Susanne Viktoria Haupt
22. Januar 2018

Einer der schönsten Orte der Welt

Seitenansicht: “Die Welt der Seiten: Liebeserklärungen an Buchhandlungen”, herausgegeben von Henry Hitchings

Eine Anthologie, die uns ganz schnell zur nächsten Buchhandlung treibt: “Die Welt in Seiten: Liebeserklärungen an Buchhandlungen”, Buchcover

2011 war ich bei einem Vortrag in der Buchhandlung Litera in der List. Es wurde unter anderem darüber gesprochen, wie hart der Buchhandel mit dem Internet-Riesen Amazon zu kämpfen hätte. Nun hat Litera leider vorletztes Jahr endgültig seine Pforten geschlossen. Amazon hingegen scheint sich immer noch großer Beliebtheit zu erfreuen. Denn dort findet man nun mal nicht nur Bücher, sondern nahezu alles. Neben dem hauseigenen Streaming-Dienst Prime findet man neben Nahrungsmitteln oder Elektronik jeder Art auch Kleidung und natürlich Spielzeug. Sozusagen eine eierlegende Wollmilchsau. Und auch, wenn ich im Besitz einer Prime-Mitgliedschaft bin, liegt es mir fern, bei Amazon Bücher zu bestellen.

Buchhandlungen haben für mich nach wie vor ihren ganz eigenen Charme. Erst kurz vor Weihnachten war ich beispielsweise in Hannovers Innenstadt bei Decius und habe ordentlich für Weihnachten eingekauft. Das Schöne ist nicht nur, dass man in solchen Buchhandlungen gut und gerne mit den Verkäuferinnen und Verkäufern ins Gespräch kommt, sondern ich kam an diesem Tag auch mit einer Kundin ins Gespräch und fachsimpelte mit ihr über Märchen. Kurz vor den Sommerferien im vergangenen Jahr stand ich wiederum ziemlich ratlos bei Decius. Ich war auf der Suche nach einem neuen literarischen Hit für meinen Sohn. Ein Kind, das nicht nur gerne und viel liest, sondern sich auch wirklich gerne in besonders dicke Bücher fallen lässt. Am liebsten in ganze Buch-Reihen, die nahezu unendliche neue Weiten eröffnen. Ich hatte Glück, denn die Verkäuferin hatte wirklich Ahnung von Kinder- und Jugend-Literatur und legte mir den ersten Band der “Percy Jackson”-Reihe in die Hände. Noch bevor die Sommerferien herum waren, hatte mein Sohn alle fünf Bände mit Genuss durchgelesen und konnte sich den anderen Reihen von Rick Riordan widmen.

Natürlich hätte mir Amazon nach langer Suche auch irgendwann Percy Jackson vorgeschlagen und ich hätte mich durch die Vielzahl von Kundenbewertungen lesen können. Aber mein Vertrauen gegenüber völlig Fremden ist in diesem Falle nicht sonderlich groß. Die Verkäuferin bei Decius aber hatte nicht nur ein Gesicht für mich, sondern konnte mir auch wirklich einen expliziten Eindruck von der Buch-Reihe vermitteln. Aber auch anderorts habe ich schon wunderbare Erlebnisse im Buchhandel gehabt. Bei Litera konnte ich einst einfach hereinschneien und der Inhabern sagen, was ich zuletzt gelesen hatte und was mir davon am besten gefallen hatte. Keine Minute später hatte ich damals “Gilles Frau” von Madeleine Bourdouxhe in der Hand. Ein Buch, das mir bis heute sehr gefällt. Im kleinen Antiquariat auf der Limmerstraße forscht der Inhaber auch mal selbst mit, ob der dort vorliegende Band von Eragon auch der erste Teil ist. Und in der französischen Buchhandlung “Shakespeare & Company” in Paris brachte ich gar mal einen Angestellten dazu, sich eine halbe Stunde lang durch das Lager zu wühlen, um mir ein ganz bestimmtes Buch herauszusuchen. Klar, das macht Amazon auch, aber eben ohne diese persönliche Note. Ohne, dass man diese Leidenschaft in den Augen des Buchhändlers aufleuchten sieht. Und Amazon veranstaltet auch keine Lesungen.

Fakt ist: Buchhandlungen sind Orte der Sehnsucht. Orte, an denen zumindest ich mich immer sehr wohlfühle. Ich kann die Bücher anfassen, in ihnen blättern und mich sozusagen völlig live durch das Repertoire “browsen”. Es ist eine Tätigkeit, die ich zudem nicht nur alleine machen kann. Ja, ich kann mich auch zu Hause mit meinen Freunden vor den Laptop setzen und nach Büchern stöbern. Aber in einer Buchhandlung fällt meiner Freundin vielleicht noch etwas in die Hände, was mir entgangen ist. Es gibt also für mich defintitiv eine Vielzahl von Gründen, warum ich eine Buchhandlung dem Internet-Riesen vorziehe. Und gar noch mehr, als ich hier jetzt angeführt habe. Buchhandlungen sind Orte, die es dringend zu schützen gilt. Nicht nur für mich, sondern auch für die nachfolgende Generation. Sie stellen den direkten Kontakt zwischen Buch und Käufer oder Käuferin her. Sie sind Knotenpunkte, ohne die wir nur stumm und starr auf einen Bildschirm blicken würden. Ganz ohne die sinnliche Komponente.

Das muss sich auch der Herausgeber Henry Hitchings gedacht haben, als er Texte von ausgewählten Autorinnen und Autoren sammelte, um die Anthologie “Die Welt in Seiten: Liebeserklärungen an Buchhandlungen” zu veröffentlichen. All diese Texte sind ganz persönliche Geschichten, die eine wahre Liebe zu Buchhandlungen zeigen. Sie zeigen den Wert, den diese Institutionen schon immer hatten und weiterhin haben werden. Sie zeigen den Kosmos, der uns durch Amazon entgehen würde. Und auch, welche persönliche Beziehung wir zu einzelnen Buchhandlungen aufbauen können. Verfasst wurden diese Texte unter anderem von Saša Stanišić, Elif Shafak, Ali Smith und Daniel Kehlmann. Sozusagen also ein Bruchteil des Who is Who der modernen Literatur-Landschaft. “Die Welt in Seiten” ist eine Anthologie, die zwar schnell durchgelesen werden kann, aber uns doch unbedingt daran erinnert, warum diese Orte so wichtig sind. Man sollte sich auch nicht wundern, wenn man sich im Anschluss der Lektüre wie auf magische Weise in einer lokalen Buchhandlung wiederfindet.

Henry Hitchings (Hrsg): “Die Welt in Seiten: Liebeserklärungen an Buchhandlungen”, 288 Seiten, Atlantik Verlag, ISBN-13: 978-3455001204, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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