Susanne Viktoria Haupt
2. April 2018

Keine Mary Poppins

Seitenansicht: “Dann schlaf auch du” von Leïla Slimani

Ein Thriller, nach dem das Schlafen schwer fällt: Leïla Slimanis “Dann schlaf auch du”, Buchcover

Als Eltern hat man es heute tatsächlich nicht mehr so einfach wie früher. Sofern nicht ein Elternteil exorbitant verdient, müssen beide trotz gemeinsamer Kinder arbeiten gehen. Aber selbst, wenn das Gehalt für beide reichen sollte, bleibt immer noch die Frage, ob einer von beiden auch tatsächlich ein oder zwei Jahre zu Hause verweilen möchte. Für manche scheint gerade das ein Unding zu sein. Ein Paradoxon. Wenn man sich doch für Kinder entschieden hatte, dann hätte man doch auch das Verlangen haben müssen, mindestens ein Jahr daheim bleiben zu wollen. Beim Kind. Es aufwachsen sehen. Es eben nicht in fremde Hände geben. Aber nicht allen Eltern ergeht es so und das ist bei aller Liebe zum Kind auch gar nicht schlimm.

Myriam hat eisern versucht in der Vollzeit-Mutter-Rolle aufzugehen. Erst brachte sie ihre Tochter Mila zur Welt, dann ihren Sohn Adam. Aber schon nach Milas Geburt merkte sie, dass ihr diese Heimchen-Rolle nicht sonderlich lag. Nach Adam war dann endlich Schluss. Myriam erkannte sich selbst nicht mehr. Sie war ein Abziehbild ihrer Selbst geworden. Von ihren juristischen Ambitionen und der Super-Studentin war nichts mehr übrig geblieben. Ihr Mann Paul schien das nicht zu verstehen. Er, der Musik-Produzent baute doch schließlich darauf, dass seine Frau daheim bei den Kindern bleiben würde. Sie hatte es doch selbst so gewollt. Dass Wunschdenken und Realität nun mal auseinander driften können, scheint Paul fremd zu sein.

Als Myriam jedoch von einem ehemaligen Studienkollegen einen Job angeboten bekommt, kann sie zu Hause nichts mehr halten. Endlich wieder hinaus in die Welt und nicht mehr nur Brei aufwischen. Abhilfe hinsichtlich der Kinderbetreuung soll eine Nanny schaffen – und diese wird auch bereits nach kurzer Zeit gefunden. Louise ist über 40 Jahre alt und hat das “Marry Poppins-Gen”. Louise kümmert sich um Groß und Klein, umsorgt, spielt, putzt und lässt keine Wünsche offen. Sie verwandelt das zuvor chaotische Familienleben von Myriam, Paul, Mila und Adam in eine gut funktionierende Maschine, bei der alle auf ihre Kosten kommen. Louise wird unentbehrlich und nur durch sie ist es den Eltern möglich, ihren individuellen Karriere-Wegen gerecht zu werden. Jedenfalls scheint Louise die ideale fürsorgliche Nanny zu sein, denen die Eltern blind vertrauen können.

Das klingt nun erst einmal fast nach einem modernen Märchen. Die Familie findet die ideale Nanny und alles läuft wie am Schnürchen. Fast wie bei Mary Poppins. Würden die Leserinnen und Leser nicht direkt zu Beginn von Leïla Slimani Roman “Dann schlaf auch du” erfahren, dass diese Nanny die beiden Kinder ermordet hat. Es ist natürlich ein gewagter Kunstgriff, das Ende der eigentlichen Geschichte vorne anzustellen. Das kann bei mangelnder Fähigkeit der Autorin gehörig danebengehen und von daher lassen sich in der Literatur auch recht wenig solcher Konzepte finden.

Slimani allerdings beherrscht ihr Fach perfekt. In Windeseile schickt die französische Autorin ihre Leserschaft genau an den Punkt, an dem sie sich so überhaupt nicht vorstellen kann, dass die Morde tatsächlich durch die kleinen Hände der Nanny durchgeführt wurden. Und Slimani geht noch einen Schritt weiter und streut immer wieder Randfiguren mit ein, die als potentieller Täter in Frage kommen könnten. Aber nicht nur diesbezüglich zieht die Autorin alle Register. Dank der Fähigkeit, gerade nur so viel zu verraten, dass es die eigene Fantasie in Gang setzt, zieht sie ihre Leserschaft durch das psychologische Wirrwarr und durch die einzelnen Teile der Geschichte. Dadurch wird ein Grauen erzeugt, dass es einem unmöglich macht, diesen Roman aus den Händen zu legen.

Leïla Slimani gehört zu den großen und starken Stimmen der französischen Literatur. Die 1981 in Marokko geborene Schriftstellerin konnte mit “Dann schlaf auch du” nicht nur einen veritablen Bestseller vorlegen, sondern gleichzeitig auch den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis mit nach Hause nehmen. Völlig zu Recht, denn ihr Werk glänzt nicht nur durch eine ausgefeilte Story, die einen um den Schlaf zu bringen vermag, sondern zeitgleich auch durch eine präzise und ruhige Sprache, die diesem psychologischen Thriller den letzten Schliff verliehen hat.

Leïla Slimani: “Dann schlaf auch du”, 224 Seiten, Luchterhand Verlag, ISBN-13: 978-3630875545, 20 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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