Susanne Viktoria Haupt
9. April 2018

Ein Griff in die Mottenkiste

Spricht über das Erstarken der klassische Familien-Trias und ihre Alternativen: Gisela Notz ist mit ihrer Publikation “Kritik des Familismus” zu Gast im Literarischen Salon

Neben angebrachter Kritik bringt sie auch ihre neueste Publikation mit: Gisela Notz im Literarischen Salon

Mutter-Vater-Kind. So und nicht anders. Neulich musste ich mir gar anhören, dass Kinder von alleinerziehenden Elternteilen Mitleid verdienen würden. Es sei schließlich so traurig, dass diese Kinder keine “richtige Familie” erleben würden. Bei solchen Aussagen weiß ich immer nicht, ob ich weinen oder schreien soll. Denn zwei Elternteile garantieren eben nicht automatisch eine himmlische Familie. Nicht mal ein heterosexuelles Paar kann diese garantieren. Und außerdem definiert Familie jeder für sich selbst. Wenn ich von “Familie” spreche, dann gehören da immer meine engsten und besten Freunde dazu. Die ich seit weit über zehn Jahren an meiner Seite habe. Mit diesen Menschen teile ich die Höhen und Tiefen und eine Umarmung von meiner besten Freundin könnte sich nicht noch mehr nach Familie anfühlen.

Manche Menschen sind Waisen. Manche sind gar “Verstoßene”. Manche haben auch vielleicht wirklich niemanden mehr, mit dem sie blutsverwandt sind. Ohne Familie müssen sie allerdings immer noch nicht sein. Und kommen wir doch mal zu den sogenannten “Regenbogen-Familien”. Also Familien, die beispielsweise aus Mutter-Mutter-Kind, Vater-Vater-Kind oder Mutter-Mutter-Vater-Kind bestehen. Diese Beispiele sind nicht mehr und nicht weniger Familien als Muter-Vater-Kind. So einfach ist das nämlich. Ganz ernsthaft. Mittlerweile gibt es auch immer häufiger bewusst ausgesuchte Co-Parenting-Modelle. Ein Mann und eine Frau sind zwar kein Paar, wünschen sich allerdings beide sehnlichst ein Kind. Vielleicht tickt die biologische Uhr auch bereits laut und deutlich. Und ein fester Partner oder eine feste Partnerin ist nicht in Sicht. Auf Samenbank hat man auch keine Lust. Dann paart man sich in den heimischen Laken. Und erfüllt sich eben so den Traum von einer Familie. Auch diese Konstellationen sind nicht weniger Familie als andere. Und ebenso wenig jene, aus denen keinerlei Kinder hervorgehen. Auch sie sind Familie. Und ebenso wunderschön und schützenswert.

Familie kann ganz viele Gesichter haben. Im Grundgesetz ist als “Familie” lediglich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern gemeint. Dabei kann es sich um eheliche und uneheliche Kinder sowie Stief- oder Adoptionskinder handeln. Der Rest wird offen gelassen. Bewusst oder unbewusst, ist dabei an dieser Stelle egal. Klar ist, dass es keine juristische Definition von Familie außerhalb der Beziehung zwischen Eltern und Kindern gibt. Und das alleine sollte schon zeigen, dass Familie etwas ist, was bitte jeder für sich zu definieren vermag.

Dennoch ist die Definition von Familie in Form der klassischen Trias längst nicht obsolet geworden. Zum einen, weil sie eben eine mögliche Definiton darstellen kann. Zum anderen, weil sich ein scheinbar sehr konservativer Kreis dazu auserkoren fühlt, anderen vorzuschreiben, was sie als Familie betrachten dürfen. Ohne dabei auf die juristische Grundlage zu blicken. Ohne zu beachten, dass Familie immer mit einem passenden Gefühl verknüpft sein muss. Dieses Gefühl, dass aus sozialen Bindungen überhaupt erst eine Familie macht. Denn ein Gefühl kann durchaus dicker sein als Blut. Oder aber gar dünner. Je nachdem.

Im Literarischen Salon ist heute Gisela Notz zu Gast. Die Sozialwissenschaftlerin und Historikerin hat sich eingehend mit dem “Familismus” beschäftigt. Jener Ströhmung, die uns unbedingt kollektiv wieder in die Richtung der Bilderbuch-Familie drängen möchte und alles außerhalb dieser künstlichen “Norm” als Nicht-Familie betrachtet. Eine Strömung, die zudem erwartet, dass heterosexuelle Paare heiraten und fleißig Kinder bekommen. Ähnlich wie bei Monty Python: “Every Sperm is sacred”. Ein klassischer Griff in die Mottenkiste also. Notz ist dabei nicht nur keine Vertreterin des Familismus, sondern übt fleißig und berechtigt Kritik. Kritik an den künstlichen Normen und ihren Anforderungen. Gleichzeitig gibt sie einen Einblick in eigentlich nicht mehr ganz so neue alternative Familien-Modelle. Um zu zeigen, dass es neben der “Norm” ein ganz weites Feld gibt, auf dem es viele verschiedene Möglichkeiten zur Familien-Bildung gibt.

Montag, 9. April 2018:
“Kritik des Familismus”, Vortrag und Diskussion mit Gisela Notz, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Foyer, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/Privat Gisela Notz)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Politik, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel