Jörg Smotlacha
5. Februar 2018

Ein unendlicher Spaß

Seitenansicht: „Tyll“ von Daniel Kehlmann

Ein Schelmen-Roman, der im dreißigjährigen Krieg spielt: Daniel Kehlmanns „Tyll“, Buchcover

Er war mit viel Spannung erwartet worden: Daniel Kehlmanns neuer Roman „Tyll“, der Nachfolger von „F“, der es immerhin in die Shortlist des deutschen Bücherpreises 2013 schaffte. Und nun ist er also da, der „Tyll“, ein 474-seitiger Schelmen-Roman über den dreißigjährigen Krieg, mit einer gleichermaßen verblüffenden wie historisch schrecklich unkorrekten Hauptfigur. Denn „Tyll Ulenspiegel“, der natürlich eindeutig auf die berühmte Narrenfigur des Eulenspiegel zurückgeht, lebte, wenn man den historischen Quellen Glauben schenkt, bereits im 14. Jahrhundert. Doch Daniel Kehlmann, der längst den Status eines deutschen Star-Autors hat, brauchte für seinen Versuch über den wohl unterschätztesten aller deutschen Kriege – den dreißigjährigen – eine passende Hauptfigur. Und „Tyll“ – so viel vorweg – ist eine richtig gute.

Der Müllers-Sohn Tyll Ulenspiegel wächst in einer seltsam verzerrten, weil gleichzeitig so unglücklichen wie doch irgendwie behüteten Kindheit am Vorabend des Krieges von 1618 bis 1648 auf. Von seiner Mutter Agneta geliebt, vom Knecht Sepp schwer misshandelt und von seinem Vater Claus, der sich, etwas entrückt, dem Weltwissen und seinen abstrusen Studien verschrieben hat und am liebsten mit seinen geliebten lateinischen, für ihn aber unlesbaren Büchern auf dem Dachboden abhängt, um zu forschen, erst ignoriert, dann viel zu spät wertgeschätzt, ist eigentlich so etwas wie totgeboren. Viel zu schwach, um die für das familiäre Überleben notwendigen Arbeiten eines Müllers auszuführen, verfügt Tyll aber über andere Fähigkeiten: Er kann zum Beispiel auf einem Seil balancieren, nur weil er es will. Und er lernt jonglieren.

„Dort wo alle denken, dass man bleiben muss, hält einen in Wahrheit nichts.“

Und dann flieht Tyll – aus der Enge der Familie und aus der Enge der Welt. Und er nimmt die Nachbarstochter Nele mit. So etwas wie seine Schwester im Geiste, seine Geliebte, seine Partnerin – und es wird ein bisschen anrührend und auch dramatisch: „Sie weiß, dass sie nicht nachdenken darf, sonst verliert sie den Mut, sonst bleibt sie hier, wie es vorgesehen ist; aber er hat recht, man kann tatsächlich gehen. Dort wo alle denken, dass man bleiben muss, hält einen in Wahrheit nichts.“ Und fortan streifen Tyll, der Gaukler, und seine Gefährtin durch die Weltgeschichte, treffen den Bänkelsänger Gottfried und schlagen sich zunächst einmal als Outlaws durch. Doch sie unterhalten die Menschen in den Dörfern, durch die sie fahren, und können überleben, und das ist das wichtigste.

Tylls Vater Claus indes gesteht gleich im zweiten Kapitel, dass er der Hexerei schuldig ist und stirbt eines qualvollen Todes – die Foltern der Inquisition tun ihr Werk. Und überhaupt nimmt das Elend um Tyll herum seinen Lauf. Denn was folgt, ist ein wilder Ritt durch eine brutale Epoche, in der Gewalt, Mord und Totschlag normal sind, in einem sinnlosen Krieg zwischen Kaiser und Katholischer Liga einerseits und Protestantischer Union andererseits. Die Dänen spielen eine Rolle, die Schweden und die Franzosen. Und Tyll und Nele irrlichtern durch die Zeiten, während Geistliche sich auf die Suche nach Drachen machen, die Pest wütet und Königinnen um ihr Überleben kämpfen…

Daniel Kehlmann gelingt es, in acht vollkommen autonomen Kapiteln, jeweils neue, aber immer auch literarisch spannende Perspektiven der historischen Ereignisse aufzeigen, ein Panoptikum des Wahnsinns zu entfalten, den dreißigjährigen Krieg literarisch gekonnt zu verarbeiten und mit Tyll dabei eine Heldenfigur zu entwickeln, die so tragisch sie auch ist, uns Leserinnen und Lesern viel Vergnügen bereitet und in Atem hält, denn als Gaukler versteht es Tyll nun mal, uns alle mit viel Schalk im Nacken in seinen Bann zu ziehen – bis zum letzten Atemzug. Das Resultat ist ein unendlich großer Lese-Spaß.

Daniel Kehlmann: „Tyll“, 480 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN-13: 978-3498035679, 22,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel