Susanne Viktoria Haupt
20. November 2017

Eine Kindheit im Umbruch

Seitenansicht: “Kleines Land” von Gaël Faye

Autobiographisch gefärbt: “Kleines Land” von Gaël Faye, Buchcover

Gaby heißt eigentlich Gabriel und ist zehn Jahre alt. Aber da er es ungerecht findet, dass bei seiner Geburt einfach so über seinen Namen bestimmt wurde, beschließt er fortan nur noch “Gaby” genannt zu werden. So zumindest erklärt er es seiner Brief-Freundin Lore im französischen Orleans. Gaby wurde in Burundi geboren, einem der kleinsten Staaten Afrikas. Sein Vater ist Franzose, seine Mutter stammt ursprünglich aus Ruanda und ist bereits mit vier Jahren nach Burundi geflohen. Gaby lebt ein glückliches Leben. Seine Familie hat viel Geld und er lebt in einer recht sicheren Wohngegend. Es gibt Hausangestellte und sogar ein eigenes Fahrrad zu Weihnachten. Gaby hat seine besten Freunde und besucht die französische Schule. Später möchte er einmal Mechaniker werden. Bis dahin stibitzt er Mangos mit seinen Freunden und geht schwimmen.

Langsam beginnt die Fassade von Gabys heiler Welt jedoch zu bröckeln. Erst trennen sich seine Eltern und Gaby muss das typische Hin und Her eines Trennungskindes meistern. Aber auch außerhalb seiner Familie entfachen sich immer wieder die Streitigkeiten zwischen den Tutsis und Hutus. Für Gaby und seine kleine Schwester ist der Konflikt, der schon so viele Menschenleben geopfert hat, nicht zu begreifen. Dennoch gräbt er sich unaufhaltsam in die zuvor so geordnete Welt des Jungen.

“Kleines Land” war 2016 ein Überraschungserfolg in Frankreich. Wie aus dem Nichts katapultierte sich der aus Burundi stammende Schriftsteller Gaël Faye mit seinem Debüt an die Spitze der französischen Bestsellerliste und heimste einen angesehenen Literaturpreis nach dem anderen ein. Eigentlich lebte und arbeitete Faye in London als Investment-Banker, aber die Geschichte von Gaby ist zu großen Teilen auch seine eigene und lies ihn offensichtlich nicht los.

Auf 224 Seiten schafft es Faye, eine Kindheit im fernen Burundi zwischen Bürgerkriegen, privilegierten Leben und dem Wunsch nach einer sicheren und sorgenfreien Kindheit einzufangen und somit seine Leserinnen und Leser auf eine fast magische Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. “Kleines Land” ist ein Roman, der durch eine sagenhaft poetische Sprache glänzt und gleichermaßen nicht am Inhalt geizt. Jede noch so kleine – egal ob fiktive oder nicht fiktive – Kindheitserinnerung leuchtet klar und deutlich durch Fayes Worte hindurch und wird zu liebenswerten Anekdoten, die aber schon wenige Seiten später von drohendem Unheil zerschmettert werden kann. Immer dazwischen: die Sehnsucht nach einer heilen Welt und einer unbeschwerten Kindheit. Eine sowohl sprachliche wie auch inhaltliche Glanzleistung, die nach der Lektüre gar nicht mehr so überraschend ihren Erfolg verdient hat.

Gaël Faye: “Kleines Land”, 224 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3492058384, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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