Susanne Viktoria Haupt
19. Februar 2018

Wissenschaft für alle?

Seitenansicht: „Das Universum für Eilige“ von Neil deGrasse Tyson

Gilt als „Rockstar“ unter den Astrophysikern: Neil deGrasse Tyson und sein neues Werk „Das Universum für Eilige“, Buchcover

Wissen ist wichtig. Bildung ist wichtig. Ich denke, dass das ein Fakt ist, auf den wir uns alle einigen können. Doch damit ist nicht zwangsweise die schulische Bildung oder das Schulwissen gemeint. Wir leben in einem Zeitalter, in dem das „lifelong learning“ hoch im Kurs steht. Und das ist auch wirklich gut so. Lernen erweitert unseren Geist. Es macht uns „dort oben“ förmlich gelenkig. Und das Lernen muss auf keinen Fall immer nur auf einem akademischen Level ablaufen. Nicht jeder Mensch möchte sich schließlich mit jedem Thema auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzen. Das muss auch niemand. Daher gibt es immer wieder viele Autorinnen und Autoren, die ihre Themen nicht nur kompakt, sondern auch niederschwellig aufbereitet haben. Stephen Hawking hat beispielsweise mit seiner Tochter Lucy Hawking zwei abenteuerliche Romane verfasst, die Kinder ab zehn Jahren auf lockere und unterhaltsame Weise in die Welt der Astrophysik einführen sollen. Mein Sohn hat beide Romane gelesen und sich bestens aufgehoben gefühlt. Man kann also sagen, dass auch routinierte Wissenschaftler ihre Themenbereiche für jedermann und jedefrau vermitteln können. Ich weiß zwar nicht mehr genau, wer das einmal gesagt hat, aber jemand schrieb einst, dass es von hoher Intelligenz zeugen würde, wenn wir komplexe Sachverhalte in einfacher Sprache vermitteln können. Denn auch, wenn die Scientific Community eines jeden Fachs von ihren Fachtermini, ihren Definitionen und ihrer Sprache lebt und auf eben diese im wissenschaftlichen Kontext auch wirklich angewiesen ist, geht es für alle außerhalb der Community auch einfacher.

Wir Menschen wissen also ganz gerne Bescheid. Viele interessieren sich für Geschichte oder Politik, andere wiederum saugen alles auf, was sie im philosophischen oder literarischen Bereich finden können. Doch die Naturwissenschaften sind von diesem Wissensdurst und dieser Neugierde relativ selten betroffen. Nicht nur, weil diese Fächer für viele bereits in der Schule ein rotes Tuch darstellten, sondern auch, weil wir auf Grund der großen Fortschritte innerhalb dieser Wissenschaften gerade diese als besonders schwierig und komplex erachten. Dieser Fortschrittsgedanke bezogen auf die Forschung ist auch einer der Gründe, warum die Kulturwissenschaften und Naturwissenschaften sich regelmäßig zanken. Durchbrüche in der Biologie sind oftmals von größerer allgemeiner Tragweite als ein Durchbruch in der Literaturwissenschaft. Genauso verhält es sich mit der Physik. Man denke nur mal an die riesige Berichtswelle im Zuge des CERN-Teilchenbeschleunigers in Genf. Oder aber das Higgs-Boson, dass 2012 im Rahmen des Teilchenbeschleunigers seinen ersten vorsichtigen Existenz-Nachweis zugesprochen bekam. Auch hier war selbst die Tagespresse voll davon. Und dennoch ist das Wissen rund um die Physik eher beschränkt. Trotz des großen Interesses und der mutmaßlich größeren Tragweite. Daher versucht vor allem die Scientific Community die Menschen mehr und mehr ins Boot des Wissens zu holen.

Neben Stephen Hawking, der mittlerweile dank der amerikanischen Sitcom „The Big Bang Theory“ auch einen festen Platz in der Popkultur hat, bemüht sich auch der amerikanische Astrophysiker und Kosmologe Neil deGrasse Tyson mit dem Thema der wissenschaftlichen Vermittlung. Er gilt sogar als „Rockstar“ seines Fachs, der die Menschen mit viel Charisma zu begeistern weiß. Nun hat er ein weiteres Werk verfasst. „Das Universum für Eilige“ soll auf möglichst wenigen Seiten den Menschen einen ersten Einblick in die weite Welt der Astrophysik bieten. Egal ob Urknall, dunkle Materie oder dunkle Energie – dieses Buch soll Wissen schnell vermitteln und einen Anreiz geben, sich intensiver mit diesen Themen zu beschäftigen. Das klingt erst einmal gar nicht so übel, wenn es Neil deGrasse Tyson gelungen wäre, seine Themen auch einfach an die Menschen zu bringen. Denn „Das Universum für Eilige“ ist zwar ein schmaler und handlicher Band mit einem netten Cover, ohne nötige Vorkenntnisse jedoch ermüdend und wenig reizvoll. Quarks, Neutronen, Protonen und andere Elemente der Physik finden zwar ihre Erwähnung und haben ihren Platz, allerdings wird hier vom Autor vorausgesetzt, dass der Leserschaft ganz klar ist, was damit gemeint ist. Wer also deutliche Lücken in Physik hat oder zum Beispiel gar keine Oberstufe mit Physik-Unterricht besucht hat, wird nicht umher kommen, ein grundlegendes Werk der Physik neben deGrasse Tysons Werk zu legen, um es zu verstehen.

Auch mit der Zügigkeit hat Neil deGrasse Tyson es dann doch etwas übertrieben. Auf den 192 Seiten hetzt er sich deutlich ab, um so viele Theorien aus seinem Fachbereich wie möglich unterzubekommen. Auf den Lesefluss nimmt er genauso wenig Rücksicht wie auf den Umstand, dass besonders Menschen in Eile vielleicht das ein oder andere Kapitel in der Bahn oder am Abend lesen möchten. „Das Universum für Eilige“ ist ein nett gemeinter Versuch, der sein Ziel jedoch um einige Längen verfehlt. Menschen wie ich, die ihren Oberstufen-Physik-Unterricht noch sehr klar im Gedächtnis haben, dürften zwar weniger Probleme haben. Und für Studierende der Physik ist deGrasse Tysons Versuch weniger von Belang. Die angesprochene Leserschaft mit Interesse, aber ohne viel Vorbildung, wird aber wahrscheinlich ziemlich schnell die Lust verlieren. Denn dafür ist dieser Band dann doch zu sperrig und viel zu wissenschaftlich verfasst. Wer einen alltagsfreundlichen Einstieg in die Welt der Physik sucht, der ist mit den Klassikern von Stephen Hawking oder aber mit den Werken des österreichischen Astrophysikers Dr. Florian Freistetter deutlich besser bedient. Die beiden mögen zwar weniger Rockstar-Image besitzen und etwas weniger Charme versprühen, aber ihr Wissen können sie deutlich besser vermitteln, als es bei Neil deGrasse Tysons „Das Universum für Eilige“ der Fall ist.

Neil deGrasse Tyson: „Das Universum für Eilige“, 192 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446258358, 17 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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