Jörg Smotlacha
7. November 2017

Ein Plädoyer für den investigativen Journalismus

Stefan Aust stellt bei Decius die Neuausgabe seines Standard-Werkes “Der Baader-Meinhof-Komplex” vor

Geschichtsschreiber einer ganzen Generation: Stefan Aust

Keine Frage: Stefan Aust hat mit seinem erstmals 1998 erschienen Werk “Der Baader-Meinhof-Komplex” selbst ein Stück Geschichte geschrieben. Denn sein Werk bot die bis dato wohl umfassendste Aufarbeitung des “Deutschen Herbstes”, der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, kurz BRD, und ihres Verhältnisses zur Roten Armee Fraktion, kurz RAF.

Im Stile eines Protokolls schilderte Aust die Ereignisse zwischen dem Juni 1967, als der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, bis zum Höhepunkt der dramatischen Ereignisse im Jahr 1977, der Entführung und späteren Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der Entführung und Befreiung des Passagierflugzeugs Landshut und den noch immer umstrittenen Selbstmorden der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stuttgart-Stammheim.

Aust gelang es, die historischen Fakten von allen Seiten zu durchleuchten, die Verfehlungen der damals politisch vermeintlich unschuldigen Bundesrepublik zu dokumentieren und somit ein Stück Zeitgeschichte zu spiegeln, wenngleich er sich stets auf die Seite des angegriffenen Staates stellte. Wie relevant sein Werk noch heute ist, zeigt gerade der Fall des linksradikalen Aktivisten Stefan Rast, der sich in der jüngsten Ausgabe des Wochenmagazins Freitag dazu bekannte, sich nach der Lektüre des “Baader-Meinhof-Komplexes” radikalisiert zu haben.

Wer nun aber Stefan Aust dafür die Schuld gibt, liegt völlig falsch, denn nicht der Geschichtsschreiber ist verantwortlich für die Geschichte, sondern die Geschichte selber. Austs Recherche und sein Werk waren immerhin so komplex, dass es durchaus mehrere Meinungen geben konnte. Rast sprach von einer “literarisch exquisiten Erzählung”, die ihn tief berührt habe. Einer Deutung, der ich mich anschließen kann, ohne mich vergleichsweise radikalisiert zu haben. Heute ist Aust mit einer vollständig überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe zu Gast in der Buchhandlung Decius. Da Aust inzwischen viele neue Akten einsehen und entsprechend recherchieren konnte, ist seine Lesung auch nicht mehr und nicht weniger als ein Plädoyer für investigativen Journalismus und die vierte Gewalt im Staate und daher wichtiger denn je.

Dienstag, 7. November 2017:
Stefan Aust: “Der Baader-Meinhof-Komplex”, Lesung, Buchhandlung Decius, Marktstraße 52, 30159 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 15 Euro

(Foto: Pressefoto/Decius)

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Kategorien: Literatur, Medien, Tagestipps

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