Susanne Viktoria Haupt
19. März 2018

Viel Rauch, wenig Feuer

Seitenansicht: „Eine Geschichte der Wölfe“ von Emily Fridlund

Einzig die Aufmachung kann wirklich überzeugen: „Eine Geschichte der Wölfe“ von Emily Fridlund, Buchcover

Lindas Leben könnte durchaus einfacher sein. Sie lebt in den tiefen Wäldern von Minnesota in Nordamerika und wächst in den kläglichen Überresten einer mittlerweile aufgelösten Kommune auf. Daher ist sie selbst für die Mädchen aus den Trailer-Parks ein Freak und durchlebt eine eher freundschaftslose Jugend. Ihre Eltern sind dem „System“ gegenüber feindlich eingestellt und witzeln schon häufig über das schulische Engagement ihrer einzigen Tochter. Dabei kann Linda wirklich eine ganze Menge. Sie kann Vögel allein an ihrem Gesang bestimmen, sich in freier Wildbahn orientieren und paddelt sicher mit einem Boot alleine über den anliegenden See.

Mit 15 Jahren soll sich Lindas Leben jedoch von Grund auf ändern. Zum einen ist da die schöne Lilly, Lindas Mitschülerin. Lilly erscheint den meisten nicht besonders helle und wird gerne auf ihr Aussehen und ihren üppigen Vorbau reduziert. Ein Fakt, der auch dem neuen Geschichtslehrer ins Auge zu stechen scheint und offenbar den Auslöser für Lillys plötzliches Verschwinden darstellt. Zum anderen wird das Haus auf der anderen Seite des Sees endlich bezogen und Linda kommt schnell mit den neuen Bewohnern in Kontakt. Patra ist 26 Jahre alt und hat ihren vierjährigen Sohn Paul im Schlepptau. Der vorerst schüchterne Kontakt mündet schnell in einem Babysitter-Verhältnis und Linda versucht, Paul für das wilde Leben in Minnesota zu begeistern. Wirklich viel weiß sie über die neue Familie aber nicht. Nur, dass es da noch Leo gibt, den Vater, der derzeit auf Hawaii verweilt. Er ist Professor für Astrophysik. Linda wird jedoch zunehmend von einem unguten Gefühl beschlichen und versucht, ihre Zweifel immer wieder durch die Beobachtungen der liebevollen Mutter-Kind-Beziehung zu zerstreuen. Als Leo sich jedoch ein paar Tage freinimmt und seine Frau und seinen Sohn in den Wäldern besucht, muss Linda langsam einsehen, dass es sich hierbei nicht um einen klassischen Wissenschaftlicher handelt. Denn Leo und auch Patra sind Anhänger der sogenannten Chirstian Science, die unter anderem die Annahme vertritt, dass Gesundheit durch gute Gedanken und einen starken Glauben an Gottes Güte hervorgerufen wird. Ein Umstand, der zu verheerenden Folgen führt…

Emily Fridlund konnte mit ihrem Debüt-Roman „Eine Geschicht der Wölfe“ direkt internationalen Erfolg verbuchen. Bereits im Jahr seines Erscheinens gelang ihrem Buch der Sprung auf die Shortlist des renommierten Man Booker Prize. Fridlund ist durch ihre Kindheit mit den Wäldern in Minnesota bestens vertraut und die Liebe und Verbundenheit zu ihrer alten Heimat spürt man in jedem Satz, den sie über diese Gegend verfasst hat. Und auch ihre Protagonistin Linda besticht durch eine sehr realistische Darstellung. Sie ist weder ein zu kindliches, noch ein zu reifes Teenager-Mädchen. Sie ist keine Heldin und auf Grund ihres jungen Alters fällt es ihr logischerweise schwer, den Überblick über die Situationen zu gewinnen. Aber so schön auch die poetische Darstellung der Landschaft sein mag, so sehr mangelt es dem Roman an dem nötigen Feuer. Manch einer mag es bevorzugen, dass der eigentliche Plot nur hin und wieder durch die verdichteten Beschreibungen hindurchscheint. Jedoch fällt es den Leserinnen und Lesern durch zahlreiche Aus- und Rückblicke, die anderen Schwerpunkten gewidmet sind, deutlich schwer, am Kern der Geschichte zu bleiben. Der Unheil versprechende Unterton, der sich ungelöst weit in das dritte Drittel hineinzieht, wirkt fast erschöpfend. Fridlund bietet ihrer Leserschaft leider zu wenig spannenden Inhalt und widmet sich lieber seitenlangen Naturbeschreibungen. Dem eigentlichen Höhepunkten hingegen schenkt sie nur wenig Platz und Beachtung, so dass sich ein echtes Aha-Erlebnis oder Schock-Moment nur sehr kurzzeitig einzustellen vermag. Das ist in Fällen wie diesen besonders schade, denn an sich hätte der Plot deutlich mehr zu bieten gehabt.

Emily Fridlund: „Eine Geschichte der Wölfe“, 384 Seiten, Piper Verlag, ISBN-13: 978-3827013675, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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