Sebastian Albrecht
28. März 2018

Die Geschichte eines Werwolfs

Das Leibniz Theater lässt heute in seinem Stück einen der berüchtigsten Söhne der Stadt auferstehen: „Haarmann lädt zum Dinner“

Haarmann lädt zum Dinner

Ein Theaterstück mit Biss: „Haarmann lädt zum Dinner“, Theater-Plakat

Es könnte so schön sein: Das Reihenhaus ist zur Hälfte abbezahlt, das jüngste Kind wird gerade in die Grundschule eingeschult, auf den Zweit-Wagen verzichtet man der Umwelt zuliebe, außerdem ist die Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr ganz gut, der Job ist nicht zu monoton und bringt genug Geld, so dass die Frau – in progressiven Familien auch der Mann – halbtags arbeiten kann und dennoch genügend Zeit für die Kinder bleibt. Der Rasen im Garten sieht gut aus und die Nachbarn sind nett. Jeden Donnerstag ist Spiele-Abend mit befreundeten Eltern, einmal im Monat steht ein Wochenend-Ausflug an. Ein Leben, das Jörn – würde Bianca den doch bloß zu Hause lassen, aber schließlich sind sie seit zwei Jahren „glücklich“ verheiratet, was willst du machen? – jeden Spiele-Abend penetrant „ein Träumchen“ nennt. Sonntags ist natürlich für Tatort reserviert. Nett, aber vielleicht auch ein bisschen langweilig, piefiges deutsches Bürgertum. Vor dem Fernsehen und im Fernsehen.

Zu behaupten, der Thrill, der beim Tatort irgendwann zwangsläufig ausbliebe, kanalisiere ebenso zwangsläufig in ein morbides Interesse an Serien- und Massenmördern der Geschichte, denn wenn der Kick ausbleibe, müsse die Dosis erhöht werden, mag zu weit hergeholt sein, schließlich bleiben die allermeisten Menschen auf dem Tatort „hängen“ und sind glücklich damit. Doch sind es längst nicht nur diejenigen, von denen behauptet wird, sie hätten einen an der Marmel, die sich intensiv mit Serienmördern auseinandersetzen, sondern beispielweise auch der Familienvater von nebenan. Schaut man über den großen Teich, hat so mancher Serienkiller den Status eines Popstars. Der Musiker Brain Warner fasste diese Hybris perfekt in seiner Kunstfigur Marilyn Manson zusammen: Denn Marilyn Monroe und Charles Manson sind das Yin und Yang der US-amerikanischen (Pop-)Kultur, die schwer ohne die oder den jeweils anderen zu denken sind.

Als Charles Manson im November des letzten Jahres starb, erschienen Nachrufe in den Zeitungen und auch in den Sozialen Netzwerken wurde sein Ableben thematisiert. Manson wurde 1971 als Anführer der Manson Family, die unter anderem für die Tate-Morde verantwortlich war, zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, nachdem die Todesstrafe in Kalifornien ein Jahr später abgeschafft wurde. Insgesamt zwölf Bewährungs-Gesuche, die Manson in seiner Haftzeit stellte, wurden abgelehnt. Gleichzeitig stieg er zur Ikone der Popkultur auf. Er gab unter anderem dem Rolling-Stone-Magazine ein Interview, hatte ein angebliches Jahreseinkommen von 250.000 US-Dollar, bekam haufenweise Fan-Post und heiratete 2014 mit 80 Jahren fast seine 26-jährige Verlobtee – das Leben eines Rockstars, nicht das eines Mörders. Doch was macht die Faszination aus, die Menschen wie Charles Manson umgibt?

Aber auch in Deutschland gibt es einen Kult um Serienmörder, wie etwa das Beispiel Fritz Haarmann aus Hannover zeigt. Insgesamt 24 Morde an Jungen und jungen Männern wurden Haarmann zur Last gelegt, im Jahr 1925 wurde er schließlich abseits der Öffentlichkeit mit dem Fallbeil hingerichtet. Dennoch hielt auch er popkulturell Einzug in das Lokalkolorit der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Warte, warte nur ein Weilchen / bald kommt Haarmann auch zu dir / mit dem kleinen Hackebeilchen / macht er Schabefleisch aus dir“, heißt es im auch außerhalb Hannovers bekannten „Haarmann“-Lied. Und 1995 wurde Haarmann in der „Der Totmacher“ durch Götz George verkörpert, außerdem erzählt eine Graphic Novel sein Leben im Comic-Form. 2012 kam es bei Hannover 96 zu einem Aufreger, als jemand nach Jahren eine Flagge der Hannover-96-Ultras auffiel, die das Konterfei des Mörders Haarmann zierte – weder 96-Boss Martin Kind noch der DFB waren amüsiert. Handelt es sich hierbei lediglich um harmlose Folklore, zumal Fritz Haarmann auch regelmäßig Teil des offiziellen Hannover-Adentskalender war und ist, oder um die Verharmlosung eines Serienmörders?

Eine endgültige Antwort darauf wird wohl auch das Leibniz Theater nicht geben, das sich bei dem Stück „Haarmann lädt zum Dinner“ für eine makabere Version eines Titels entschieden hat. Durchgängiger Bierernst ist dann auch im Stück selbst nicht zu erwarten, dafür jedoch ein umfangreicher und tiefgehender Blick auf die Person Haarmanns, der die Frage aufwirft, wer dieser Mensch überhaupt war: Eine Bestie oder ein Produkt der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges? Oder irgendetwas dazwischen? Das Ein-Mann-Stück, das im Oktober 2017 Premiere feierte, scheint seine Sache dabei nicht allzu schlecht zu machen: Sowohl die Presse als auch die Besucherinnen und Besucher zeigten sich vom Stück und Haarmann-Darsteller Rainer Künnecke gleichermaßen beeindruckt. Auch heute gibt es im Leibniz Theater wieder die Glegenheit, „ein Stück Hannöversche Kriminalgeschichte“ zu erleben.

Mittwoch, 28. März 2018:
„Haarmann lädt zum Dinner“, Ein-Mann-Theaterstück, Leibniz Theater, Kommandaturstraße 7, 30169 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 23,90 Euro, ermäßigt: 19,90 Euro

  • weitere Aufführungstermine:
  • Sonntag, 8. April, 20 Uhr
  • Mittwoch, 11. April, 20 Uhr
  • Sonntag, 15. April, 20 Uhr
  • Sonntag, 29. April, 20 Uhr
  • Sonntag, 6. Mai, 20 Uhr
  • Mittwoch, 9. Mai, 20 Uhr
  • Mittwoch, 23. Mai, 20 Uhr
  • Sonntag, 27. Mai, 20 Uhr
  • Sonntag, 17. Juni, 20 Uhr
  • Samstag, 23. Juni, 20 Uhr
  • Sonntag, 8. Juli, 20 Uhr
  • Sonntag, 23. August, 20 Uhr
  • Sonntag, 16. September, 20 Uhr
  • Sonntag, 7. Oktober, 20 Uhr
  • Sonntag, 28. Oktober, 20 Uhr
  • Sonntag, 18. November, 20 Uhr
  • Sonntag, 25. November, 20 Uhr
  • Donnerstag, 27. Dezember, 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Leibniz Theater)

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Kategorien: Bühne, Lokales, Tagestipps

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