Susanne Viktoria Haupt
11. Dezember 2017

Jingle Books!

Seitenansicht Spezial: Bücher unterm Weihnachtsbaum

Hier hängen die Bücher buchstäblich am Baum: Unser Weihnachts-Special

Ich gebe zu, dass mir schon deutlich bessere Wortwitze als “Jingle Books” gelungen sind. Aber ein wenig passt es ja auch. Denn wer “Weihnachten” sagt, der muss auch “Bücher” sagen. Ich wiederhole mich ungern, aber Bücher waren, sind und bleiben einfach die besten materiellen Geschenke. Egal ob zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Wer ein Buch verschenkt, der verschenkt damit eine ganze kleine Welt. Eine Reise, für die man keinen Koffer packen muss. Ein paar neue Freunde, auch wenn es nur fiktive sind. Mit einem Buch als solches kann man erst einmal nicht viel falsch machen. Außer eben man verschenkt einen Roman, der so gar nicht gut ankommt. Alles schon mal passiert, nehmt es nicht persönlich. Damit unsere Leserschaft aber ein paar knackige Anregungen bekommt, kommen hier ein paar Buch-Tipps, die sich hervorragend in Geschenkpapier einwickeln lassen. Dabei habe ich natürlich sowohl an die ganz kleinen Leser, als auch an die großen gedacht. Denn ein Buch als Geschenk ist nicht nur zeitlos, sondern auch unabhängig vom Alter ein echter Hit.

Zum Vorlesen für die Kleinsten

Die neuesten Vorlese-Hits: “Ich groß – Du klein” und “Wir mit Dir sind vier”, Buchcover

Gut, Bücher kann man sich auch noch als Erwachsener vorlesen lassen, aber wir wollen ja nun kein großes Fass aufmachen. Es ist kein Geheimnis, dass Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, auch gleichzeitig den Grundstein für die ideale Bücherwurm-Karriere gelegt bekommen. Gute Bücher zum Vorlesen sind nicht einfach zu produzieren und auch nicht einfach zu finden. Der Text muss knapp und eingängig sein, die Illustrationen ansprechend und liebevoll. In den vergangenen Jahrzehnten war “Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab” von Sam McBratney und Anita Jeram das Bilderbuch, welches man am häufigsten in Kinderzimmern fand. Ist ja auch nett mit diesen beiden Hasen, die sich bis zum Mond und wieder zurück lieben. Aber deutlich origineller und frischer kommt “Ich groß – Du klein” von Lilli L’Arronge daher. Hier sind zwei Wiesel die Haupt-Protagonisten und das große Wiesel – welches offensichtlich ein Elternteil vom kleinen Wiesel ist – erzählt in kurzen und humorvollen Passagen aus dem Leben mit dem Nachwuchs und was die Verbindung der beiden so besonders macht. Doch auch die dazugehörigen Illustrationen können sich sehen lassen und eignen sich gerade durch ihre Unaufgeregtheit für das abendliche Vorlesen. Wer bereits jetzt begeistert sein sollte, der kann locker weiterstörbern, denn L’Arronge hat gleich mehrere Bücher über die niedliche Wiesel-Familie geschrieben. Ein weiteres Highlight ist “Wir mit Dir sind vier”, in dem die kleine Wiesel-Familie erneut Nachwuchs bekommt. Für den Weihnachtsbaum sind sie alle geeignet und die Kleinen werden es Euch danken.

Für die begeisterten Erstleser

Ein wenig Magie und eine ausgebüchste Maus: Für Erstleser hält der Buchmarkt einiges parat

Haben die Kinder erst einmal das Lesen gelernt, dann liegt es in den Händen der Erwachsenen, für reichlich guten Nachschub zu sorgen. Wichtig sollte dabei sein, dass dem Kind die Geschichte gefällt und nicht dem Erwachsenen. Die Pflicht-Lektüren kommen nämlich noch früh genug. In diesem Sinne heißt es: Bühne frei für “Die Schule der magischen Tiere” von Margit Auer. Hier dreht sich alles um das Geheimnis einer Schule. An dieser Schule bekommt nämlich jedes Kind ein magisches Tier, dass ganz auf die Bedürfnisse seines neuen “Halters” zugeschnitten ist. Wer eher schüchtern ist, bekommt ein mutiges magisches Tier. Wer sich etwas zurückhalten möchte, bekommt hingegen ein Tier, das Ruhe schenkt. Eine Buchreihe, die Erstlesern alles gibt, was sie brauchen: abenteuerliche Geschichten, wunderbare Illustrationen und dazu eine perfekte Prise Magie.

