Jörg Smotlacha
21. September 2009

„Wir üben oft vor dem Supermarkt an unserer Performance“

Das akustische Familienpunkunternehmen Herr Lerbs gastiert am Freitag am Kulturkiosk von langeleine.de. Ein Interview

Was wäre die Musikhistorie ohne Herr Lerbs? Wir wissen es wirklich nicht, aber wir ahnen: armselig. Haben die drei Brüder, die in einem dörflichen Vorort von Hannover aufwuchsen, doch mit Liedern wie „Tanzlokal“, „Das Schwein“ und „Oder wie oder wer oder was“ weltweit für Furore gesorgt. Dabei führen die drei sympathischen Gesellen ein seltsames Doppelleben. Tagsüber arbeiten sie im Schuldienst, im Außenhandel und als Leiter einer Leergutabteilung, nachts treiben sie ihr Unwesen in dunklen Spelunken und experimentieren mit seltsamen Instrumenten wie Melodika, LowWhistle, Kazoo oder einem Rappelfisch. Das Ergebnis ist Geschichte und beeindruckt durch schlichte musikalische Genialität. Wir haben Björn, Martin und Mathi Lerbs in einem Spirituosengeschäft in Montevideo getroffen und hatten Gelegenheit, ein paar brennende Fragen zu stellen.

Herr Lerbs

Feinsinnige Texte über Alkohol, Drogen und Geschlechtsverkehr: Herr Lerbs bei den Aufnahmen zu ihrem aktuellen Album „EPILERbSIE“

langeleine.de: Hallo Herr Lerbs, wir schätzen uns glücklich, dass Ihr Eure Welttournee für einen kleinen Abstecher zum Kulturkiosk unterbrecht. Aber seid Ihr sicher, dass Ihr in Eurem Alter noch die vertraglich zugesicherten viereinhalb Stunden spielen könnt?

Lerbs: Stand da wirklich viereinhalb Stunden? Wir spielen im Anschluss noch in Hamburg… Naja, wir sind das gewohnt. Oft stellen wir für die letzten 2 Stunden einen Kassettenrekorder auf die Bühne. Meist merkt das keiner. Und letzten Endes macht es ja keinen Unterschied, wann wir die Musik gespielt haben. Der reingeschnittene Applaus bringt sogar noch etwas Stimmung.

ll: Auf Eurer Webseite bezeichnet Ihr Eure Musik als „Akustikpunk“. Seid Ihr damit noch schnell auf den „Unplugged“-Zug gesprungen oder konntet Ihr schlicht und einfach Eure Stromrechnung nicht bezahlen?

Lerbs: Strom war niemals eine Alternative. Wir haben lange Zeit mit Gas gearbeitet. Unserer Ruf, die Bühnenshow betreffend, gründet sich auf ein Ereignis in den frühen Sechzigern. Zu der Zeit haben Veranstalter noch keine Problem mit gasbetriebenen Anlagen gehabt. Als Lerbs am Ende des Konzerts seine Gitarre auf einer Box zuschlug, entzündete gerade ein Zuschauer seine Zigarette. Wir konnten hinterher nur den Rappelfisch retten.

Herr Lerbs

Freuen sich sichtlich auf den Kulturkiosk: Björn, Martin und Mathi Lerbs

ll: Der Legende nach hat Mathi seine musikalische Früherziehung in Bauer Kocks Viehstall genossen und Martin hat Blastechniken an Amphibien getestet. Welche Auswirkungen hatte das auf Eure Songs und gibt es noch weitere Einflüsse?

Lerbs: Gar keine. Was die beiden getrieben haben, hat mich nicht interessiert, geschweige denn beeinflusst. Ich habe nie viel davon gehalten. Spätestens die Proteste bei Boehringer zeigen mir, dass es nur ein kleiner Schritt ist, auf eine Kuh zu klopfen oder einen Affen grausam bei lebendigem Leibe mit Starkstrom, Medikamenten, Skalpellen und Hirnsonden zu foltern.

Lerbs: Das war damals eben nötig, das mit dem Affen meine ich. Nur so kam der ganz besondere Sound zustande. Nachdem Nachbarn die Polizei informiert hatten, kehrte ich jedoch wieder zur Kuh zurück: Gegerbt, getrocknet und auf Holz aufgespannt klang sie auch ganz gut.

Martin Lerbs

Virtuos an zahllosen Instrumenten: Bassist Martin Lerbs

ll: Wenn man die Kritikerstimmen richtig deutet, ist Euer aktuelles Album „EPILERbSIE“ ein absolutes Gigantenalbum geworden, experimenteller als „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und exzessiver als „Exile on Main Street“. Wie ist Euch das gelungen, obwohl als Budget nur drei Kisten Herrenhäuser zur Verfügung standen?

