Jörg Smotlacha
5. März 2018

Polierter Beton

Seitenansicht: “Leere Herzen” von Juli Zeh

Mit viel Spannung erwartet: Juli Zehs Dystopie “Leere Herzen”, Buchcover

Mit “Unterleuten” hatte sie einen vielbesprochenen und überwiegend sehr positiv aufgenommenen Gesellschaftsroman hingelegt, der nachwirkte. Umso gespannter wartete die deutschsprachige Literatur-Szene auf das Nachfolge-Werk. Und nun hat Juli Zeh, die für ihr gesellschaftspolitisches Engagement bekannt ist und mit zahlreichen Literatur-Preisen überhäuft wurde, “Leere Herzen” vorgelegt, eine Dystopie, die viel verspricht und sich zunächst gut liest, aber am Ende vielleicht an den eigenen Erwartungen scheitert.

Die Story handelt von Britta Söldner und ihrem Geschäftspartner Babak Hamwi, die mit der “Brücke” eine kleine Firma gegründet haben, die beide reich gemacht hat. Sie sind desillusioniert und stehen in der Mitte des Lebens, während “die zweite Finanzkrise” das Land überrumpelt hat, die Besorgte Bürger Bewegung regiert, Überwachung, Lobbyismus und “Meinungsmanipulation” allüberall herrschen und sich der demokratische Mittelstand “kampflos in die innere Emigration” verabschiedet hat.

Wie Juli Zeh ihre Protagonistinnen und Protagonisten in der ersten Hälfte des Buches beschreibt, ist großartig und gut beobachtet: Die Erfolgsfrau, deren Kinder mit Drohnen spielen, um einen Mega-Angriff auf die Mega-Mall zu verhindern, und ihr Ehemann Richard “sechzehn kleine Quader aus Reis” formt, um der Familie und den gemeinsamen Gästen ein gutes Essen zubereiten. Britta wohnt in Braunschweig, in einem “Betonwürfel mit viel Glas in einem ruhigen Wohnviertel, praktisch, geräumig, leicht zu reinigen, genau wie Braunschweig selbst, gerade Linien, glatte Flächen, frei von Zweifeln”. Im puren Mittelmaß eben: “Wenn man keine Lust mehr hat, sich selbst etwas vorzumachen, ist polierter Beton eben das, was man heutzutage noch lieben kann.”

Dann erschüttert das Fernseh-Programm das selbstgewählte Idyll, denn ihre Kinder “haben in den Fernseh-Modus gewechselt, was zu den wenigen Dingen gehört, die Britta rigoros verbietet. Fernsehen geht gar nicht.” Es sind Bilder zu sehen von Hubschraubern, Tränengas und Blendgranaten und einem Sondereinsatz-Kommando. In der Tat könnte einer der Klienten der “Brücke” “Dummheiten” gemacht haben. Denn was außer ihr, ihrem Geschäftspartner und ihrem Ehemann niemand weiß, ist die Tatsache, dass Brittas Firma eine Institution ist, die suizidale Menschen an Terror-Organisationen als Attentäter verkauft. Sicherlich eine originelle Idee, die auch eine Zeit lang überzeugend geschildert wirkt.

Und dennoch beginnen an dieser Stelle die Schwierigkeiten des Romans. Britta freundet sich beispielsweise mit Julietta an, einer Selbstmord-Kandidatin, die die ersten ernsten Glaubwürdigkeits-Proben der Firma bedenkenlos überstanden hat, inklusive Water-Bording. Denn klar ist, wer es nicht ernst meint, wird wieder nach Hause geschickt, alsbald als “geheilt” entlassen. So hat die “Brücke” schon einige vermeintliche Suizid-Kandidatinnen und -Kandidaten nach Hause geschickt. Doch da sie inzwischen Konkurrenz bekommen zu haben scheinen, müssen Britta und ihr Partner Babak weiter aufrüsten, um den letzten Kampf zu bestehen und Julietta wird eine wichtige Rolle spielen…

Das Ende soll hier nicht verraten werden, doch natürlich geht es Juli Zeh nicht um Action, sondern um ätzende Gesellschaftskritik. Was ihr aber in “Unterleuten” spielerisch gelungen ist – eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Charakteren fantastisch zu entwickeln und dadurch ein Kaleidoskop der Gegenwart zu entwickeln, funktioniert in “Leere Herzen” weniger gut. Spannend bis zum Schluss, fraglos, scheitert ihr aktueller Roman aber letzlich doch daran, dass ihr Plädoyer für mehr bürgerliches Engagement und Demokratie mit dem bis zum Ende kruden Plot zu kämpfen hat und arg konstruiert wirkt. Lesenswert ist “Leere Herzen” dennoch.

Juli Zeh: “Leere Herzen”, 352 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN-13: 978-3630875231, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel