Susanne Viktoria Haupt
4. Dezember 2017

In Trümmern

Seitenansicht: “Es war einmal eine Stadt” von Thomas Reverdy

Facettenreich: “Es war einmal eine Stadt” von Thomas Reverdy, Buchcover

Mein Vater arbeitete über 40 Jahre für das Unternehmen Benecke-Kaliko in Hannover-Vinhorst. Was als eine Ausbildung zum Kaufmann begann, wurde dank sehr guter Fremdsprachen-Kenntnisse und künstlerischer Befähigung zu einer Karriere als Produkt-Designer. Ein Werdegang, den man sich heute in einer Zeit, in der irgendwie alles erst einmal studiert werden muss, gar nicht mehr richtig vorstellen kann. Damals, also in der Zeit von 1960 bis etwa 1990, war das jedoch noch locker möglich. Mein Vater ging jedenfalls diesen Weg und war dadurch für das Narben-Design der Bezüge der Innenausstattung von Autos zuständig. Ford, Opel, Toyota – es gab immer irgendein Modell, das mit dem Narben-Design meines Vaters herumfuhr. Und auch, wenn so ein richtiges “Daddy Girl”, wie ich es nun mal war, seinen “Daddy” am allerliebsten bei sich hat, war ich gleichzeitig auch von positivem Neid erfüllt. Denn durch seinen Job bereiste er die ganze Welt. Mal waren die Ziele naheliegend. Das Werk in Eislingen beispielsweise. Oder Köln, Osnabrück und Frankfurt. Aber gerade in den 1980er- und 1990er-Jahren zog es ihn beruflich sehr häufig auch nach Großbritannien oder nach Amerika. Mal waren es zwei Wochen, mal vier und manchmal eben auch sechs. Dann war er in Auburn Hills nahe Detroit und traf nicht selten auch auf Geschäftspartner von General Motors. Wenn er nach Hause kam, erzählte er stets jede Menge Geschichten. Er erzählte mir vom Lake Erie, davon, wie nahe man dort am schönen Kanada dran sei. Und überhaupt sei es dort eben irgendwie “irre”.

Als ich etwa zehn Jahre alt war, sollte er nach Auburn Hills versetzt werden. Wir sollten ein schönes Haus bekommen in einer Straße, in der es “keine richtigen Fußwege” gab, aber das sei eben “voll amerikanisch”. Ich sollte dort auf eine deutsche Schule gehen und mich zu Halloween verkleiden. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bereits auf einem Fahrrad durch die Straßen eines kleinen Vororts fahren und dabei ein Basecap der Detroit Lions tragen. Leider platzte die kleine zarte Seifenblase an seinen Gehaltsvorstellungen. Aber noch heute denke ich gerne daran zurück, wie wir ganz euphorisch in der Küche unsere Pläne von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten schmiedeten. Den Traum vom Basecap habe ich mir allerdings trotzdem erfüllt und es gibt ihn tatsächlich immer noch. Ich habe mittlerweile eines meinem Sohn geschenkt.

In den letzten Jahren konnte man den Verfall der einstigen Automobil-Hersteller-Metropole Detroit ganz gut medial verfolgen. Und nichts von dem, was ich dort sah, deckte sich auch nur annähernd mit den Geschichten, die mir mein Vater einst erzählt hatte oder mit den Video-Aufnahmen, die er mir damals gezeigt hatte. Detroit wurde mehr und mehr zu einem Paradebeispiel einer Geisterstadt. Und genau in den Trümmern dieser einstigen Metropole spielt der Roman “Es war einmal eine Stadt” des französischen Schriftstellers Thomas Reverdy. Eigentlich sogar noch viel mehr, denn mit diesem Roman hat Reverdy nicht nur eine Hand voll Figuren in die einstige Industrie-Metropole versetzt, sondern ihren Verfall eingefangen, wie keiner zuvor. Während bei vielen anderen Autorinnen und Autoren die Handlung den Mittelpunkt darstellt, setzt der Franzose den Fokus vollständig auf Sprache und Atmosphäre. Wie ein Flaneur zieht er die Leserschaft durch ein Detroit, das nun nicht mehr von der Automobil-Industrie leben kann, sondern die stillgelegten Fabriken und leerstehenden Häuser verbarrikadiert hat. Er zeichnet das Bild einer Geisterstadt, in der sich die Wege von Eugène und Candice kreuzen und Charlie sich unter den besorgten Augen seiner Großmutter Georgia einer Gang anschließt. Eine Geisterstadt, in der immer mehr Kinder spurlos verschwinden und in der Lieutenant Brown mit schwindender Hoffnung versucht, die vermeintlichen Kriminalfälle zu lösen.

Doch die einzelnen Handlungsstränge sind in “Es war einmal eine Stadt” nur Mittel zum Zweck. Sie sollen anfänglich weniger für Spannung und Unterhaltung sorgen, sondern vielmehr der Leserschaft einen direkten Einblick in diese Trümmerstadt bieten. Nur ganz zart, wie ein blasser Silberstreifen am Horizont, schimmern die Träumenden durch die Trümmer hindurch. In so verschachtelten wie poetischen Sätzen treibt Reverdy die Leserinnen und Leser durch seinen Roman, um gegen Ende seine Geschichte all die Verstrickungen seiner Figuren in einem regelrecht atemraubenden Krimi enden zu lassen. Ein Umschwenken, dass man sich zu Beginn der Lektüre nicht hätte denken können, das aber auch nochmal die geballte Erzählkraft von Reverdy auf den Höhepunkt treibt.

“Es war einmal eine Stadt” ist ein Roman, der ein ganz großes Kino anbietet, aber offenbar gerade in Deutschland unter dem Radar durchgeflogen zu sein scheint. Schade, denn einen so facettenreichen Roman, der sowohl als Millieu-Studie, als auch als Stadt-Panorama und Krimi funktionieren kann, gibt es nicht allzu oft.

Thomas Reverdy: “Es war einmal eine Stadt”, 288 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827013453, 22 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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