Matthias Rohl
6. Oktober 2009

Filmgeschichte(n): Das Schweigen der Lämmer

Ein Psychothriller als Training unserer Einbildungskraft: Wie Jonathan Demme in betörender Perfektion ein Fraktal des Indizien-Horrors erschuf

„Hurt. Agony. Pain: Love It!“ so lautet die masochistische Faustformel für Neulinge auf einer Tafel im Trainings-Parcours des FBI-Ausbildungszentrums in Virginia. Hier absolviert die junge Clarice Starling (Jodie Foster) schweißgebadet ihre morgendliche Lauf-Runde, als ihr Ausbilder, der Chef der psychologischen Abteilung (Scott Glenn), sie mit einem Spezial-Auftrag zu sich beruft: Mit der Hilfe des brillanten ehemaligen Psychiaters Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins), in Baltimore inhaftiert wegen mehrfachen kannibalischen Mordes, soll sie versuchen, wertvolle Informationen zur Erstellung des Täterprofils eines Serienkillers (Ted Levine) zu erlangen, den das FBI aktuell im Fahndungsvisier hat: „Buffalo Bill“, so nennt ihn die Polizei in Anspielung auf seine perverse Neigung, junge, korpulente Frauen zu töten und zu häuten.

“Das Schweigen der Lämmer”, Plakatmotiv

Fünf Oscars in den Hauptkategorien: „Das Schweigen der Lämmer“, Plakatmotiv

Clarice gerät immer tiefer in den abgründigen Strudel der Psychoanalyse Lecters, der für seine Hilfe zur Lösung des Falles den Preis fordert, ihre tiefen traumatischen Geheimnisse zu ergründen. Doch die Zeit drängt, denn der Serienkiller, der bisher fünf Frauen tötete, hat bereits ein nächstes Opfer in seiner Gewalt: Catherine (Brooke Smith), die Tochter der Senatorin Ruth Martin (Diane Baker). „Hannibal the cannibal“ ist schließlich bereit, als Gegenleistung für haftmildernde Umstände den Namen des Täters, der einst sein Patient war, preiszugeben, um das Leben der jungen Frau zu retten – doch im entscheidenden Moment eskaliert die Situation…

„Hunger nach Schocks“

Ob Regisseur Jonathan Demme, geboren 1944, je Nietzsche gelesen hat? „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Sicher ist nur, dass Demme mit „Das Schweigen der Lämmer“ („The Silence Of The Lambs“, 1990) ein hybrides Meisterwerk der Kinogeschichte geschaffen hat, in dem sich die Blicke in die Abgründe der menschlichen Psyche zu einer völlig neuen Form steigerte. Die singuläre Leistung dieser Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsromans von Thomas Harris bestand in einer ausgeklügelten Synthese cineastischer Genre-Muster: Kriminalfilm, Thriller, Horror, Film Noir – all jene gut bekannten Versatzstücke schienen hier noch einmal wie unter einem Brennglas verdichtet und innovativ auf die Spitze getrieben. Dabei hatte Michael Mann die perfide Romanfigur des „mad scientist“ Dr. Hannibal Lecter bereits 1986 mit „Red Dragon“ zum Leinwand-Leben erweckt.

“Das Schweigen der Lämmer”, Szenenfoto

Abgründiges Film-Ungeheuer: Anthony Hopkins als Dr. Hannibal Lecter

Doch Demme und sein Kameramann Tak Fujimoto drehten die Schraube noch eine Windung weiter und verfeinerten die luzide Verknüpfung der Handlungsstränge und Sub-Plots – bis zu jener gespenstischen Parallelmontage im finalen Shootout, in dem sich Jodie Foster und Ted Levine einen der berühmtesten Zweikämpfe der Filmgeschichte liefern. Man übertreibt nicht, wenn man in diesen kammerspielartigen Schuss-Gegenschuss-Sequenzen eine mustergültige zeitgenössische Zuspitzung der Spannungstheorien Alfred Hitchcocks erblickt. „Unser stilistisches Konzept war, der Kamera den absolut subjektiven Blick von Jodie Foster zu geben. Alle sprechen direkt in die Kamera und die Kamera sieht all das, was sie auch sieht. Ich hielt das für notwendig – nicht einfach nur, um Clarice zu etwas Besonderem zu machen, sondern um das Publikum zusammen mit ihr ins Zentrum der Identifikation zu ziehen“, resümierte Demme und schloss: „Ich gehe ins Kino, weil ich hungrig nach Schocks bin.“

Die Hölle, die wir in uns finden

Die Früchte dieser Arbeit: „Das Schweigen der Lämmer“ erhielt bei den Verleihungen 1992 fünf Oscars in den Hauptkategorien. Das war zuvor nur zwei Werken gelungen: „Es geschah in einer Nacht“, 1934 und „Einer flog über das Kuckucksnest“, 1975. Ganz zur verzückten Verstörung der Kritiker: „‚Das Schweigen der Lämmer‘ ist vor allem eines: beängstigend – von den unheilvollen, verstörenden Kamera-Einstellungen bis zum schaurigen freudianischen Kontext“, urteilte die „Washington Post“, während der Rezensent der „Chicago Sun-Times“ gar noch nie zuvor „die Gegenwart des Bösen so unmittelbar gespürt“ zu haben glaubte. Nicht zuletzt springt die Überfülle der kunst- und kulturgeschichtlichen Referenzen ins Auge: so etwa die religiös codierte Dreifaltigkeit zwischen Hannibal (die dunkle Vaterfigur des zornigen Gottes), Jame „Buffalo Bill“ Gumb (der dionysische Sohn) und Clarice (die apollinische Tochter).

“Das Schweigen der Lämmer”, Szenenfoto

Mit den wohl besten darstellerischen Leistungen ihrer Karriere: Anthony Hopkins, Jodie Foster und Scott Glenn in „Das Schweigen der Lämmer“

Evident erscheinen zudem die zahlreichen Spiegelungen, Transmutationen und metaphorischen Ausbruchsbewegungen: Aus der menschlichen Haut, aus einem Insekten-Panzer, aus einem psychischen Phantasma oder einem physischen Käfig – stets inszeniert der Film mit perfider perspektivischer Perfektion präzise plazierter Details ein Fraktal des Indizien-Horrors und lockt die Einbildungskraft des Zuschauers unmittelbar aus der Deckung des sicheren Kinosaals hinaus auf jenen Kontinent, den „Psyche“ zu nennen wir uns seit Sigmund Freud angewöhnt habe. Eine stark verweste Frauenleiche in der Badewanne, ein ausgeweideter Polizist, drapiert an den Gitterstäben eines Käfigs wie ein Schmetterling, eine aufgedunsene Wasserleiche auf einem Seziertisch, die Larve eines Totenkopf-Falters, die im Rachen eines Toten steckt – diese Bilder sprechen aus der Hölle zu uns, einer bestialischen Hölle zudem, die wir in uns finden. Wie sagt Dr. Lecter zu Clarice Starling? „Look Deep Within Yourself!“

Tödliche Verschmelzung

Man muss zugeben, dass nicht zuletzt die intensive Zusammenarbeit des Regisseurs Demme mit dem FBI schließlich jene realistische Inszenierung des Psycho-Dramas möglich machte, das uns in der Figur des „Buffalo Bill“ begegnet. Die Rollengestaltung des Serienkillers erwies sich als tödliche Verschmelzung der Eigenschaften und Lebensgewohnheiten dreier realer Mörder, die das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit seit Dekaden erregt hatte: Ed Gein, der schon für die Figur des Norman Bates in Alfred Hitchcocks „Psycho“ als Vorbild diente, sowie Ted Bundy und Gary Michael Heidnik.

“Das Schweigen der Lämmer”, Szenenfoto

Finale furioso: Clarice (Jodie Foster) hat den Serienkiller zur Strecke gebracht

Nie zuvor hat ein Regisseur auf eine so ungeheure, ja erotische Weise jene ästhetische Variation des Grenzgangs zwischen Genialität und Bestialität mit der visuellen Macht surrealer Visionen auf die Leinwand gebracht. Dass dieses Unterfangen so ungemein übezeugend gelingen konnte, liegt natürlich besonders an der Riege grandioser Schauspieler, allen voran Jodie Foster und Anthony Hopkins, die hier zweifellos die wohl besten Leistungen ihrer Karrieren liefern. Soviel Prognose sei gewagt: Alle Epigonen dieses Sujets müssen sich auch künftig am konzeptuellen Niveau dieses im überbordenden Erfindungsreichtum schwelgenden Lichtspiels messen lassen – bisher jedenfalls ist kein würdiger Nachfolger in Sicht.

nächste Folge:
„The Pervert’s Guide To Cinema“
Wie sollen wir begehren? Slavoj Žižek über die Tücken cineastischen Genießens

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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