Lerbs: Ich glaube schon, dass auch die Beatles und die Rolling Stones ihren Platz in der Musikgeschichte haben. Unser Album geht aber in eine völlig andere Richtung. Wir besingen nicht einen gesellschaftlichen Trend, wir lösen ihn aus. Seht doch die enorme weltweite Veränderung seit der Veröffentlichung im September 2008. Die Menschen rücken näher zusammen. War zuvor Freiheit und Selbstbestimmtheit das Thema, kehren wir jetzt wieder zu den alten Werten zurück. Man geht nicht mehr shoppen in Mailand oder tanzen in London – nein, man trinkt sein Herri auf der Westbank der Limmerstraße. Diese Entwicklung wäre ohne unser Album, und davon bin ich fest überzeugt, auch möglich geworden. Ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen: Ja, „EPILERbSIE“ war weltweit das Album mit den geringsten gesellschaftlichen Auswirkungen.

ll: Wie kann man sich eine Bandprobe bei Herrn Lerbs vorstellen? Muss die Band angesichts ihrer Lebenserfahrung überhaupt noch üben oder reicht ein kurzer Austausch von gegenseitigen Komplimenten?

Lerbs: Naja, ganz so ist es nicht. Klar, musikalisch läuft vieles von selbst. Mir fällt ein neues Lied ein und die beiden anderen kennen bereits die Begleitung. Wir spielen immer, wenn es gerade passt. Feste Probenzeiten sind schon alleine von Berufs wegen nicht möglich. Besonders Mathi wird häufig angepiepst, wenn der Leergutautomat voll ist. Dann muss er sofort los. Er ist quasi rund um die Uhr im Dienst. An manchen Tagen ist es so schlimm, dass er dort schläft. An eine regelmäßige Probe ist da nicht zu denken.

Lerbs: Wir üben dann oft vor dem Supermarkt an unserer Performance. Das bringt uns ein paar Euro extra – und immer wieder auch mitleidige Blicke.

Lerbs: Das stärkt unser Selbstvertrauen, von dem wir nicht genug bekommen können.

Herr Lerbs

Erfolg schweißt zusammen: Lerbs bringt einen Toast aus

Während Eurer an aberwitzigen Anekdoten und unglaublichen Superlativen reichhaltigen Bandgeschichte habt Ihr von Timbuktu bis Süd-Palau in zahlreichen Turnhallen und Mehrzweckarenen gespielt – was war für Euch das bisher beeindruckendste Erlebnis?

Lerbs: Wir haben einmal als Vorband von David Copperfield gespielt. Danach hatte seine Show an Zauber verloren.

Lerbs: Oh, ich denke da an etwas anderes – darf ich? Ok. Ich spiele – wie Ihr wisst – den Bass. Ich bin nicht als Bassist geboren. Meine Vorliebe galt immer den Blasinstrumenten – eine Instrumentengattung, die keinen sonst interessiert. Auf der ersten Tournee nach Amerika 1967 spielten wir in eher kleinen Läden: auf einem Wohltätigkeitsbasar, vor einer Zoohandlung oder unter einer Highway-Brücke. Wo man eben spielt, wenn die Lieder sehr textlastig sind und einen keiner versteht. Nach einem dieser Konzerte, es war glaub ich in Wheeling, trat ein Mann auf uns zu; ein kräftiger, nicht sehr großer Schwarzer. Er sprach mich auf mein Molch-Solo an und wie sehr es ihn an seine Mutter erinnerte. Er erzählte mir, er sei Bassist und käme viel rum. Ob ich ihm im Tausch gegen seinen Bass den Molch überlassen würde. Der Mann war freundlich und schien ein gutes Herz zu haben, und er versprach mir, den Molch mit eben so viel Liebe zu behandeln wie seinen Bass. Ich schlug ein. So kam ich zum Bass. Später hörte ich, der Name des Mannes war Billy Cox, und er tauschte meinen Molch gegen ein Tütchen Koks ein – er liebte ihn eben genauso wie seinen Bass.

Herr Lerbs

Immer im Dienst: Mathi Lerbs, das jüngste Familienmitglied

ll: Für Euren Auftritt beim Kulturkiosk habt Ihr ein Medley Eurer größten Erfolge angekündigt und das eine oder andere musikalische Experiment. Was darf unser Publikum von Euch am Freitag erwarten?

Lerbs: Da höre ich deutlich den Marketing-Gedanken heraus. Ihr baut hier ein Erwartungsgebäude auf, das die Spannung des Publikums bis ins Unermessliche steigern soll – sehr geschickt. Wir werden Euch natürlich unterstützen und deshalb die von Euch in uns gesetzten Erwartungen enttäuschen.

ll: Herr Lerbs, wir danken für das spontane Interview!

Lerbs: Nicht dafür, aber das hier… (auf den Einkaufswagen zeigend) zahlt Ihr.

Nicht verpassen:

Herr Lerbs beehren am Freitag, dem 25. September, den KULTURKIOSK von langeleine.de und interpretieren ihr aktuelles Album „EPILERbSIE“ auf allem, was nicht niet- und nagelfest ist.

(Fotos: Daniel Kunzfeld)

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Kategorien: Menschen, Musik

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