“Die Zugmaus” von Uwe Timm hingegen nimmt die junge Leserschaft mit auf eine waschechte Odyssee. Mäuserich Stefan ist obdachlos. Das Haus, in dem er einst mit seiner Familie lebte, wurde abgerissen. Am Münchener Hauptbahnhof verirrt er sich versehentlich in einen Zug. Ehe er sich versieht, befindet er sich inmitten des größten Abenteuer seines Lebens, das ihn sowohl in die Schweiz als auch nach Frankreich und England führt. Diese liebevolle Geschichte ist nicht nur zum eigenständigen Lesen, sondern auch zum Vorlesen geeignet. Illustriert hat die Abenteuer von Mäuserich Stefan niemand anderes als Axel Scheffler, dessen bisherige Erfolgsschlager ich sicherlich nicht aufzählen muss.

Romantik und Geschichte für die Jugend

Eine Liebesgeschichte in New York und ein gelungener Coming-of-Age-Roman für die jugendliche Leserschaft

Zu keiner Zeit ist das Verlieben so leicht wie in der Jugend. Das hat dann zwar stets ein wenig Eintagsfliegen-Charakter, aber die hohe Konzentration von wilden Schmetterlingen im Bauch ist doch wahrlich schön. Zu Weihnachten darf es daher auch gerne eine schöne romantische Geschichte sein. Ideal dafür ist “Dash & Lily – Ein Winterwunder”. In dieser wundervollen Geschichte findet Dash in seiner Lieblingsbuchhandlung ein kleines rotes Notizbuch. Nach einem neugierigen Blick in die fremden Seiten erkennt Dash, dass dies ein Leitfaden für ein verrücktes Spiel ist. Und er als Finder muss darauf eingehen. Was er allerdings nicht wissen kann, ist, dass es zwischen ihm und der Spielführerin Lily langsam, aber sicher anfängt, zu knistern. Nun muss aber natürlich noch das Schicksal mitspielen. Und das Autoren-Duo Rachel Cohn und David Levithan ist weder alleine, noch im Doppelpack unbekannt. Gemeinsamen Erfolg feierten die beiden bereits mit “Nick & Norah’s Infinite Playlist” und “Naomi & Ely’s No Kiss List”. Mit “Dash & Lily – Ein Winterwunder” haben sie den zarten Herzen der Jugendlichen ein neues potentielles Traumpaar serviert und dieses Jahr auch einen zweiten Teil folgen lassen.

Ein weiteres Highlight für die vielleicht bereits etwas ältere jugendliche Leserschaft ist “Der Club der unverbesserlichen Optimisten” von Jean-Michel Guenassia. Die Geschichte beginnt im jahr 1959, als Michel zwölf Jahre alt wird. Auf über 600 Seiten begleiten die Leserinnen und Leser den jungen Franzosen beim Erwachsenwerden in der Metropole Paris. Wir sind dabei, wenn er sich das erste Mal verliebt, wenn in der Schule die Lust nachlässt, und auch, als der Algerien-Krieg seine volle Wirkung in Frankreich entfaltet. Und auch sind wir dabei, als Michel im Hinterzimmer eines Bistros den “Club der unverbesserlichen Optimisten” trifft. Zwischen dem Kalten Krieg und dem Algerien-Dilemma trifft er auch auf historische Größen wie beispielsweise Jean-Paul Sartre. Ein Roman, der trotz seiner immensen Seitenzahl locker zu lesen ist und Heranwachsenden einen Blick auf das Erwachsenwerden in einer längt vergangenen Zeit schenkt. Nicht umsonst bekam dieser Roman 2009 den “Prix Goncou­­rt des lycéens”, der in Frankreich von 1500 Oberschüler*innen verliehen wird.

Geballte Erzählkraft

Kazuo Ishiguro und Richard Flanagan: Es müssen nicht immer die Romane sein, die die großen Preise gewonnen haben

Kazuo Ishiguro hat dieses Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten. Eine gute Entscheidung, denn Ishiguro hat in den vergangenen Jahren mehrfach durch seine immense Erzählkraft und seinen Facetten-Reichtum auf sich aufmerksam gemacht. Für “Was vom Tage übrigblieb” hat er bereits 1989 den Booker Prize gewonnen. 2005 war er erneut nominiert und zwar für “Alles, was wir geben mussten”, das den meisten unter dem Originaltitel “Never let me go” bekannt sein dürfte. Den Booker Prize hat er dafür zwar nicht bekommen, aber lesenswert ist sein Buch dennoch. Kathy ist Betreuerin von sogenannten Spendern. Denn hinter der erst so unscheinbaren Fassade eines englischen Internats, versteckt sich ein Organ-Reservoir. Sämtliche Schülerinnen und Schüler teilen ein fürchterliches Schicksal. “Alles, was wir geben mussten” hat sogar noch eine Dreiecksgeschichte mit im Gepäck und liefert den Lesern einen fantastischen Roman, der scheinbar ganz selbstverständlich die Genre-Grenzen sprengt. Im Anschluss kann man sich die gleichnamige Verfilmung ansehen. Diese zählt nämlich zu den seltenen gelungenen Literatur-Verfilmungen. Das Darsteller-Trio Andrew Garfield (bekannt aus “The Amazing Spider-Man”), Carey Mulligan (“Der große Gatsby”) und Keira Knightley (“Pirates of the Caribbean”) überzeugt ebenso wie der Roman selbst.

Der australische Autor Richard Flanagan wiederum ist auch kein Unbekannter. Vor allem “Der schmale Pfad durchs Hinterland”, in dem er einen neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg wirft, hat ihn international bekannt gemacht. “Die unbekannte Terroristin” ist zwar bereits 2006 auf Englisch erschienen, aber die deutsche Übersetzung musste bis Ende 2016 auf sich warten lassen. Und sie haut einen völlig vom Hocker: Gina Davis geht abends mit einem fremden Mann ins Bett. Am nächsten Morgen ist er weg, dafür ist sie nun eine mutmaßliche Terroristin und wird überall gesucht. Nach einem Moment des Schocks muss Gina erkennen, dass ihr One-Night-Stand sie in eine Falle gelockt hat. Und sie muss auch erkennen, dass es unmöglich ist, die öffentliche Meinung von einer Vorverurteilung abzuhalten. Das Leben, wie sie es kannte, gibt es jetzt nicht mehr… Spannend mit dem nötigen Tiefgang! Das hat doch auch auf alle Fälle Platz unter dem Weihnachtsbaum.

Die Seitenansichten wünschen allen Leser*innen wunderbare Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.


Lilli L’Arronge: “Ich groß – du klein”, 56 Seiten, Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH, ISBN-13: 978-3942787208, 14,95 Euro

Lilli L’Arronge: “Wir mit dir sind vier”, 40 Seiten, Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH, ISBN-13: 978-3946593164, 14,95 Euro

Margit Auer: “Die Schule der magischen Tiere Teil 1″, 208 Seiten, Carlsen Verlag, ISBN-13: 978-3551652713, 9,99 Euro

Uwe Timm: “Die Zugmaus”, 120 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423708074, 7,95 Euro

Rachel Cohn und David Levithan: “Dash & Lily: Ein Winterwunder”, 352 Seiten, cbt, ISBN-13: 978-3570311912, 9,99 Euro

Jean-Michel Guenassia: “Der Club der unverbesserlichen Optimisten”, 685 Seiten, Insel Verlag, ISBN-13: 978-3458358367, 14 Euro

Kazuo Ishiguro: “Alles, was wir geben mussten”, 352 Seiten, Heyne Verlag, ISBN-13: 978-3453421547, 9,99 Euro

Richard Flanagan: “Die unbekannte Terroristin”, 336 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492057103, 22 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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