Susanne Viktoria Haupt
3. März 2018

Ein außergewöhnlicher Film über die Liebe

Das Kino am Raschplatz zeigt mit “Er Sie Ich” einen emotionalen Dokumentarfilm, der mehr über Liebe verrät, als zunächst vermutet

Erezählt die Geschichte ihrer Eltern auf ihre eigene Art: Carola Kittels Dokumentarfilm “Er Sie Ich”, Filmplakat

In der Geschichtswissenschaft gibt es die Methode der sogenannten Oral History. Dabei werden Zeitzeugen zu einem bestimmten Thema nach ihren eigenen Erfahrungen und den damaligen Geschehnissen befragt. Als wissenschaftliche Quelle sind solche Interviews immer sehr kritisch zu betrachten, denn vieles kann solch ein Interview verfälschen. Denn nicht nur die Beziehung zum Interviewer oder der Interviewerin spielt eine Rolle, sondern auch der Fakt, dass solche Erfahrungsgeschichten immer subjektiv sind. Und meist ist es so, dass wir, je weiter wir in unseren Erinnerungen zurückgehen, desto eher im Trüben fischen und Dinge sowohl deutlicher beschönigen als auch dramatisieren. Persönliche Erfahrungsgeschichten dienen also wirklich nur ganz bedingt und unter ganz bestimmten Gesichtspunkten als wissenschaftliche Quelle. Und diese darf dann zumindest niemals die einzige Quelle sein. Sie ist tendenziell eher dazu gedacht, dass Historikerinnen und Historiker einen Einblick bekommen, wie die Menschen dieses oder jenes Ereignis aufgefasst haben. Auch lassen sich die unterschiedlichen Reaktionen und Empfindungen in Bezug auf bestimmte Ereignisse ganz hervorragend in einen Vergleich setzen.

Und hier sind wir auch schon beim Kern des Dokumentarfilms “Er Sie Ich” von Carlotta Kittel. Kittels Eltern waren nie ein Paar. Was sie hatten, würde man heute als “Freundschaft Plus” bezeichnen. Oder ganz traditionell als Affäre. Doch Kittels Mutter Angela wurde schwanger und ihre Affäre Christian war nicht nur gegen eine Beziehung, sondern auch gegen jegliche Formen von Familienplanung. Der Kontakt zwischen dem einst sich wild in den Laken wälzendem Pärchen brach ab und Angela zog ihre Tochter alleine groß. 31 Jahre später entscheidet sich Kittel dazu, ihre Eltern ihre Geschichte erzählen zu lassen. Unabhängig von einander und so, dass sich die beiden auch nicht begegnen. Die Basis des jeweiligen Gesprächs wird zum einen von Kittels Fragen gebildet, aber auch von kurzen Video-Sequenzen des anderen Elternteils, die dem gerade befragten Elternteil vorgespielt werden. Das Ergebnis ist nicht nur die künstlerische Konstruktion eines nicht existenten Gesprächs, sondern ebenso ein psychologisches Spielchen, in dem es um Macht, Erinnerungen und jede Menge subjektiver Wahrnehmung geht. Eine Dokumentation, die sich mit den Kernthemen der Liebe auseinandersetzt, ohne jedoch jemals wirklich romantische Liebe zwischen zwei Menschen zu zeigen. “Er Sie Ich” ist heute als Vorpremiere im Kino am Raschplatz zu sehen. Als ganz besondere Kirsche obendrauf ist die beteiligte Regisseurin Carlotta Kittel selbst anwesend.

Samstag, 3. März 2018:
“Er Sie Ich”, Dokumentarfilm von Carlotta Kittel, D 2017, 99 min., Vorpremiere, Kino am Raschplatz, Raschplatz 5, 30161 Hannover, Beginn: 11 Uhr, Eintritt: 9 Euro, ermäßigt: 8,50 Euro

(Foto: Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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