Lorenz Varga
7. Dezember 2017

Das Kainsmal der Moderne

Premiere im Schauspielhaus: Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück “Geächtet” von Ayad Akhtar ist eines der erfolgreichsten der letzten Jahre

New-York-Yuppies: Jory (Johanna Bantzer), Abe (Jonas Steglich), Isaac (Henning Hartmann), Emily (Sarah Franke) und Amir (Hagen Oechel)

Sie sind jung, dynamisch und erfolgreich: Amir (Hagen Oechel) und Emily (Sarah Franke). Das Paar lebt an der Upper East Side in New York. Amir ist erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in einer jüdischen Kanzlei, Emily ist Künstlerin. Er stammt aus Pakistan, hat sich aber seiner muslimischen Wurzeln vollends entledigt. Selbst sein Name ist geändert: Amir Kapoors Geburtsname war Abdullah. Emily hingegen beschäftigt sich intensiv mit Kunst und Kultur des Islam. Da kommt es gerade recht, dass der Mann von Amirs Arbeitskollegin Jory (Johanna Bantzer), mit der Amir gerne eine eigene Kanzlei aufmachen möchte, Kurator eines New Yorker Museums ist. Man trifft sich zu einer Diner-Party zu viert. Doch die Party eskaliert – nicht zuletzt über die Frage des Islam, denn nach 9/11 ist der Blickwinkel auf Menschen aus dem islamischen Kulturkreis ein anderer, zumindest in Amerika. Amirs kulturelle Identität gerät ins Wanken. Er hält den Islam zwar für rückständig, aber woher kommt die heimliche Sympathie mit den Attentätern? Wie tief ist er noch im Islam verwurzelt? Woher kommt der Argwohn seiner Mitmenschen? Ist sein Gewaltausbruch ein kulturelles Erbe? Trägt er etwa ein Kainsmal der Moderne, ist ein Entkommen unmöglich?

Autor Ayad Akthar ist selbst ein Schriftsteller und Schauspieler mit pakistanisch-amerikanischen Wurzeln. Sein Stück “Geächtet” zeigt wie fragil unser westlich-demokratisch geprägtes Selbstverständnis ist. Es behandelt nicht nur die Frage nach der kulturellen Identität, sondern beschäftigt sich auch mit dem Zusammenspiel von Selbstverständnis und gesellschaftlicher Zuschreibung, ganz nach dem Motto: Je öfter man mir erzählt, wie ich bin, desto eher glaube ich selbst daran. Kulturelle Sozialisation – oder eben Ausgrenzung – ist keine Einbahnstraße.

Donnerstag, 7. Dezember 2017:
“Geächtet”, Theaterstück von Ayad Akhtar, Inszenierung von Sascha Hawemann, Premiere, Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 23 bis 45 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Samstag, 9. Dezember, 19.30 Uhr
  • Donnerstag, 21. Dezember, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 7. Januar, 19.30 Uhr
  • Dienstag, 16. Januar, 19.30 Uhr
  • Dienstag, 30. Januar, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 15 bis 35 Euro

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Karl-Bernd Karwasz)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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