Susanne Viktoria Haupt
6. November 2017

Eine literarische Abrechnung

Seitenansicht: “Mein fremder Vater” von Sorj Chalandon

Ein erschreckendes Familien-Portrait: “Mein fremder Vater” von Sorj Chalandon, Buchcover

Frankreich zu Beginn der 1960er-Jahre. In Algerien tobt der Krieg um die Unabhängigkeit von Frankreich, in Lyon sitzt der kleine Émile mit seinen beiden Eltern am Tisch. Für seinen Vater André ist die Sache klar: Algerien gehört zu Frankreich. General de Gaulle zeigt Sanftheit, wo Härte wallten müsste. Und sowieso muss es viel mehr Härte im Leben geben. Deswegen schlägt er auch seine Frau und seinen Sohn. Seine Frau sieht er als dumm an, die von nichts eine Ahnung hat. Sein Sohn ist für ihn eine Null, die es zu nichts im Leben bringen wird. André kann das nicht verstehen, denn er ist doch der große Held und aus seinen Lenden hätte doch etwas ebenso Heldenhaftes kommen müssen. Er war doch Profi-Fußballspieler und Fallschirmjäger. Ein enger Vertrauter von General de Gaulle, ein CIA-Agent, ein Mitglied der OAS mit direkten Draht zu Raoul Salan.

ZUsammengefasst: André ist ein Aufschneider, ein Lügner, ein Tyrann wie er im Buche steht. Aber die Menschen um ihn herum bemerken das nicht. Zu ausladend, zu beeindruckend sind die Geschichten, die André ihnen unterbreitet. Sie wollen diese Geschichten einfach glauben. Beispielsweise von seinem besten Freund Ted, dem amerikanischen CIA-Agenten, der ohne mit der Wimper zu zucken seinen Arm verloren hatte und sogar beim Anschlag auf John F. Kennedy dabei war. Diese Geschichten erzählt André immer wieder seinem Sohn Émile. Erzählt ihm, dass Ted gar sein Pate sei und er ihn daher keinesfalls enttäuschen dürfe. Immer wieder misshandelt er Émile. Ted habe das so gewollt. Auch zieht er Émile immer weiter in dubiose Verschwörungstheorien mit hinein. Journalisten seien alles Lügner, Ärzte alles Kurpfuscher, der Staat das Böse in reiner Natur. Die Gefahren lauern überall und Émile muss vorsichtig sein. Nachts wird Émile geweckt, um Liegestützen zu machen. Er solle schließlich stark werden, einen “Stiernacken” bekommen, ein echter Rebell werden, der in die Fußstapfen seines Vaters tritt. Mit Kreide soll er “OAS” an alle Wände schreiben. Und Émile tut, was sein Vater befiehlt und lebt stets in einer Mischung aus fürchterlicher Angst und der Sehnsucht nach Anerkennung.

“Mein fremder Vater” ist der siebte Roman des französischen Schriftstellers Sorj Chalandon. Chalandon selbst sagte, dass jeder seiner Romane aus einer bestimmten Wunde entsprungen sei. Sein Vater sei seine letzte Wunde gewesen. Er wisse nicht, ob er weiterschreiben könnte. Es ist bei diesem Roman aber völlig egal, ob er wirklich autobiographische Züge trägt oder nicht. “Mein fremder Vater” ist und bleibt ein gewaltiges Panorama über einen äußerst gewalttätigen Vater, der nicht nur seine Familie fest in der Hand hat, sondern mit seinen Lügen und Verschwörungstheorien sämtliche Mitmenschen um den Finger zu wickeln versteht. Ein Panorama über einen Jungen, der sich auf sehr schmerzliche Weise und unfreiwillig von seiner Familie lösen musste, und bei dem man nur erahnen kann, dass die Wut und der Groll über die eigene Kindheit auch über die Jahre hinweg nicht deutlich weniger geworden sind. “Mein fremder Vater” ist eine literarische Abrechnung und kein Akt der Vergebung.

Aber eine Geschichte muss nicht auf Vergebung ausgelegt sein, um zu funktionieren. Und selbst persönlicher Groll und tiefe Wunden der eigenen Vergangenheit müssen nicht zwangsläufig dazu führen, dass der Autor zu nah an seiner Geschichte dran ist und seine Leserschaft vergisst. Chalandon hat bei “Mein fremder Vater” seine Leserschaft nicht eine Sekunde aus dem Blick gelassen und zieht sie von der ersten Zeile mit hinein in das untröstliche Familienleben, bestehend aus seelischer und körperlicher Gewalt. “Mein fremder Vater” ist beileibe kein einfacher Roman, aber ein wichtiger Roman, der leider auf Grund der Verschwörungstheorien und “Lügenpresse”-Rufen ungeheure Aktualität vermittelt.

Sorj Chalandon: “Mein fremder Vater”, 272 Seiten, dtv-Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423281140, 22 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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