Susanne Viktoria Haupt
26. März 2018

Vom Erinnern und Vergessen

Über die unterschiedlichen „Formen des Vergessens“ spricht heute Abend Aleida Assmann im Literarischen Salon Hannover

Eine Spezialistin auf dem Gebiet des kulturellen Gedächtnisses: Aleida Assmann

In „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett heißt es: Entweder vergesse ich sofort oder ich vergesse nie. Erinnern und Vergessen sind zwei Dinge, mit denen sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens beschäftigen muss. Dabei kann es sich beispielsweise darum handeln, dass man in einer Klausur sitzt und auf einmal wichtige Fakten vergessen hat. Das kann dieser Moment sein, in dem man sich an seine erste Jugendliebe erinnert oder aber der Moment, in dem man – nicht immer ganz freiwillig – schlimme Dinge einfach „vergessen“ hat. In seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“ hat der Autor Julian Barnes auf sehr eindringliche Weise gezeigt, wie sehr ein Mensch die eigenen Erinnerungen im Laufe der Zeit beschönigen kann. Persönliche Erinnerungen sind immer subjektive Erfahrungen, und wir teilen sie eigentlich sogar sehr gerne. Die schlimmen Erinnerungen wahrscheinlich weniger gern als die schönen. Erinnerungen, die mündlich innerhalb einer Familie weitergegeben werden, bezeichnet man daher als kommunikatives Gedächtnis. Diese Erinnerungen überdauern durchschnittlich drei Generationen und verlaufen dann irgendwann im Sande.

Das sogenannte kulturelle Gedächtnis überdauert im Kontrast deutlich mehr Generationen. Es handelt sich dabei um den gesammten Nachlass der Menschheit, wobei dieser von Kultur zu Kultur deutlich unterschiedlich gewichtet ausfällt. In Deutschland befasst man sich daher in der Schule immer noch sehr gerne mit Goethes Werken. Sein „Faust“ gehört dabei nicht nur zum Kanon der Welt-Literatur, sondern eben auch zum kulturellen Gedächtnis Deutschlands. In England hingegen steht Shakespeare ganz oben auf der Liste. Neben den kulturellen Erungenschaften beinhaltet das kulturelle Gedächtnis aber auch die dunklen Passagen der jeweiligen Geschichte. In Deutschland ist dies ganz klar die Zeit des NS-Regimes. Dabei ist es völlig irrelevant, ob unsere derzeitige Generation noch ihren Anteil daran hatte. Fälschlicherweise wird gerade bezüglich dieser Schreckensherrschaft gemeint, dass „wir Deutschen“ diese Vergangenheit als Bürde mit uns tragen. Als eine Form von Schuld, von der wir uns nicht befreien können. Weil wir uns eben immer wieder daran erinnern müssen. Wir erinnern uns innerhalb der Schulzeit im Geschichtsunterricht daran, werden durch Stolpersteine erinnert und natürlich auch in Form von Artikeln, Dokumentationen, Jahrestagen und Denkmälern.

Besonders die letzten Jahre zeigen, dass sich so mancher Mensch gerne von dieser Vergangenheit befreien würde. Um eben nicht mehr diese Last der Schuld zu spüren. Dass man gerade dieses Erinnern aber nicht zwangsweise als Schuldlast, sondern als treibende Kraft der Verantwortung verstehen kann, fällt diesen Menschen sicherlich nicht ein. Klar ist, dass jene Generationen, die mit dem NS-Regime nichts zu tun hatten, nun mal auch keine Schuld mehr treffen kann. Aber genauso klar ist eben auch, dass nachfolgende Generationen genau da ein Gefühl von Verantwortung herausziehen müssen. Verantwortung dafür, dass so etwas nicht nochmal passiert. Erinnern schützt, gerade in Zeiten wie diesen. Es schützt uns davor, das Grauen zu vergessen und sensibilisiert uns gleichzeitig für diese Thematik. Eine wichtige und in ihrem Wert nicht zu unterschätzende Rolle. Und dieses Erinnern wird nun mal auch von den Medien und den Schulen zu Recht aufrecht erhalten. Beiden Sektoren kommt dabei eine große tragende Rolle zu.

Im Literarischen Salon dreht sich heute ebendrum alles um das Vergessen und Erinnern. Zu Gast ist die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann den Begriff des kulturellen Gedächtnisses prägte und weiter definierte und mit ihrer Publikation „Formen des Vergessens“ einen weiteren Meilenstein hinsichtlich dieses Themas bereitgestellt hat. Dabei geht es um die Vor- und Nachteile des Erinnerns, um das Vergessen als Waffe, und um die Frage, wann das Vergessen wirklich eine Form von Schutz darstellt. Den Besucherinnen und Besuchern steht ein spannender, komplexer und lehrreicher Abend bevor, der die Sichtweise auf einige Dinge durchaus neu ausrichten kann.

Montag, 26. März 2018:
„Formen des Vergessens – Mehr als der Antipode des Erinnerns“, Vortrag und Diskussion mit Aleida Assmann, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Foyer, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/J. Holthof)

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Kategorien: Medien, Politik, Tagestipps

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