Susanne Viktoria Haupt
8. Januar 2018

Poesie aus dem Eis

Seitenansicht: “Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können” von Ragnar Helgi Ólaffson

Eine Sammlung, die randvoll mit Gefühlen ist: Ragnar Helgi Ólaffsons “Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum” (Originaltitel)

Ich war leider noch nie in Island. Und ich spreche auch kein Isländisch. Ich höre aber sehr gerne die isländische Band Sigur Rós. Mit isländischer Literatur oder gar Poesie habe ich mich aber wirklich noch nie beschäftigt. Ein Fehler, wie sich in den letzten Wochen herausgestellt hat. Beim kleinen, aber feinen Verlag Elif ist nun die zweisprachige Sammlung von Gedichten und Liedern “Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum” / “Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können” von Ragnar Helgi Ólaffson erschienen, und schon alleine der Titel klingt doch wirklich super. Zwar kommt der Gedichtband von der Bindung eher hilfsbedürftig daher, aber die Cover-Gestaltung kann sich immerhin sehen lassen.

Mal abgesehen davon, dass diese Sammlung dank des isländischen Originals und der deutschen Übersetzung hervorragend dazu geeignet ist, einen Einblick in diese wahrlich komplexe Sprache zu bekommen, haben auch die Gedichte und Lieder ihren ganz eigenen Charme. In “Villisálmur” / “Wilder Psalm” heißt es beispielsweise: “Nördlich des Flusses, jenseits von Gut und Böse, am Ende des Gefangenenfjords, dort wo sich seine Form verliert, sind grüne Felder. Willst du mich dort treffen? Ich warte auf dich in der vierten Strophe, in der vorletzten Zeile”. Nicht nur, dass man in Gedanken sofort unbekannte grüne Weiten und zwei einsame Seelen vor sich sieht, man denkt auch schnell an Finks “Wenn du mich suchst”. Nur eben irgendwie deutlich isländischer. Und je mehr man sich durch Ólaffsons poetische Ergüsse liest, desto mehr denkt man an die wirklich guten Glanz-Zeiten der Hamburger Schule. Texte, die von Schmerzen, aber ebenso von einer Sehnsucht und einem Verlangen nach Mehr gezeichnet sind. Hier und da an der Schwelle zur Post-Adoleszenz, und auch nicht immer vollständig nachvollziehbar, aber dafür ehrlich und voller Gefühl.

Ragnar Helgi Ólaffson ist 1971 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík geboren und hat schon einiges hinter sich. An der Universität von Island studierte er Philosophie, in New York Filmregie, in Marseille Französisch und in Aix-en-Provence Kunst. Das mag für den ein oder anderen wie ein unglaubliches Durcheinander klingen, und vielleicht glauben machen, dass da jemand keinen Plan hatte, aber im Endeffekt gilt doch die Faustregel: Je mehr Fächer, desto besser. Ólaffsons Liedern und Gedichten haben diese unterschiedlichen Erfahrungen an gänzlich unterschiedlichen Orten offenkundig gut getan. Mittlerweile arbeitet er als Graphik-Designer, Bildender Künstler und natürlich auch als Schriftsteller. Für “Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum” / “Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können” wurde er bereits mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet, der in Island hohes Ansehen genießt. Mit Ólaffson hat der Elif Verlag auf alle Fälle ein ganz besonderes Juwel auf den deutschen Buchmarkt gebracht, das nicht nur für Island-Fans von Belang ist.

Ragnar Helgi Ólaffson: “Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum/Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können”, 144 Seiten, Elif Verlag, ISBN-13: 978-3946989028, 18 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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