Jörg Smotlacha
17. September 2009

„Der einfachen Vier-Satz-Abenteuergeschichte gehört die uneingeschränkte Zukunft“

Beim Kulturkiosk am 25. September liest langeleine-Autor Henning Chadde seine kürzesten kurzen Abenteuergeschichten. Chefredakteur Jörg Smotlacha hat dem Kollegen in der Mittagspause vorab ein paar brandheiße Fragen gestellt

Da sitzt man Tag für Tag mit dem geschätzten Mitstreiter Chadde in der Redaktion und versucht ihm bei einer der obligatorischen zweieinhalbstündigen Kaffeepausen so richtig auf den Zahn zu fühlen, um weitere bizarre Anekdoten aus seiner illustren Vergangenheit als Schiffschaukelbremser, Kirmeskutscher, Fluchtwagenfahrer, Erntehelfer, Fußmodell, Eisenbieger, Ehemann und Tankerkapitän zu erfahren, nur um ein ums andere Mal mit der Antwort abgespeist zu werden, das die Gegenwart als Autor, Journalist, Moderator, Kulturmanager und Herausgeber hart genug sei, so dass keine Zeit für weitere alte Geschichten sei. Also hilft nur eines: Den überzeugten Lebemann und Literaten bei der Ehre zu packen, ihn zur langeleine-Hausveranstaltung Kulturkiosk einladen und kurzerhand Abenteuergeschichten anzukündigen.

Henning Chadde

Sieht seinem Auftritt beim Kulturkiosk mit großer Vorfreude entgegen: Henning Chadde

langeleine.de: Henning, noch ’ne Tasse Kaffee? Oder willst Du schon gleich mit meinen knallharten Fragen konfrontiert werden?

Henning Chadde: Härter, als dieser läppische Muckefuck kann es nicht kommen. Obwohl: Ich sollte die vielgefürchtete granitharte Verschachtelung Deiner Fragesätze nicht unterschätzen. Hmm. Ist denn diese nette Praktikantin noch da, die uns vorhin das dampfende Nass servierte? Dann gerne doch noch vorher schnell eine Tasse heißes Wasser… Nicht? Na dann schieß los!

ll: Alle anderen Künstlerinnen und Künstler werden von uns überzeugten Hannoveranern traditionell danach befragt, was Hannover für sie bedeutet. Dich kann ich so etwas Profanes natürlich nicht fragen, aber Du könntest mir erzählen, was der Kulturkiosk für Dich bedeutet…

Chadde: Alles! In seiner Kombination aus verschiedenen kulturellen Sparten stellt er für mich die güldenste Symbiose zu einer gelungenen Soirée-Veranstaltung dar, die sich mein weitgereistes Ausgeh-Herzelein nur wünschen kann. Er sucht in Hannover seinesgleichen – und eines sei laut in die Welt hinaus gerufen: „Wer nicht kommt, war nicht da!“ Selbst schuld. So einfach ist das.

Henning Chadde

„Oben ist oben und unten kommt schon noch früh genug“: Lebenskünstler Chadde weiß, wie es geht

ll: Und was macht das mit Dir, dass Du Dich am nächsten Freitag ausnahmsweise, weil Du ja selbst als Künstler eingeladen bist, nicht gemeinsam mit mir um Kopf und Kragen moderieren darfst?

Chadde: Ah, ich freue mich neben meinem Vortrage jetzt schon auf jede Menge unquali-, äh, hochqualifizierte Zwischenrufe von der Seitenlinie aus in Deine Richtung. Ich werde Dich stetig anfeuern, um Dir Mut für den ein oder anderen, angehängten zusätzlichen Halbsatz zu machen.

ll: Als Autor, Journalist, Medienschaffender und Lebenskünstler, den, wie ich weiß, zwischen Tadschikistan, Kapland und Visselhövede kaum mehr ein neues Genre schocken kann – welche schriftstellerischen Ausdrucksformen schätzt Du für Dich persönlich besonders und warum?

Chadde: Das Abenteuer-Tagebuch-Schreiben auf fernen Reisen und im Urlaube. Es war mir bisher stets ein treuer Begleiter, außerdem mehrt es doch post mortem ganz besonders den Ruhm.

