zweifel: Inspektor Curran (Michael Douglas) misstraut der Krimi-Autorin (Sharon Stone)

Doch Verhoevens Kino ist, jenseits der bewusst zur Schau gestellten, audiovisuell höchst eleganten Oberfläche, stets eines der lauernd-bedrohlichen Abgründe. Es zeigt uns eine Welt, in der die Protagonisten einer Luxus-Oberschicht den hedonistischen Kreiseltanz ums eigene Ich zelebrieren: Kokain, Promiskuität, Gewalt, Lüge, Verrat, Mord – auf allen Seiten macht sich jemand schuldig, selbst die Dienstaufsicht der Polizei erweist sich als bestechlich und korrupt. Die Kritik zeigte sich damals jedenfalls äußerst gespalten im Urteil, doch ist ihr meist die präzise choreographierte Fülle der Details und Gesten entgangen – zu heiß war wohl der Schauwert der freizügigen Sex-Szenen. Für Sharon Stone indes, die einst bekannte, sie habe „die dicksten Eier Hollywoods“, war es der bis heute größte Popularitäts-Schub ihrer wechselvollen Karriere. Sie nahm die Rolle an, die zuvor Kolleginnen wie Julia Roberts, Kim Basinger, Jodie Foster und Nicole Kidman abgelehnt hatten – um nur einige prominente Namen zu nennen.

Die Dramaturgie der Blicke

In seiner meisterhaften Habilitations-Schrift „Ritual & Verführung“ (2006) hat der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger eine minutiöse Deutung jener berüchtigten Szene vorgelegt, in der Catherine Tramell von fünf Männern verhört wird. Das Kino, so Stiglegger, ist stets Ritual der Verführung. Es lenkt unsere Einbildungskraft durch eine seduktive Dramaturgie der Blicke – und zieht uns so in seinen Bann. Grandios, wie er seine Deutung vor uns ausbreitet. Jedes noch so kleine Detail findet Beachtung: Das Deckenlicht des Raumes, die Anordnung der Darsteller im Raum, Mimik und Gestik, die Kleidung, die Dialog-Sequenzen – nichts entgeht dem Blick des leidenschaftlichen Theoretikers.

“Basic Instinct”, Szenenfoto

Hatte die dicksten Eier Hollywoods: Sharon Stone in ihrer Paraderolle

Und nachdem das sorgfältige Arrangement der Szene präzise nachgezeichnet ist, nähert sich der Autor schließlich jener Sequenz, in der Sharon Stone laszive Einblicke gewährt: „In einer halbtotalen Einstellung auf Catherine Tramell sehen wir aus Sicht der fünf Männer, wie die Frau die Beine nebeneinanderstellt… Und in einer drastischen Erfüllung der Publikumsneugier schneidet der Film nun in einem halbnahen Blick zwischen ihre Beine. Der obere Teil ihres blonden Venushügels erstrahlt in einem hellen Lichtdreieck, der Rest ist beschattet und auch kurz zu sehen, denn nun schlägt sie die Beine wieder übereinander…“ Und der Wissenschaftler schließt mit der Deutung, dass uns der Film fest im Griff hat, uns zu Voyeuren macht: „Film ist reine Seduktion und niemals Erfüllung.“ Der verstörende Blick des Voyeurs ist der gespiegelte Blick auf uns selbst, das Medium wirkt auf den Betrachter zurück und lehrt uns die Einsicht Shakespeares: „Mord ist der Wollust nah wie Rauch dem Feuer.“

nächste Folge:
„Die Hard“
Postklassisches Spektakel: Wie John McTiernan für das Blockbuster-Kino neue Maßstäbe setzte

(Fotos: Pressefotos)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel