Sebastian Albrecht
13. Januar 2018

#FreeDeniz

Das Kino im Sprengel veranstaltet heute die Solidaritätslesung “Das ist kein Deutscher: Einführung in den Yücelismus” für den inhaftierten Journalisten Deniz Yücel

Deniz Yücel

334 Tage sind exakt 334 Tage zu viel: Fast ein ganzes Jahr sitzt der Journalist Deniz Yücel in der Türkei bereits in Untersuchungshaft

“Ein Jahr war schnell vorbei, dann traf ich Dich in der Bücherei…” singt die beste Band der Welt, die Ärzte, in einem frühen Song. Bei Tocotronic fällt in einem Lied einmal der Begriff “Zeitverfluggeschwindigkeit”. Und in der Tat, spätestens mit Mitte Zwanzig fangen die Jahre an, immer schneller zu vergehen. Zu Grundschul-Zeiten war es kaum vorstellbar, jemals etwas anderes zu tun, als zur Schule zu gehen oder gar ein Leben wie die Eltern zu führen. Monate schienen endlos zu sein, geschweige denn Jahre. Erst als der Schul-Abschluss näherrückte, nahm die Möglichkeit eines Eintritts in eine neue Lebensphase konkrete Züge an. Ist dann der nächste Schritt, zum Beispiel eine Ausbildung oder ein Studium, auch gemacht, die reibungslose Eingliederung in die Arbeits- und Erwachsenenwelt vollbracht, stellt man plötzlich fest, dass schon wieder ein Jahr rum ist. War es nicht erst gestern, als wir in der Kneipe standen, beim deutschen Champions-League-Finale mitfieberten und mitlitten, während die Fußball-Zeitungen sich überschlugen, ein neues Zeitalter der Bundesliga-Dominanz in den internationalen Wettbewerben sei angebrochen? Und war es nicht auch gestern, als Disney verkündete, eine neue Star-Wars-Trilogie zu drehen? Der VW-Abgas-Skandal? Der Tag, an dem David Bowie starb? Fukushima? Der Terroranschlag auf “Charlie Hebdo”? Gefühlt alles noch nicht so lange her.

334 Tage ohne Anklageschrift

Doch es gibt auch Momente, in denen ein Jahr im Alter Ewigkeiten dauern kann. Seit 334 Tagen sitzt der Journalist und Türkei-Korrespondent Deniz Yücel in der Türkei in Untersuchungshaft, über 290 Tage davon strikt isoliert von anderen Gefangenen. Eine Anklage wurde gegen ihn bisher nicht erhoben, sieht man von sehr vagen Vorwürfen des türkischen Präsidenten Erdoğan und der türkischen Staatsanwaltschaft ab, Yücel betriebe Terror-Propaganda für die PKK und die Gülen-Bewegung. Appelle deutscher Politiker bewirkten wenig, und es dauerte mehrere Wochen, bis ein deutscher Diplomat mit Yücel, der sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, sprechen durfte. Nicht nur ist die verhängte Haft mit der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte unvereinbar, auch widerspricht sie türkischem Recht. Dennoch kam es einem fast so vor, als verhallte der Einspruch von Yücels Anwalten gegen die Inhaftierung ungehört, als prallten alle Versuche ab, Yücels Situation irgendwie zu verbessern. Und doch, der unermüdliche Einsatz seiner Anwälte und besonders auch der von Dilek Mayatürk-Yücel, seiner Frau, die wie eine Löwin gekämpft habe, wie Deniz Yücel sagte, scheinen sich langsam auszuzählen und so etwas wie Bewegung in die Angelegenheit zu bringen: Die Isolationshaft ist mittlerweile aufgehoben, den Tag über kann sich Yücel nun mit einem anderen, ebenfalls inhaftierten Journalisten unterhalten. Anfang November 2017 setzte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die letzte Frist für eine Stellungsnahme zur Inhaftierung Yücels, die die Türkei diesmal einhielt. Zu Beginn des neuen Jahres folgte eine Stellungsnahme ans türkische Justizministerium zur Beschwerde, die Yücels Anwälte gegen die Untersuchungshaft eingereicht hatten.

“Leader of the free world”

Was daraus wird, bleibt abzusehen. Es ließe sich so manches schreiben über die Inhaftierung Yücels und über die aktuelle Situation in der Türkei. Vor ein paar Tagen beispielsweise äußerte sich Präsidenten Erdoğan bescheiden zur Pressefreiheit in der Türkei, die er als führend in der Welt bezeichnete und sprach davon, wie wichtig “freie, transparente und gerechte Medien-Organisationen seien”, die “ohne irgendeine Einschränkung” arbeiten können müssten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen bewertet die Pressefreiheit in der Türkei jedoch anders und stuft das Land auf Platz 155 von 180 ein. Zudem wird davon ausgegangen, dass zwischen 39 bis 151 Journalisten in türkischen Gefängnissen sitzen. In Anbetracht dessen wirken Erdoğans Worte eher wie die überdrehte Satire eines Kabarettisten auf die aktuelle Lage der Türkei und weniger wie die eines Präsidenten, dem Rechtstaatlichkeit und Pressefreiheit in seinem Land oberstes Gebot sind. Viel ist geschrieben und gesagt worden über die Situation in der Türkei im Allgemeinen und die Inhaftierung Yücels im Speziellen und viel wird noch darüber geschrieben und gesagt werden werden. Das alles ist wichtig und richtig und bis sich daran nichts ändert, ist zu wünschen, dass das auch so bleibt.