Henning Chadde

Der Erfolgsautor zu Beginn seiner Karriere

ll: Apropos ferne Reisen: Verrat mir doch heute endlich wenigstens zwei Dinge: Wo stammt Deine Vorliebe für Bonanza-Räder her? Und warum hat Deine musikalische Früherziehung mit finnischem Death-Metal dazu geführt, dass Du ausgerechnet Norwegen als Dein Lieblingsland betrachtest?

Chadde: Also am Allerliebsten radele ich in den hohen Norden nach wie vor mit meinem orangenen Bonanza-Rad und sparsamen Gepäck in den Jeans-Seitentaschen. Allerdings braucht man für den Antritt schon eine zackige Muzak, zu der man sich gehen lassen und anständig in die Pedale treten kann. Da kommt mir stetig – und seit jeher – nur feinster finnischer Death-Metal in den Schuber meines Sony-Walkmans. Eine zackige Beschallung, die mich die Strapazen der Anfahrt in mein geliebtes Norwegen wie im Fluge vergessen macht. Warum ausgerechnet Norwegen? Na wegen der Melancholie. Außerdem liegt es nicht so weit weg wie Finnland. Wenn ich dahin wollte, müsste ich mehr Batterien für den Walkman mitnehmen. Ganz ehrlich: Das ist dann doch zu anstrengend. Wiegt ja alles…

ll: Hab ich es mir doch gedacht!

Chadde: Wusste ich’s doch!

Henning Chadde und Jörg Smotlacha

Entspannter Small Talk nach dem Interviewtermin: Henning Chadde und Jörg Smotlacha

ll: Wir kommen zum heiklen Thema Abenteuergeschichten: Ich finde, das ist ein weitestgehend unterschätztes Genre. Wie begegnest Du diesen Ressentiments bei Deiner Show am nächsten Freitag?

Chadde: Meen Jung, da gebe ich Dir recht. Seit Jack London wurde diesem Genre in den letzten 250 Jahren leider nichts Neues mehr hinzugefügt, außer langweiligen Ausschweifungen in das weite Feld der Belang- und Spannungslosigkeiten. Selbst die noch relativ anregenden Pixie-Bücher wurden gegen Ende ihres Erscheinens ja inhaltlich immer orientierungsloser, seichter und gleichwohl dicker und dicker. Ein Graus! Nein, vielmehr liegt die Belebung und Würze dieser literarischen Königsdisziplin in der Erhabenheit und semantischen Reduktion der Kürze. Der einfachen Vier-Satz-Abenteuergeschichte, sprich der extremst kurzen Abenteuergeschichte, gehört in diesen schnelllebigen Zeiten der „Nichtkonzentration“ und des Informationsüberflusses die uneingeschränkte Zukunft. Dabei ist sie ausdrücklich nicht mit der neuerdings von einigen jungen Dichtern vertretenen „abenteuerlichen Kurzgeschichte“ zu verwechseln. Denn Letztere ist geprägt sich durch eine gewagte, zumeist unglaubwürdige und somit äußerst fragwürdige prosaische wie inhaltliche Konstruktion und ist somit unbedingt abzulehnen.

ll: Last but not least: Dein Auftritt steht natürlich zwei Tage vor der Bundestagswahl in unbedingtem Zusammenhang mit der politischen Weltenlage. Was hast Du den Menschen da draußen zum Troste gegen den Unbill der allgegenwärtigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sportlichen und witterungsbedingten Ober- und Unterkrisen zu sagen?

Chadde: Immer schön voneinander trennen lernen! Sonst wird das alles auf einen Schlage zu viel. Oben ist oben und unten kommt schon noch früh genug, also gilt es im Jetzt gegen allen Unbill zu selbstgewählten Höhenflügen im Privaten anzusetzen, um sich ein prall gefülltes Erinnerungspolster für schlechte Zeiten anzuschaffen. Das geht zu zweit natürlich besser als alleine, also sage ich entschieden: „Bildet Mini-Banden!“. Und haltet durch. Und zueinander. Come what may!

ll: Möchtest Du noch einen Kaffee?

Chadde: Aber sicha dat.

Nicht verpassen:

Am Freitag, dem 25. September, gastiert Henning Chadde am KULTURKIOSK von langeleine.de, wo er sich unter anderem im Genre der Kurz-Abenteurgeschichten versucht und zudem aufklärt, warum Ché Guevara niemals spanische Billig-Flipp-Flopps trug.

(Fotos: Sven Storbeck (1), Ralf Rohde (2), Heinz Chadde (3), Susanne Ibold (4))

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Kategorien: Literatur, Menschen

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