Susanne Viktoria Haupt
16. April 2018

Ein Anfang

Seitenansicht: „Was ein Mann ist“ von David Szalay

Mehr als ein Bild von einem Mann: „Was ein Mann ist“ von David Szalay, Buchcover

Neulich telefonierten ich mit einem lieben Freund. Und er beklagte sich darüber, dass er als Mann sich immer noch dazu genötig fühlt, sich für „weibliche Interessen“ zu rechtfertigen. Beispielsweise hat er einen kleinen Schuh-Tick. Er besitzt deutlich mehr Schuhe als ich und legt dabei sehr viel Wert auf Stil und Material. Und auch sonst interessiere er sich hier und da für Themen, die ansonsten wohl eher in den „weiblichen Interessenbereich“ fallen würden, sagte er. Ich konnte seinen Unmut absolut nachvollziehen, aber nicht das Verlangen nach Rechtfertigung der anderen.

Es gibt kein richtiges „männlich“ oder „weiblich“

Aber nur, weil ich solche Dinge nicht auf das Geschlecht bezogen hinterfrage, muss das nicht für alle gelten. Nicht umsonst sprechen wir seit geraumer Zeit von einer „Krise der Männlichkeit“. Anscheinend kennen Männer ihren Platz in der Gesellschaft nicht mehr. Sie sollen nun auf einmal Vollzeit-Familienväter sein, Feministen sein, aber dennoch auch „männlich“ sein. Sie dürfen sozusagen weder Fisch noch Fleisch sein, aber sollen irgendwie beides gleichzeitig darstellen. So empfinden das leider wirklich einige Männer. Es ist verständlich, wenn wir auf den Umstand blicken, dass immer noch in männlich und weiblich unterschieden wird, und nicht ganz individuell auf den Menschen geachtet wird. Darauf, dass jeder Mensch, ganz unabhängig vom sogenannten Geschlecht eine ganz eigene Persönlichkeit hat. Und diese Persönlichkeit ist stets von einem Facettenreichtum durchzogen und von einer einzigartiger Natur. Dabei gibt es kein männlich oder weiblich. Es gibt nur ein „Du“ oder ein „Ich“.

Literatur als Spiegel der Gesellschaft

Literatur ist seit jeher ein Spiegel der Gesellschaft. Nicht immer, aber sehr oft. Wie alle Künste. Denken wir nur einmal an Schillers „Räuber“. Ein Werk, dass den Zeitgeist der literarischen Anthropologie des 18. Jahrhunderts gekonnt eingefangen hat. Oder aber an Madeleine Bourdouxhe, die 1937 mit „Gilles Frau“ einen Kurz-Roman verfasst hat, der vor allem die Frauenbewegung stärkte. Literatur fängt auf und spiegelt wieder.

Mit Unsicherheit auf neue Herausforderungen reagieren

David Szalay hat nun mit seinem Roman „Was ein Mann ist“ einen Nerv getroffen. In insgesamt neun Episoden erzählt er von unterschiedlichen Männern rund um den Erdball, die zwischen 17 und 73 Jahren sind. Sie alle stehen an ganz unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben und haben ihre ganz eigenen Persönlichkeiten. Dabei geht es allerdings nicht primär darum, was diese Männer zu Männern macht, sondern darum, mit welch unterschiedlichen Herausforderungen sie konfrontiert werden und wie nonkonform sie sich verhalten. Denn nach dem „klassischen Mann“ suchen wir bei Szalay vergebens. Kein Mann, der auf den Tisch haut und ein „Macher“ ist. Seine Protagonisten sind Männer, die mit Unsicherheit auf neue Herausforderungen reagieren. Männer, die nur zu gerne Familie und Beruf unter einen Hut bekommen würden. Männer, die sich nach Sicherheit und Beständigkeit sehnen. Nach Liebe. Oder einfach ausgedrückt: Sie sind Menschen. Wie du und ich.

Einfühlsam und mit Augenzwinkern

„Was ein Mann ist“ ist ein Anfang. Ein Anfang, um einer breiten Masse einen Einblick zu gewähren, mit was ein Mann/Mensch so zu kämpfen haben kann. Und wie wenig sich das männliche Seelenleben von dem vermeintlich weiblichen unterscheidet. Dabei leitet uns David Szalay gekonnt einfühlsam, aber nicht ohne humorvolles Augenzwinkern durch die Lektüre. Und gerade diese Prise Humor macht den Episoden-Roman zu genau dem, was es ist. Ein unterhaltsamer Roman, der dennoch in die Tiefe tauchen kann und gedankliche Anreize gibt. Für ein bisschen mehr „Du“ und „Ich“ anstatt „Mann“ und „Frau“.

David Szalay: „Was ein Mann ist“, 512 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446258242, 24 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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