Briefe aus der Haft

Und doch gibt es eine Person, deren Worte zu Yücels Inhaftierung aus den anderen herausstechen, nämlich Yücel selbst. Das ist zwar kitschig, aber nicht zu ändern und im wahrsten Sinne hat sich Yücel diesen etwas kitschigen Moment selbst zuzuschreiben. Nach einer anfänglichen “faktischen Postsperre”, wie “Die Welt” berichtet, erhält Yücel nun, wenn auch nur tröpfchenweise, Briefe und Karten und darf auch selbst korrespondieren, wenn auch nur an seine Frau adressiert. Die Post, die ihm zugesendet wird, beantwortet er also über Umwege, veröffentlicht werden seine offenen Briefe, in denen er vielen Zusendungen beantwortet, auf der Internet-Seite der “Welt”. Klar, schön, gefühlvoll und durchaus auch humorvoll schildert Yücel seinen Gefängnis-Alltag, beispielsweise wenn er in einer Episode davon berichtet, wie er am Gitter des Hof-Fensters rote Chili-Schoten zum Trocknen aufgehängt hat und sich an den Farbtupfern im sonst trostlosen Grau des Gefängnisses erfreut. Er schreibt davon, wie er manchmal sogar lacht und dass “Du hier einfach nicht oft traurig sein [darfst], und weinen darfst du erst recht nicht. Nur geht es manchmal nicht anders.” In seinen Briefen schwingt Hoffnung ebenso mit wie Traurigkeit und besonders der Wille nicht aufzugeben und die Gewissheit, “dieses Gefängnis nicht durch eine Hintertür [zu] verlassen, sondern durch jene Vordertür, durch die ich es betreten habe.” Doch am besten liest man Yücels lesenswerte Briefe selbst.

Solidarität für Deniz Yücel

Wie entschieden wird, welche Briefe Deniz Yücel wann erhält, ist nicht ganz ersichtlich. Der Journalist selbst vermutet, Briefe auf Türkisch kämen eher an, ebenso wenn diese von der “Welt” verschickt werden. Aus diesem Grund hat die Zeitung die Aktion “Schreiben Sie einen Brief an Deniz, wir übersetzen” ins Leben gerufen: Briefe werden von der Zeitung übersetzt und verschickt. Doch diese Aktion ist nur eine von vielen. Neben einem Aufruf von über zweihundert Prominenten, zu denen unter anderem Isabel Allende, Orhan Parmuk, Sting, Fatih Akin und Jan Böhmermann gehören, finden immer wieder Solidaritäts-Veranstaltungen statt. So auch heute Abend im Kino am Sprengel. Unter dem Motto “Das ist kein Deutscher: Einführung in den Yücelismus” werden Texte von Deniz Yücel gelesen und seine Arbeiten vorgestellt. Wer Yücel journalistisch schon in den Jahren vor seiner Inhaftierung verfolgt hat, weiß, dass seine Texte streitbar sind, manchmal über das Ziel hinausschießen konnten, und es ihm fast spielerisch, so scheint es jedenfalls, gelingt, den unterschiedlichsten Leuten gleichermaßen mit seinen Texten und seinem Humor vor den Kopf zu stoßen, sei es nun linken Aktivisten oder superkonservativen Patrioten. Und so wurde für den in seine Texte reininterpretierten “Deutschland-Hass” auch schon mal die Todesstrafe gefordert. Bei all den bissigen Spitzen, zu den Yücel fähig ist, wird jedoch häufig das Wichtigste übersehen: Seine Neugierde, sein Streben nach Freiheit, sein Einsatz für Menschenrechte und seine Passion für den Journalismus.

Zahlreiche andere Journalistinnen und Journalisten sind ebenfalls in Haft

Wer also mehr über Yücel erfahren will, sollte heute Abend unbedingt ins Kino am Sprengel gehen. Der Eintritt ist übrigens frei, Spenden gehen an Cumhuriyet, eine oppositionelle türkische Zeitung. Wie Deniz Yücel aber auch selbst sagt, sollte dabei nicht untergehen, dass es noch zahlreiche andere Journalistinnen und Journalisten gibt, die – mit überaus großer Wahrscheinlichkeit – zu Unrecht und insbesondere unter Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze in türkischen Hochsicherheits-Gefängnissen festgehalten werden. Auch bei ihnen ist jeder Tag in Haft einer zu viel. Höchste Zeit, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Oder in Deniz Yücels Worten: “Ich will einen fairen Prozess. Und den am besten gleich morgen. Nicht mehr. Nicht weniger.” Denn: Ein solcher Prozess, der sich an die türkischen Gesetze und an die universellen Menschenrechte halte, könne “gar nicht anders enden als mit einem Freispruch”.

Samstag, 13. Dezember 2018:
“Das ist kein Deutscher: Einführung in den Yücelismus”, Soli-Lesung für Deniz Yücel, Kino im Sprengel, Klaus-Müller-Kilian-Weg 2, 30167 Hannover, Beginn: 20.30 Uhr, Eintritt frei, Spenden gehen an Cumhuriyet

(Foto: Kino am Sprengel/Pressefoto)

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Kategorien: Literatur, Medien, Politik, Tagestipps

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