Matthias Rohl
25. August 2009

Filmgeschichte(n): „Die Hard“

Postklassisches Spektakel: Wie John McTiernan für das Blockbuster-Kino neue Maßstäbe setzte

Los Angeles, 24. Dezember 1987. John McClane (Bruce Willis), Polizist in New York, reist mit dem Flugzeug nach Kalifornien, um seine zerrüttete Ehe mit Holly Gennero-McClane (Bonnie Bedelia) zu retten. Als er seine beruflich inzwischen höchst erfolgreiche Frau auf der Weihnachtsfeier des japanischen Nakatomi-Konzerns wiedersieht, stürmt plötzlich eine Truppe skrupelloser High-Tech-Terroristen unter Anführung von Jack Gruber (charismatisch: Royal-Shakespeare-Company-Darsteller Alan Rickman) die Szenerie und nimmt die Party-Gäste als Geiseln. Ihr Ziel: Die Konzern-Wertpapiere im Wert von 624 Millionen Dollar, die im computergesicherten Safe lagern.

DVD Cover von Die Hard

Alle gegen einen: „Die Hard“, DVD-Cover zum Film

McClane, der sich im Luxus-Badezimmer des Firmen-Hochhauses von den Strapazen seiner Flugreise zu erholen versuchte, kann als einziger unbemerkt entkommen und hat fortan alle gegen sich: Die Terroristen, die anrückenden Polizei-Kollegen, die zunächst den Ernst der Lage verkennen, die Reporter, die das Geschehen rücksichtslos medial auszuschlachten versuchen, das FBI, das durch eine fatale Fehlentscheidung den Kidnappern in die Hände spielt – und dann ist da noch das neu erbaute Nakatomi Plaza, ein 34-stöckiges Gebäude, dessen hypermoderne Architektur sich als ein weiterer Gegner erweist. Und so beginnt eine erbarmungslose Jagd durch Fahrstuhlschächte, Versorgungstunnel und Belüftungsrohre. Was als frommer Wunsch nach Weihnachten und Familie beginnt, endet schließlich in einem blutigen Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt…

„Yippee-ki-yay, motherfucker!“

Mit „Die Hard“ (deutsch „Stirb Langsam“) setzte 1988 die Wiedervereinigung des Teams, das schon für den Action-Hit „Predator“ (1987) verantwortlich war, neue Maßstäbe des Blockbuster-Kinos. Regisseur John McTiernan und das Produzenten-Duo Lawrence Gordon und Joel Silver schufen mit dieser pyrotechnischen Leistungsschau das, was die Filmkritik oft verächtlich als „male rampage movie“ bezeichnet – einen „männlichen Randale-Film“. Nicht selten griff dabei die Kritik bei Erscheinen des Films auf Metaphern der Geschwindigkeit, Energie und Gewalt zurück, betonte zwar die „erstaunliche Ingenieurleistung“ und das „logistische Wunder“, sah jedoch auch verächtlich „eine idiotensichere, gelddruckende Sommerattraktion“.

“Die Hard”, Szenenfoto

Working-Class-Hero mit und ohne Feinripp-Unterhemd: Bruce Willis in „Die Hard“

Doch es gab auch euphorische Stimmen: „In ‚Stirb Langsam‘ greift jedes Rädchen ins nächste, jede Chance wird durch eine neue Gefahr in Frage gestellt, jede geglückte Aktion durch die drohende Gegenaktion entkräftet. Pausen gibt es nicht“, konstatierte etwa der „Tagesspiegel“. „Jede Menge High-Tech – so beinhart und hochfrisiert, wie ein Actionfilm nur sein kann“, erkannte „Variety“, und „Newsweek“ urteilte schlicht: „Thrilling“. Für Bruce Willis, der hier überzeugend lässig den Working-Class-Hero im blutdurchtränkten Feinripp-Unterhemd gab, sollte es der entscheidende Karriere-Schub werden. Zuvor kannte man ihn hierzulande allenfalls aus der TV-Serie „Moonlighting“ („Das Model und der Schnüffler“, 1985-1989) – bevor er nun den masochistischen Sensibel-Macho gab, und das für eine damals astronomisch erscheinende Gagen-Forderung von fünf Millionen Dollar! Und – neben Clint „Dirty Harry“ Eastwoods „Make my day“ und Arnold „Terminator“ Schwarzeneggers „I’ll be back“ steuerte Willis jenen unvergesslichen Schlachtruf zum Zitat-Repertoire der Popkultur bei: „Yippee-ki-yay, motherfucker!“

Gekrümmte Zehen, gleitende Signifikanten

Es ist kein Zufall, dass der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser in seinem brillanten Großessay „Hollywood heute“ (2009) der instruktiven Analyse von „Die Hard“ einen zentralen Platz einräumt, um jenes postklassische Raffinement zu enthüllen, durch das dieser Film bis heute nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt hat. Mit einem evidenten Faible für poststrukturalistische Wortschöpfungen sieht Elsaesser in den nackten Füßen des Hauptdarstellers jene „gleitenden Signifikanten“ – Zeichen, die ihre Bedeutung im Verlauf der Handlung entscheidend verschieben.

“Die Hard”, Szenenfoto

Der alte Macho muss zum neuen Mann werden: Bruce Willis in der Rolle, die seinen Durchbruch bedeutete

Alles beginnt damit, als ein Mitpassagier im Flugzeug McClane/Willis rät, er solle gegen seine Flug-Angst seine Zehen zu Fäusten krümmen. Später sieht man seine Füße blutverschmiert, von Glassplittern durchbohrt, provisorisch verbunden. Ist die Faust männlich konnotiert, so verweisen Zehen stets auf Weiblichkeit (körpersprachlich sind gekrümmte Zehen ein untrügliches Zeichen für den Orgasmus der Frau). Auf gewagte, doch luzide Weise legt Elsaesser den Kern der Läuterung des postklassischen Helden frei: „‚Ballen Sie Ihre Zehen zu Fäusten‘ muss von innen nach außen gelesen werden und von hinten nach vorne, um die heilende Formel für McClanes Dilemma als Macho preiszugeben: ‚Mache Zehen aus Deinen Fäusten‘, also gestehe die weibliche Seite der Männlichkeit ein, öffne die Gewalt auf Verletzlichkeit hin. Um ein guter Vater und Ehemann zu sein, muss der alte Macho zum neuen Mann werden – bevor er wieder zum neuen alten Macho werden kann.“ Die brüchige Ehe findet einen neuen, fragilen Beginn. Elsaesser resümiert: „Die klassische ‚Vereinigung des Paares‘ hat sich in eine postklassische Wiedervereinigung des Paares verwandelt.“ Und über der finalen Sequenz schwebt, subtil variiert, Beethovens „Ode an die Freude“.

nächste Folge:
„Das Schweigen der Lämmer“
Ein Psycho-Thriller als Training unserer Einbildungskraft: Wie Jonathan Demme in betörender Perfektion ein Fraktal des Indizien-Horrors erschuf

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

Ein Kommentar

  1. SchwimmclubOphelia sagt:

    Also der erste Teil ist ja noch wunderschön geschrieben, aber was dieser postklassische, postmoderne, poststrukturalistische Müll in den letzten Absätzen mir verraten soll – außer der evidenten Tatsache, dass da jemand a) zuviel Zeit und b) zuviel Geld für Pseudowissenschaft hatte – das weiß ich beim besten Willen nicht.

    Ernsthaft: Sich-auf-seinen-Wortschatz-einen-runterholen ist gesundheitsgefährdend.

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